Schauspielerin:

Sie haben es wahrscheinlich schon geahnt:

Mein Name ist Thilo Sarrazin.

Sie werden mich wahrscheinlich kennen

wegen dem Buch oder auch

wegen des Buches, das ich geschrieben habe.

Es ist viel darüber gesprochen und gestritten worden.

Ich weiß, ich kann mich nicht darüber beklagen

über diese ganze Aufmerksamkeit

es wäre unanständig, sich darüber zu beklagen

aber ich bin eben doch, trotz allem

sehr deprimiert, weil ich das Gefühl habe

dass mein eigentliches Anliegen

untergegangen ist in all der Aufregung

dass nur die provokativen Elemente wahrgenommen wurden, aber das

worum es mir geht, was doch das Eigentliche ist

und was ich wirklich für sehr wichtig halte

nicht.

Und ich dachte jetzt

ich dachte

ja

ich dachte: vielleicht verstehen Sie mich besser

wenn Sie verstehen, wie ich zu meinen Thesen gekommen bin

das heißt:

wer ich bin und weshalb mir das alles

so wichtig ist.

Ich möchte Ihnen daher ein paar Dinge

aus meinem Leben und vor allem

aus meiner Kindheit erzählen, wenn ich das darf?

 

Falls jemand etwas dagegen haben sollte, ist der Monolog an dieser Stelle beendet und die Schauspielerin verlässt die Bühne.

 

Ok.

Ich wurde 1945 geboren und entwickelte mich zunächst gut.

Ich lernte schnell die Dinge, die man als Kind zu lernen hat:

  • 1. Das Sprechen von Sprache.
  • 2. Das Gehen auf zwei Beinen im Flur und auf der Treppe.
  • 3. Das Essen mit einem Löffel.
  • 4. Das Trinken aus einem Glas und
  • 5. Das Trinken aus einer bemalten Tasse.
  • 6. Das Aufsagen des Vaterunsers.
  • 7. Das Singen eines Liedes, das von drei kleinen Igeln handelt.
  • 8. Das Singen eines Liedes, das von einem Mann handelt, der auf Reisen geht und dort unter anderem einen Zwerg trifft.
  • 9. Das Schreien vor Wut.
  • 10. Das Zerschneiden von Pappkartons mit einer metallenen Schere in Stücke, die aussehen wie unterschiedliche Hunde.
  • 11. Das Wiederaufstellen einer versehentlich umgeworfenen Zimmerpflanze.
  • 12. Das Schlafen in einem Bett.
  • 13. Das Belegen einer Roggenbrotscheibe mit einem hellgelben Stück Käse.
  • 14. Das unaufhörliche Spielen mit einer zerkratzten Murmel im Sand.
  • 15. Das Erzeugen des Geräuschs, das entsteht, wenn man in eine leere Teekanne pustet.

All diese Dinge lernte ich schnell.

Und noch etwas lernte ich:

Eines Morgens

(ich muss drei oder vier Jahre alt gewesen sein)

als meine Mutter einkaufen war

wollte ich ihr eine Freude machen und ganz so, wie sie es sonst immer tat

den Herd in der Küche schon mal anheizen.

Also nahm ich meine Bauklötzchen und begann

sie nacheinander in den Herd in die Glut fallen zu lassen

wo sie schnell zu brennen begannen.

Da kam meine Mutter vom Einkaufen zurück und schrie:

Du kannst doch nicht einfach deine Bauklötzchen in den Ofen werfen!

Aber ich antwortete ihr, dass sie doch auch

immer Holz in den Ofen tun würde

worauf meine Mutter schrie:

Aber ich tue das Holz hier von neben dem Ofen hinein

keine Bauklötzchen, die sind zum Spielen da!

Da antwortete ich, ich könne ja einfach stattdessen

mit dem Holz von neben dem Ofen spielen.

