von Georg Dickmann

 

 

Ist die Gegenwart an ein Ende gekommen? Und wenn ja, wie könnte vor dem Hintergrund des politischen und ästhetischen Phlegmatismus eine Zukunftsgenossenschaft aussehen, die wieder in der Lage ist, Utopien zu formulieren?

 

Seit ein paar Jahren widmen sich Ansätze der neu-linken Philosophieströmung Akzelerationismus/Spekulativer Realismus diesen Fragen und formulieren statt rückwärtsgewandter Authentizitätsnostalgie und Verlangsamung ein neues Zukunftsbegehren, das der Ohnmacht und dem Stillstand der Gegenwart Bewegung entgegensetzen soll. Der Vorschlag des neuen Merve-Bandes Der Zeitkomplex Postcontemporary aus der Neo-Realismus-Schmiede Armen Avanessians ist, angesichts der gesellschaftlichen, ökonomischen und künstlerischen Transformationen der letzten 60 Jahre die Zeit der Gegenwart als eine spekulative Zeit zu begreifen. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass das chronologische Paradigma des Vorher-Jetzt-Nachher an ein Ende kommen ist. Wir befinden uns auch nicht einfach in einem beschleunigten Zeitalter der Hektik und Rastlosigkeit, sondern vielmehr in einer asynchronen Zeit, die nicht mehr wie ein Pfeil aus der Vergangenheit in die Zukunft fliegt, sondern aus der Zukunft in die Gegenwart. Das klingt nach Science-Fiction und ist es auch. J.G Ballard zufolge ist es ja so, dass Science-Fiction der bessere Realismus ist und auch einen privilegierten Zugang zu einer immer mehr unüberschaubar werdenden Gegenwart bietet – eine Gegenwart, die sich durch eine präemptive Logik auszeichnet. Präemptive Kriege, präemptive Polizeiarbeit oder einfach die Buchempfehlungen bei Amazon, in denen ein Algorithmus unsere Wünsche zu kennen meint – und immer öfter tatsächlich kennt –, bevor wir selber dies tun. Einen anderen Hinweis auf diese neue Zeitlichkeit gibt uns zum Beispiel die inflationäre Verwendung des Präfix „Post“ (Postmoderne, Postinternet usw.), die geradezu hilflos versucht, die Gegenwart begrifflich einzuzäunen: „Wenn wir also post-von-allem sind, dann scheinen auch die historisch gegebenen Semantiken nicht mehr zu funktionieren“ – so heißt es in der Einleitung der Herausgeber Armen Avanessian und Suhail Malik. Diese aus den Fugen geratene Zeit und die damit verbundenen sozialen, ästhetischen und politischen Verunsicherungen seien ein Effekt dessen, was die beiden als Zeitkomplex bezeichnen.

 

Der neue Herausgeberband aus der Merve-Reihe Spekulationen des berühmten Underdog-Verlags präsentiert sich gewohnt mit einer gewissen Hybris und umkreist erneut spekulative Konzepte der Zukunft aus finanztheoretischer, philosophischer, politischer und künstlerischer Perspektive. Dabei kommen auch Positionen zu Wort, die man nicht unbedingt in der Ecke des Spekulativen Realismus bzw. Akzelerationismus vermuten würde: Ong, eine Anthropologin aus Berkeley, die sich mit Regierungstechniken beschäftigt, oder auch die Soziologin Elena Esposito aus Modena, die sich in ihren letzten Veröffentlichungen bereits mit dem Begriff des Postcontemporary auseinandergesetzt hat. Esposito beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit Konstruktionen der Unberechenbarkeit als einem notwendigen Umgang mit den veränderten Zeitverhältnissen der Gegenwart. Es geht ihr vor allem darum, das Kontinuum, das die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet, anders zu denken als in der bekannten Vorher-Nachher-Logik. Dabei widmet sie sich der Finanzwirtschaft und beobachtet eine Veränderung von der kapitalistischen zur finanziellen Logik. Der Kern der Finanzwirtschaft sei nicht die Produktion, sondern der Kredit. Mit Krediten zu arbeiten, hieße, in der Gegenwart die Kontingenz der Zukunft auszubeuten. Leihe ich mir Geld von der Bank, um etwas zu gründen, was später erfolgreich sein soll, gehe ich eine Verpflichtung in der Zukunft ein, indem ich die Rückgabe zusage. Den möglichen Reichtum von später kann ich aber jetzt schon genießen. So weit so gut – bis dahin ist es das Koordinatensystem der Finanzwirtschaft, jedoch wird, so Esposito, der gegenwärtige Gebrauch der Zukunft durch Darlehen, Sicherheiten und Anleihen verstärkt. Die Zukunft wird instrumentalisiert und produziert immer größere Vermögen für die Betreiber. Das Zauberwort heißt hier also: „Derivatehandel“ – ein future mining in der Gegenwart. Die Zukunft wirkt sich also auf die Gegenwart aus, noch bevor sie stattgefunden hat. Diese spekulative Zukunft des Kapitals ist demnach immer schon umstellt und verhindert Konstruktionen der Unberechenbarkeit, in der Esposito ein emanzipatorisches Versprechen vermutet.

