Zugfahren schärft die Aufmerksamkeit und macht sehr rezeptiv für Welt und Text. Wenn ich auf der achtstündigen Reise von Berlin nach Paris im sogenannten Bordrestaurant sitze, überfliege ich zunächst die Menüvorschläge des Fernsehkochs Horst Lichter, den man wohl für exzentrisch halten soll, und lande dann doch bei Bohnenkaffee und diesem Butterkuchen, der warm serviert wird und mich jedes Mal fast um den Verstand bringt, so lecker ist der.

 

Kurz hinter Fulda setzt ein Mann sich neben mich, der von Kopf bis Fuß neon trägt: neongelbe Baseballkappe, neongelbe Brille, eine Trainingsjacke in Nagasaki-Orange und senffarbene Chinos. Er winkt den Keller kurz zu sich, um die Fronten zu klären: „Nur damit ihr’s wisst, ich bleib’ jetzt bis Freiburg hier sitzen.“ Bei ihm wirkt sogar eine Strategie sympathisch, die ich sonst eher verräterisch finde. To soften the blow des ungefragten Anduzens richtet man sich lieber gleich an ein im Plural imaginiertes Gegenüber.

 

Vor mir liegt die F.A.S. Der Sommer ist vorbei, das tut dem Feuilleton gut. In letzter Zeit hatten mir eigentlich nur die kurzen Texte von Claudius Seidl wirklich gefallen, die mich in dem Verdacht bestätigten, dass die Themen, die aufgegriffen werden, relativ egal sind. Wichtig sind die Gedanken, die sich jemand dazu macht: Wie interessant sind die? Seidls Suada gegen die Ostsee, von der in Sachen Urlaub schon allein deshalb nichts zu erwarten sei, weil sie, von Deutschland aus gesehen, in die völlig falsche Himmelsrichtung weist, war großartig und machte komplett Sinn.

 

Obwohl die finanziellen Grundlagen fehlen, will ich auf keinen Fall den Plan aufgeben, mir in nicht allzu ferner Zukunft eine Wohnung, vielleicht sogar ein kleines Haus an Frankreichs Mittelmeerküste zu kaufen. Ich habe Birthe den ganzen Sommer damit zugequatscht: Wie schön und wichtig und richtig es sei, einfach mal vier oder sechs Wochen, nein: nicht etwa Urlaub zu machen, sondern den Alltag für eine Weile in den Süden zu verlagern. In Deutschland ist das ja leider ein Mittelschichtsprivileg. Aber den Franzosen ist das Haus am Meer, was den Ossis die Datsche. Im Abécédaire – war es bei e wie enfance? – beschreibt Deleuze, wie das von der linken Front populaire-Regierung in den dreißiger Jahren eingeführte Urlaubsgeld zum sozialen Wandel am Strand führte. Cord schrieb vor kurzem in der jungle world darüber: Deleuze, der damals selbst noch ein Kind war, erinnert sich an ein Arbeiter-Mädchen, das zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer sah und vor Lebensfreude fast überschnappte. Deleuze fand’s gut, Deleuzes Mutti eher weniger, zumindest behauptet Deleuze das.

 

Berlin raubt mir Energie, das merke ich immer mehr. Ich verlasse die Stadt oft erschöpft, mein Lebensrhythmus wird erst klebrig, dann bewegt sich fast gar nichts mehr. Armen Avanessian hingegen macht einen frischen Eindruck, obwohl er mittlerweile fast vollständig ergraut ist. Die Reaktionen auf den Akzelerationismus werden dümmer und schlimmer, gerade die Frankfurter sind in ihrer Meckermerkelhaftigkeit nicht zu überbieten. Armen wird persönlich. Das Ziel: ein Leben ohne Plan, das frei von Ressentiment ist. Irgendwie passend, dass wir am Tag vor meiner Abreise auf „Spinoza und das Problem des Ausdrucks“ zu sprechen kamen, den zweiten Teil von Deleuzes Diss, der sich historisch gibt, aber eigentlich Bausteine für eine praktische Philosophie des 21. Jahrhunderts liefert. Im letzten Abschnitt des Buches geht es um Affekte, Affirmation, Negation und Positivität und wie das alles zu gewichten ist in der eigenen Existenz. Was immer wieder auffällt: Armens fast schon unternehmensberaterische Geschwindigkeit. Der Mann macht schneller Bücher, als ein FAZ-Redakteur Roland Berger sagen kann.

 

Niklas Maak ist diese Woche nach Paris gefahren, um sich anzusehen, was dort geistig gerade so passiert. Der Artikel ist gleich auf der ersten Seite. Die Anordnung der Photos, auf denen die Romanautorin Anne Berest und der Philosoph Quentin Meillassoux zu sehen sind, ist unglaublich. Meillassoux’ Gesicht verrät mittlerweile, dass nichts seinen spekulativen Spirit so sehr befeuert wie die „steak frites“ zum Mittagessen. Das glaubt mir jetzt wieder keiner, aber ich hab’s doch gesehen, fast jeden Tag. Das hält Meillassoux allerdings nicht davon ab, auf dem Photo genauso zu schmachten, wie es Anne Berest ihm vormacht.

 

Joachim Lottmann, sonst eine der unangenehmsten deutschsprachigen Textpersönlichkeiten, erweist sich diesmal als Idealbesetzung, um im Selbstversuch über die neuen Höflichkeitsformen zu schreiben, die Airbnb hervorbringt. „Ich bekam die Wohnung jedes Mal sauberer zurück, als ich sie übergeben hatte. So sparte ich sogar noch die Reinigungsgebühr, die obligatorisch draufgeschlagen und mir ausgezahlt wird. Normalerweise bekommt das Geld Beata, unsere polnische Putzfrau. Auch schrieben die reifen Damen schöne Bewertungen über meine Wohnung – und das ist ja das Wichtigste bei all diesen Geschäftsmodellen. Bald standen über ein Dutzen Lobpreisungen im Netz. Manchmal merkte ich, dass jemand unzufrieden war und das womöglich in die Bewertung aufnehmen würde. Ich war dann besonders nett, brachte ihn noch zum Flughafen, lernte Worte seiner Landessprache auswendig oder schenkte Blumen, Obst oder eine Flasche Prosecco. Freundschaft unter Fremden kann so einfach sein und tut allen gut.“ Wer’s kürzer, griesgrämiger, aber auch weniger unterhaltsam will, greift zu Byung-Chul Han, der heute in der SZ wie stets resigniert feststellt: „In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert.“

 

Johanna Adorján interviewt dann noch Jonathan Meese, dessen Unbeliebtheit umgekehrt proportional zu Merkels Beliebtheit zu sein scheint. Ich finde ihn manchmal einfach lustig.

– „Für ihre neue Ausstellung haben Sie auch weiterhin viele Parsifal-Motive gemalt. Für 2016 machen Sie für Bayreuth ja auch ein Bühnenbild.“

– „Ich mal’ auch Richard Wagner gerne, weil der auch so leicht zu malen ist mit seiner Mütze, mit seinem klaren Gesicht. Warum soll ich auch etwas malen, was schwer zu malen ist? Warum? Gibt’s doch keinen Grund.“
Eben.