von Hannes Becker

 

Virginia Woolf hat zwischen den Jahren 1915 und 1941 nicht nur alle ihre wegweisenden Romane und Essays, sondern auch ein Tagebuch geschrieben. Darin stellt sie gleich zu Beginn die Frage: „What sort of diary should I like mine to be?“, und wünscht sich „something loose knit and yet not slovenly, so elastic that it will embrace anything, solemn, slight or beautiful that comes into my mind.“ Das Tagebuch soll ein Beispiel sein für das Schreiben von Büchern überhaupt: „The test of a book (to a writer) is if it makes a space in which, quite naturally, you can say what you want to say.“

 

Auf Englisch gibt es eine Auswahl, A Writer’s Diary, mit den Einträgen, in denen es um Woolfs Schreiben geht. So kann man leicht jeden Tag ein ganzes Jahr lesen, und so gehen die Jahre schnell dahin, und trotzdem scheint nichts zu fehlen – Experimente, Erfolge, Krisen, Glück; am Ende dann der Albtraum des Zweiten Weltkrieges, den Virginia Woolf als Zerstörung der Außenwelt genauso wie der Innenwelt erlebt: Ganze Häuser, Straßen, Gegenden verschwinden, aber auch der Echoraum des Schreibens, ihr „sense of a public“, ist erstickt vom Luftkrieg und der Furcht vor einer Invasion durch die Deutschen. Stattdessen – kollektive Depression, Zerfall: „A sense of pressure. Endless local stories.“

 

Das Writer’s Diary ist der unwahrscheinliche, geglückte Fall einer Lebensmitschrift, ein großer Triumph gegen die vergehende Zeit, Dokument einer immer wieder neu gewonnenen, aus der Erschütterung kommenden Souveränität des Ausdrucks gegenüber jedem eben erst – wie endgültig – vergangenen Augenblick im Leben. Aufgeschrieben und erinnert, werden diese Augenblicke neu (das heißt eigentlich: zum ersten Mal) erlebt und vor allem: über das eigene Ich hinaus bedeutsam – für uns, die wir hier und heute über das Leben der Schriftstellerin lesen können, als sei das in Wirklichkeit unser Text, der Text unseres Lebens. Dabei ist das große Ziel für Virginia Woolf – beim Tagebuchschreiben und beim Schreiben überhaupt – eigentlich Anonymität gewesen, Anonymität vor allem vor sich selbst (dem „damned egotistical self“), größtmögliche Diskretion, ohne aber je das Intimste aus der Beobachtung zu entlassen, das Ich, diesen Ort des Schreibens und der Begegnung mit der Welt.

 

 

Virginia Woolf: A Writer’s Diary. Being Extracts from the Diary of Virginia Woolf. San Diego / New York / London 1982.

 

 


Hannes Becker, 1982 in Frankfurt am Main geboren, lebt in Berlin. Studium Neuere deutsche Literatur, Amerikanistik und Geschichte in Berlin sowie Literarisches Schreiben in Leipzig. Mitglied der Vereinigung 1. Februar. 2009-2010 Redakteur bei Edit. Beiträge auf www.dasuntergehendeschiff.blogspot.com