 

Nach den finanz-temporalen Überlegungen Espositos melden sich die beiden Verfasser des Akzelerationistischen Manifests zu Wort, die 2012 (#Akzeleration, Avanessian) den Grundstein für die Debatten rund um den Akzelerationismus in Deutschland gelegt haben. Analog zum Manifest richtet sich ihr Text gegen die geistige Sklerose und imaginative Schwäche der Linken in Sachen Utopie. Die beiden Theoretiker lassen noch einmal die Ziele und Forderungen des Manifests Revue passieren, um noch mal für alle klar zu machen, dass wir eine Revitalisierung eines positiven Zukunftsbegriffs brauchen. Dabei werden sowohl poststrukturalistische Denker als auch marxistisch-hegelianische Positionen zurückgewiesen. Weder der Lyotard’sche Nihilismus des Endes der großen Erzählungen und die Auflösung der Welt in fragmentarisch-dezentrierte Subjekte noch die Geschichtsteleologie Hegels seien die richtigen Denksysteme, mit denen man eine zukunftsorientierte Politik machen könne. Beide gehörten grob dem modernistischen Denken an und seien nur bedingt brauchbar. Williams und Srnicek plädieren stattdessen für einen Transmodernismus, der sowohl universell als auch partiell ist, sowohl dynamisch als statisch. Ong schlägt im nachfolgenden Gespräch mit Avanessian und Malik in die gleiche Kerbe, mit dem von Gilles Deleuze entlehnten Begriff des „Gefüges“, der sowohl die globalen als auch die situativen Kräfte miteinbeziehen soll. Obwohl die Absetzbewegung vom Poststrukturalismus ununterbrochen im Vordergrund steht, ist der Beigeschmack der immanenten Kritik überall spürbar. Das bekannte Kredo ist: mit den Mitteln der freigesetzten Kräfte des Kapitalismus durch den Kapitalismus navigieren.

 

Victoria Ivanovasʼ Aufsatz setzt gewissermaßen da an, wo Aihwa Ong und die beiden Beschleuniger aufhören. Sie nimmt sich in ihrem Beitrag die Menschenrechte vor. Genau wie das gelähmte Denken der Linken sei auch das Konzept der Menschenrechte „peinlich anachronistisch“, da es auf die Komplexität (den Zeitkomplex) der Gegenwart nicht mehr zugreifen könne. Vor allem das nach wie vor statische und anthropozentristische Subjektbild der Menschenrechte sei ein veraltetes Konstrukt, das an den gegenwärtigen „interkonnektiven Verhältnissen“ vorbeidenkt. Das Spannende an Ivanovas Beitrag ist die Analog-Setzung der Funktionsweisen der Menschenrechte mit denen der Kunst. Beide würden dem moralisch-starren Subjekt der Aufklärung treu bleiben. Das zeitgenössische Kunstregime habe jedoch den entscheidenden Vorteil, das Subjekt sowohl zum Gegenstand zu haben, als auch die Bedingungen seiner Subjektivierung offen zu legen – damit rekurriert Ivanova vor allem auf Derridas berühmten Text Gesetzeskraft, der aufzuzeigen versucht, dass das Recht die Komplexität und die Feinheiten eines Subjekts niemals vollständig erfassen könne. Diese Feinheiten der sich immer weiter verschiebenden Zentralität des Subjekts könne jedoch vor allem die Kunst problematisieren.