Da schrie meine Mutter:

Das Holz von neben dem Ofen

ist Feuerholz

und keine Bauklötzchen

und die Bauklötzchen

sind kein Feuerholz!

Die Bauklötzchen sehen ja auch ganz anders aus

als das Feuerholz

das sieht man ja auch sofort

ist das denn so schwer zu begreifen!

Ich wollte das aber nicht einsehen und antwortete:

Aber Mama

jedes Feuerholzteil und jedes sogenannte

Bauklötzchen sieht doch für sich

auch völlig unterschiedlich aus:

Die Einteilung in Feuerholz und Bauklötzchen ist deshalb doch völlig willkürlich!

So ein Blödsinn!, schrie meine Mutter.

Doch, schrie ich bockig, das ist doch einfach nur eine soziale Konstruktion!

Da wurde meine Mutter so zornig, wie ich es noch nie erlebt hatte.

Sie schrie: Du hast sie wohl nicht mehr alle!

Ich zeig dir soziale Konstruktion!

Sie packte ein Nudelsieb, das in der Ecke stand

(eigentlich war es ein Badmintonschläger

aber damals benutzten wir ihn als Nudelsieb

da echte Nudelsiebe nach dem Krieg Mangelware waren)

und schlug mir damit wie verrückt auf meinen Rücken

hier und hier und hier und hier und hier…

 

Die Schauspielerin haut sich hart mit den eigenen Händen auf den Rücken, sie versucht verzweifelt jede mögliche Stelle zu erreichen.

 

…und hier und hier und hier

und hier und hier

und hier

und

obwohl es wahnsinnig weh tat

blieb ich stehen

ja, ich blieb stehen, weil ich selbst so erschrocken darüber war

dass ich so trotzköpfig auf meinem

Standpunkt beharrt hatte.

(Die Gewalt machte mir

diese Erinnerung ganz fest, als wäre sie

ein kleiner Stein, und ich nahm ihn mit.)

Auch an ein anderes Ereignis erinnere ich mich sehr genau

ein Ereignis im Kinderheim, denn einige Jahre später, mit sieben

kam ich in ein Kinderheim nach Utting am Ammersee.

Nach einem halben Jahr aber zog das Kinderheim plötzlich um.

Ich rief meine Eltern an und fragte

ob ich nicht lieber in ein benachbartes Kinderheim

in Utting wechseln sollte, aber meine Eltern sagten:

Kommt gar nicht in die Tüte, wir haben extra

genau dieses Kinderheim für Dich ausgesucht

und Beständigkeit ist das Wichtigste für ein Kind!

Also blieb ich in dem Kinderheim.

Ich zog mit dem Kinderheim zunächst nach Waldfeucht

an die holländische Grenze in einen Klinkerbau

der früher eine Brauerei gewesen war.

Nach einem dreiviertel Jahr zog mein Kinderheim

erneut um, diesmal nach Neustadt im Lahnkreis

wo es im Gebäude einer ehemaligen Kurklinik unterkam.

Dort blieb es für wenige Tage

dann zog das Kinderheim nach Aix-en-Provence

am gleichen Tag aber weiter in eine Höhle im Zentralmassiv

und nach knapp zwei Monaten nach Höchberg

einem Vorort von Würzburg, wobei das Personal wechselte

und auch die meisten Kinder und fast alle Möbel

bis auf einen Notenständer und ein Schuhregal

und von Höchberg dann nach eineinhalb Jahren zurück nach Utting

in das Gebäude eines alten Gymnasiums

etwa einen Steinwurf vom ursprünglichen Gebäude entfernt.

Aber auch wenn ich die Zeit als recht anstrengend empfand

denke ich noch immer, dass es letztlich richtig war

dass meine Eltern entschieden hatten

das Kinderheim nicht zu wechseln

denn das hätte wahrscheinlich nur unnötig Unruhe

in mein Leben gebracht, und davon

hatte ich in der Zeit ja durch die ganze Umzieherei

sowieso schon genug.

