Der Geheimkongress des Schriftstellerverbandes
der DDR im Dezember 1989 –

Vom 29. bis 31. Dezember 1989 veranstaltete der Schriftstellerverband der DDR im Gutshaus von Groß Birsin, einem Weiler zwischen den Wäldern der Ruhner Berge, südöstlich vom mecklenburgischen Parchim gelegen, einen seiner letzten Kongresse. Anders als der weithin bekannte Kongress im Ost-Berlin des März 1990, bei dem der langjährige Präsident Hermann Kant in stillem Zorn von Rainer Kirsch abgelöst wurde, hat das Autorentreffen auf Gut Groß Birsin leider bisher wenig Beachtung in Öffentlichkeit und Forschung gefunden. So gut wie im Geheimen liefen die Vorbereitungen dafür, so gut wie im Geheimen fand der Kongress schließlich statt. Die lückenhafte Chronik dieser letzten Dezembertage des Jahres 1989 kreist beharrlich um eine Reihe unerhörter Ereignisse und perpetuiert die Literatur der untergegangenen DDR als ein dunkles Zentrum bis weit in unsere selbstgenügsame Gegenwart hinein.

 

Der Schriftsteller Hermann Kant, Verbandspräsident seit 1978, erreicht am 29. Dezember den Gutshof gegen 15 Uhr mit einem starken Schnupfen, bezieht ein Zimmer unter dem Dach und wird es bis zum späten Abend des 31. Dezember nicht mehr verlassen. Seine Stellvertreter Hartmut Seiring, Ingeborg Schütz-Gronauer und Günter Uhrmann leiten das Geschäft der folgenden Tage in seinem Namen.

 

Um 18 Uhr, das Abendessen wird bereits im herrschaftlichen Festsaal serviert, fahren vier Taxis mit den ersten Verbandsmitgliedern die Allee zum Gut hinauf. Unter den zwölf Fahrgästen befinden sich der Lyriker Bernd Aschersleben, die Kinderbuchautoren Agnes und Heinz Mittelstädt, der Hörfunkdramatiker Tom Volta und der Romancier Joost-Wilhelm Kuhl.  

 

Während des Abendessens treffen weitere Kongressteilnehmer ein. Von Christa Wolf heißt es, sie habe den Zug verpasst. Erste Gespräche bei Tisch drehen sich um wilde Träume, japanische Autos und nichtschließende Fenster.

 

Nach dem Essen begrüßt Hartmut Seiring alle bereits anwesenden Schriftsteller mit seinem Grundsatzreferat „Vorbei, vorbei! Oder: Was du heute kannst besorgen …“ Seiring spricht die massiven Verwirrungen an, denen ausgesetzt sich viele Autoren der DDR zu diesem Zeitpunkt fühlen würden. Leokadia Albrecht, Dramatikerin aus Dresden, wirft ihm vor, wohlmöglich der einzige zu sein, den solche Verwirrungen peinigten. Schnaps wird serviert. Alles lacht. Ingeborg Schütz-Gronauer warnt, man wolle den Abend zwar nicht künstlich in die Länge ziehen, aber man habe noch so einiges miteinander zu klären. Sie entschuldigt Hermann Kant und hält seine Eröffnungsrede des Kongresses, der Titel ist: „Zur Lage“. „Kehre vor deinem eigenen Haus, und du kehrst dich selbst zu dir zurück“, heißt es darin auf etwas umständliche Art. „Der Besen, den du heute gebrauchst, kann morgen schon Strick, Antenne oder Anker sein.“ Ratloses Schweigen. Die Alten gehen zu Bett.

 

Bis in die tiefe Nacht hinein lesen Bernd Aschersleben, Kirsten Greinert und Lutz Hempel Gedichte. Zwei Redakteure der Zeitschrift „neue deutsche literatur“ brechen die verschlossene Türe zur Küche auf und plündern die Alkoholvorräte. Flaschen werden herumgereicht, man mahnt zur Mäßigung. Joost-Wilhelm Kuhl behauptet, dass eine Idee per se nicht imstande sei, zu verschwinden. Man korrigiert ihn: Es sei denn, derjenige, der sie denkt, stirbt, bevor er sie ausspricht. Draußen im Park schreit eine Katze. Um vier Uhr morgens erreicht Erwin Strittmatter das Gutshaus. Er betritt den Festsaal und erblickt seine Kollegen, beieinander hockend wie Gespenster, vor denen sich niemand mehr fürchtet. „Die Nacht war lang und ist noch nicht vorüber“, sagt er leise und schickt alle auf ihre Zimmer.    