 

Benjamin H. Bratton führt die Kritik an einer zu sehr „menschelnden“ Denke weiter und warnt vor zu viel Humanismus. Er plädiert für ein spekulatives Design jenseits des Humanen. Und mit Design meint er nicht visuellen Dekor, sondern Designation: die Kombinatorik und radikale Umgestaltbarkeit von Materie in all ihren Ausformungen (Medien, Körper, Institutionen). Bratton spricht sich für neuere Technologien als Gestaltungsmittel zukünftiger Gesellschaftsformationen aus. Um nicht in naive Technikaffirmation zu verfallen, benutzt er den Begriff des pharmakons: Technologie ist sowohl Heilmittel als auch Gift und lässt sich nicht in die eine oder andere Seite auflösen. Über den Ausgang dieser Dialektik sei noch nicht entschieden, deswegen müsse die Erforschung ihrer Möglichkeiten so lange wie möglich offen bleiben. Ein fruchtbarer Gedanke, der jenseits der Dichotomie von Techniknihilismus und naiver Affirmation neue Einsichten für eine zukünftige trans- bzw. posthumane Gemeinschaft ermöglichen könnte.

 

Dieser Überlegung widersprechen die XenofeministInnen der Laboria Cuboniks in ihrem Gespräch mit Avanessian und Malik keinesfalls. Die Modellierung und Transformation von Körpern, Geschlechtern und Institutionen sind Kernprogramm des polymorfen Kollektivs, bestehend aus 6 Frauen aus 5 Ländern, die an neuen Formen des Feminismus arbeiten. Wer dea ex machina gelesen hat und noch Fragen an die Programmatik des Xenofeminismus hat, bekommt in dem kurzen Interview noch mal komprimiert alles Wichtige zur Zukunft des post-gender. Die feministische Zukunft in Zeiten des spekulativen Zeitkomplex umarmt die Entfremdung und sieht darin einen produktiven Anstoß zur Emanzipation. Mit dem Drive des univoken Seins von Deleuze und Haraway beschwört die Gruppe nicht die Auflösung der sexuellen Differenz, sondern ihre Vervielfältigung. Gleichzeitig verortet sie die spekulative Zeitlichkeit in einem quasi-theologischen Bereich, der etwas abgekoppelt ist von den konkreten Paradoxien unserer Lebenswelt.

 

Das Buch endet mit Science-Fiction, mit einem Genrehybrid – weder einfach philosophisch noch literarisch –, und das ist konsequent, denn der Text „Briefe vom Ozean-Terminal“ von David Roden ruft noch einmal das Kredo des Herausgeberbandes in Erinnerung; wenn man eine bessere Zukunft will, dann muss man aus der Zukunft denken. Der vor Diskurs nur so triefende Text ist ein Streifzug durch abjekte Phänomene der Fiktion, Politik und Zeitphilosophie. Der Theorie-Essay Rodens liest sich dementsprechend wie eine sperrige Beschreibung eines Experiments, dessen Versuchsanordnung nicht ganz klar ist. Aber genau darin liegt die Stärke des Textes und auch des gesamten Buches; nämlich das unvorsichtige Imaginieren einer uns zunächst fremd erscheinenden Zeitlichkeit und das damit entstehende Testgelände, auf dem Experimente erprobt werden können. In einer Zeit, wo der Begriff der Zukunft nur noch als Drohung existiert, muss man wahrscheinlich zuerst rennen, bevor man laufen kann, um Zukunft als Versprechen wiederzukriegen. Deleuze hat einmal geschrieben, ein gutes philosophisches Buch müsse wie eine Art Science-Fiction beschaffen sein. Das ist den Herausgebern und Autoren von Zeitkomplex Postcontemporary auf jeden Fall gelungen.

 

 

Armen Avanassian & Suhail Malik (Hg.):

Der Zeitkomplex. Postcontemporary, Merve 2016

 

Zeitkomplex

 

Georg Dickmann hat in Düsseldorf und Berlin Philosophie und Literaturwissenschaften studiert. Er ist freier Kurator und freier Journalist in Berlin und promoviert zur Zeit über Poetiken des Posthumanen der gegenwärtigen Science-Fiction-Literatur am Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ (Universität der Künste).