Jedenfalls: Wieder in Utting angekommen

freundete ich mich mit zwei anderen Kindern des Internats an:

Ulrich und Lorenz.

Die Pubertät hatte begonnen, wir hatten angefangen

unsere Sexualität zu entdecken und unsere Körper

wir experimentierten viel herum

mit leeren Joghurtbechern masturbierten wir

mit Bürostühlen

mit Grünpflanzen

mit Elvis-Platten

mit alten Autoreifen

mit frischen Birkenzweigen

mit Büchern von Hermann Hesse

und mit was weiß ich

noch allem.

Eines Tages aber kam Lorenz zu Ulrich und mir und sagte:

Ich habe es heute Nacht

mit einer Hefeteigfigur

mit wunderbar dunklen Rosinenaugen

getrieben und es war

besser als alles

jemals zuvor.

Ulrich und ich wollten es natürlich auch ausprobieren

und also trafen wir uns abends mit Lorenz in Ulrichs Zimmer.

Ich hatte gerade das Hefeteigmännlein

das ich am Nachmittag gekauft hatte

ausgepackt und wollte ein Loch

mit dem Finger in den Bauch machen

da schrie Lorenz entsetzt:

Thilo ist eine Dreckschwuchtel, er ist eine schwule Dreckschwuchtel!

Ich verstand nicht, was er meinte

aber da sah ich

dass Lorenz’ und Ulrichs Hefeteigfiguren

nicht wie meine zwei Beine hatten

sondern ein Dreieck, das wohl einen Rock

darstellen sollte.

Ich sagte:

Aber das ist doch egal

es geht doch nur darum

wie es sich anfühlt

darum geht es doch

es ist doch egal

es geht doch nur darum

wie es sich anfühlt

darum geht es ja doch

sonst ist es doch

völlig egal.

Aber Lorenz und Ulrich stürzten sich auf mich

und schlugen mir wie wild

in und auf die Eier und um die Eier herum

und ins Gesicht

immer wieder.

Danach

sprach niemand mehr mit mir

im ganzen Kinderheim

ich war von da an allein

ich war am Ende

so sehr

dass ich mit dem Gedanken spielte

mich im Ammersee zu ertränken.

Aber dann dachte ich

das ist so eine saudumme Scheißidee

sich in diesem vollgeschissenen Kacksee

zu ertränken, dass ich es doch

lieber bleiben ließ

und letztlich war es ja gut so.

Aber ich erinnere mich noch, wie verzweifelt ich damals war

wie ich da am See saß, zwischen dem Schilf, ganz neblig war es

und wie ich einfach nicht mehr weiter wusste.

 

Eine Nebelmaschine pustet etwas Nebel auf die Bühne.

 

Da ist ja der Nebel! Da sehen Sie’s!

Ich hatte es ja gesagt! Ich hatte ja gesagt, dass es neblig war!

Da haben Sie’s!

Ich saß im Nebel am Ufer und konnte nicht aufhören zu heulen.

Nicht weit entfernt von mir

am Rand des Schilfs, saß eine Ente und putzte ihr Gefieder.

Irgendwann sagte sie:

Sei nicht so betrübt. Die Zeit heilt alle Wunden.

Da fiel mir ein Stein vom Herzen.

Ja, dachte ich, die Ente hat Recht, es wird schon wieder gut werden.

Dann aber, nach einer Weile, sagte die Ente:

Ach was, wenn ich so darüber nachdenke, ist das eigentlich Blödsinn. Das ist nur ein Sprichwort, und man denkt, es sei wahr, weil es immer alle sagen, diese Sprichwörter, das ist doch ein Blödsinn, so kann man doch Sprache nicht verwenden, so eine behämmerte vorgebliche Allgemeingültigkeit, als wäre jede Wunde gleich und alle würden gleich heilen und als wäre alles immer ganz genauso, das stimmt doch gar nicht, so ein Quark, da wird man nur verarscht von der Sprache, und zwar total.