    

Am Morgen des 30. Dezember sieht man Günter Uhrmann im Gutspark Sport treiben. Die Küchenmitarbeiter nehmen die dampfenden Bäckerbrötchen in Empfang und beschweren sich über die Unordnung. Duschen rauschen. Wer jetzt noch schläft, träumt wundersam. Um 10 Uhr beginnt das Plenum. Strittmatter spricht: „Wer das Warten nicht aushält, hat den Verstand verloren.“ Freundlicher Applaus. Jemand flüstert: „Wie blöd kann man sein?“ Hartmut Seiring ruft dazwischen: „Unsere schöne Weltliteratur!“ „Schreib erst mal selber was, Arschbanane“, hört man es den hinteren Reihen murren. Eine kurze Pause wird abgelehnt. „Was diskutiert werden muss, muss diskutiert werden“, meint Strittmatter. Heinz Mittelstädt, der ein Leben lang Geschichten über kleine Jungen schrieb, die lauter Abenteuer erleben, flüstert seiner Frau Agnes ins Ohr: „Genau so, wie wir es machen – die einzig richtige Art. Aber wer wird das in Zukunft begreifen?“ Ingeborg Schütz-Gronauer wagt den Einwand, der Sozialismus überlebe schließlich alles, auch die deutsche Wiedervereinigung. „Wir schreiben“, sagt Bernd Aschersleben, „weil wir eben immer schon geschrieben haben.“ Da solche Argumentationsketten niemals zu einem befriedigenden Ende führen, vertagt man alle Sitzungen auf den Nachmittag. Also wird getafelt: Filet vom Wildschwein aus dem Mecklenburger Wald, Kartoffelknödel, Rotkraut, süßer Quark. Die Autoren bekommen ihre Freizeit, Paare finden sich zum Federball auf der Wiese zusammen (es ist ziemlich kalt), einige halten Mittagsschlaf. „IM Klopstock“ steht allein auf der Terrasse und beobachtet das Laub, das der Wind über den See weht.

 

Die Mokkakannen stehen um 16 Uhr bereit. Man schart sich um die Kuchenwagen. Tom Volta verspritzt versehentlich Kaffeesahne. „Unseren Kindern der Sieg!“ tönt es aus einer Ecke des Raumes. „Doch eine kühle Grube ist unser Bett!“ schallt es aus einer anderen Ecke zurück. Hier und da macht sich eine kleine Empörung breit. Hartmut Seiring scheucht alle in den Plenarsaal, bevor noch Geschirr zu Bruch geht.

 

Eine halbe Stunde wartet man auf das Erscheinen Hermann Kants, doch Ingeborg Schütz-Gronauer vertröstet die Anwesenden mit der Nachricht aus seinem Zimmer: Der Präsident ist unpässlich und wird es noch eine Weile bleiben. Da niemand so recht weiter weiß, wird eine Diskussionsrunde anberaumt: Jeder darf sagen, was er gerne möchte. „Lohnt es jetzt noch, in den Untergrund zu gehen?“ fragt sich Felix Beyreuth, Liedermacher aus dem Prenzlauer Berg. „Honecker ist der einzige Mensch, der mir etwas bedeutet“, gibt die Literaturkritikerin Klara Heidenreich aus Sömmerda zu. „Ich will nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Joost-Wilhelm Kuhl und beginnt zu weinen. „Bloß kein Trost“, poltert Strittmatter, „in Zeiten wie diesen muss jeder sich selbst trösten.“ „Ich hätte Lust, zu ficken“, ruft Tom Volta, „wer noch?“ „In Zeiten wie diesen“, antworten ihm mehrere Stimmen, „fick dich doch selbst!“ Sehr großes Gelächter. „Alles Schweine, ausnahmslos“, murmelt Günter Uhrmann und löst die Versammlung auf.

 

Im Krankenzimmer Hermann Kants tagt das Präsidium hinter verschlossener Tür. Nichts dringt nach draußen. Derweil schaffen einige Autoren das bereitgestellte Abendessen vom Festsaal auf die Terrasse. „Picknick, Picknick“, skandieren sie, werfen sich in ihre Mäntel und entkorken den Wein. Die Internationale wird angestimmt, danach „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys, „Am Fenster“ von City, „Die Wacht am Rhein“ und schließlich „Personal Jesus“ von Depeche Mode.