Ich war ziemlich mit den Nerven am Ende.

Ich wusste nicht mehr weiter.

Die Zeit im Heim wurde mir von da an

zu einem ewigen, finsteren Zuber

aus dem es keinen Ausweg zu geben schien

und es wurde nicht besser, niemand

sprach mehr mit mir, niemand, ich war völlig

isoliert, es war mir

als müsste mein Herz dort verlöschen.

Und irgendwann hielt ich es nicht mehr aus.

Ich musste das Kinderheim verlassen.

Es ging nicht mehr.

Erst als ich wieder nach Hause kam

hatte ich das Gefühl, mein Leben endlich

richtig beginnen zu können:

Ich machte das Abitur und lernte Einradfahren

ging nach Bonn und studierte

wurde Referent im Bundesministerium für Finanzen

sah, wie in den Siebzigern ein Sturm eines Abends

eine Kiefer in unserem Wohngebiet umknickte

arbeitete bei der Treuhandanstalt, und 1996 oder 97

kaufte ich mir einen silbergrauen Renault Mégane

wurde Mitglied im Bundesbankvorstand

und 2002 riss mir auf dem Nachhauseweg

ein mit Einkäufen gefüllter Jutebeutel

mitten auf einer vielbefahrenen Straße und die Mandarinen

rollten davon wie kleine runde Tiere und ich

konnte sie nicht aufheben, und so wurde ich

das, was ich heute bin.

Vor allem aber die frühen Erlebnisse

die Erlebnisse in meiner Kindheit

haben dazu geführt

dass ich mein Buch geschrieben habe

dass ich das ‚Kontrasexuelle Manifest’ geschrieben habe

in dem es darum geht

die Unterteilung in Geschlechter aufzuheben

indem man von nun an den Anus als Zentrum der Lust

definiert, als eigentliches Geschlechtsteil

aber das ist nie ernsthaft diskutiert worden

es ist nie richtig darüber gesprochen worden

sondern alle haben sich nur darauf gestürzt

auf die Provokation, die darin steckt

gerade über das Arschloch den Menschen

definieren zu wollen, aber fast niemand

hat ernsthaft darüber diskutiert

was es bedeuten würde

wenn man den Anus tatsächlich als eigentliches

Lustzentrum begreifen würde

die Idee der Geschlechter wäre aufgehoben

denn jeder hat ein Arschloch

jeder hat ein Arschloch

aber niemand hat meine Thesen ernst genommen

alle haben sich nur auf die Provokation gestürzt

ohne auch nur einmal darüber nachzudenken

was es bedeuten würde

was es doch für uns alle bedeuten würde

die Trennung der Geschlechter wäre aufgehoben

die Trennung wäre endlich aufgehoben

aber niemand hat sich wirklich damit beschäftigen wollen

alle haben es einfach nur abgetan

weil es im ersten Augenblick so abseitig wirkt

dabei liegt doch in der Idee

den Anus als eigentliches Genital

zu definieren und damit endlich

die Unterteilung in Geschlechter aufzuheben

eine unglaubliche Chance

für unser Miteinander

und ich bitte Sie

ich wollte Sie bitten

tun Sie es nicht einfach ab

sondern geben Sie dem Gedanken

geben Sie meinem Gedanken

auch wenn er zunächst

wie eine dumpfe Provokation aussieht

zumindest eine einzige

Chance.

Ich bitte Sie darum.

Auf Wiedersehen.

Auf Wiedersehen.

 

 

 

 

Monologe

 

Wolfram Lotz: Monologe

Mit einem Nachwort von Hannes Becker

96 Seiten, Volte No. 1, Spector Books Leipzig

ISBN 978-3-944669-10-6, 10 Euro 

 

Dieser Text ist ein Auszug aus 

der Materialsammlung »Zerschossene Träume«

© S. Fischer Verlag Theater & Medien