 

„Am Ende ist immer einer tot!“ schreit Erwin Strittmatter und schmeißt seine Schuhe aus einem Fenster im Obergeschoss. „Scheiß drauf, Erwin“, ruft man ihm zu, „komm runter zu uns!“ Aus Zeitungspapier und Ästen wird ein Lagerfeuer entzündet. Mehrere Personen tüfteln bereits an einem Entwurf für ein Manifest:

 

  • „Denn uns ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!
  • 1. Die Zeit ist eine entsetzliche Woge – auf ihrem kristallenen Wellenkamm schwankt unser Schiff, und sein Name soll ‚Unvernunft‘ sein.
  • 2. Das Glück ist eine herrliche Mauer, die jeden Morgen zertrümmert zu unseren Füßen liegt – wir aber werden nicht müde, sie wieder aufzubauen, Tag für Tag für Tag.
  • 3. Die Literatur ist das große Auge der Zukunft, allsehend und blind, und sein Lidschlag ist der Sturm, der die Feinde fortreißt und in unsere Arme treibt – fest umschlingen wollen wir sie, küssen und lieben, bis ihnen und uns die Luft ausgeht.
  • ¡No pasarán!“

 

Strittmatter kommt nicht herunter, er schließt das Fenster und schmollt. Die Nacht zieht herauf, und der Lyriker Bernd Aschersleben zieht die Hose herunter, springt über die Terrasse und ruft: „Ich kenne weder Schmerz noch Geduld, nur kühlen Verrat, leisen Frevel und friedliche Zerrüttung, und meine Stimme ist aus purem schwarzem Gold!“ Die anderen ernennen ihn feierlich zum neuen Staatsratsvorsitzenden, während Klara Heidenreich und Kirsten Greinert sich mit Felix Beyreuth und Leokadia Albrecht auf dem mit Raureif bedeckten Rasen vergnügen, ein nacktes, verknäultes Etwas mit strampelnden Beinen, zuckenden Armen und verzerrten Gesichtern. Tom Volta spielt Luftgitarre zu einem Lied, das niemand sonst außer ihm hört. Joost-Wilhelm Kuhl legt ebenfalls die Kleider ab, sinkt auf die Knie und stürzt schweigend mit dem Kopf voran ins Lagerfeuer. Die beiden Redakteure der Zeitschrift „neue deutsche literatur“ traktieren ihn mit Weidenruten, Kuhl wälzt sich hin und her, springt endlich auf und schnellt über die Wiese dem Teiche zu, um seine Verletzungen zu kühlen. Andere machen sich daran, die Alten, Müden und Lustlosen aus ihren Betten zu zerren, treiben sie die Treppe hinunter und zwingen sie dazu, ums Feuer zu tanzen. Kurz darauf fährt die Volkspolizei vor und beendet den Spuk mit Warnschüssen, Knüppelschlägen und Festnahmen.  

 

Minuten später steht Hermann Kant keuchend und im Nachtrock auf den Scherben der zerschlagenen Terrassentür und blickt in den finsteren Park hinaus. Körper liegen im Gras, Polizisten halten mehrere dunkle Gestalten fest, eine schwarze Qualmwolke bläht sich auf und steigt, abertausende Funken in ihrem Inneren bergend, gen Himmel. Kant öffnet den Mund, fragt, droht oder befiehlt etwas, doch alles, was er sagt, geht in Gesang, Geschrei und Gelächter unter.

 

Der geheime Kongress des Schriftstellerverbandes der DDR auf Gut Groß Birsin kann, so viel lässt sich aus den überlieferten Ereignissen rekonstruieren, als Versuch der jüngsten und letzten Generation von in der DDR tätigen Autorinnen und Autoren gewertet werden, sich den unvermeidlichen Niedergang ihrer sozialistischen Nationalkultur ganz konkret bewusst zu machen. Dies produzierte einen furchtbaren Konflikt, denn alles, was vorher war, sollte in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1989 zerstört und gleichzeitig bewahrt werden. Die Folge war eine totale Implosion, eine Aufhebung zweier gegensätzlicher Vorhaben, die ins Nichts führte. Bleiben durften heutzutage vergessene Dichter wie Bernd Aschersleben, Kirsten Greinert, Joost-Wilhelm Kuhl oder Leokadia Albrecht samt ihrer Werke freilich nicht, sie durften aber auch nicht komplett verschwinden, denn ihr aufrührerisches Treiben im Groß Birsiner Gutspark ist Teil einer Literaturgeschichte geworden, die das Problem des missglückten Neubeginns einer gesamtdeutschen Literatur nach 1990 folgendermaßen bilanziert: „Schwer drückt alle Verantwortung auf den Schultern derjenigen, die schlussendlich tatenlos geblieben waren.“

 

 

Der Aufsatz entstand in Kooperation des Autors mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Forschungsprojekts „Die Gleichgültigkeit des Widerstands – Aspekte, Tendenzen und Perspektiven der Kunst-, Kultur- und Literaturpolitik der DDR 1989/90“ an der Ruhr-Universität Bochum. Ganz herzlich dankt der Autor Maria Julia Tüll, Dr. Reyck Willemsen und Veronika Stuttgarter für die ertragreiche Zusammenarbeit.