von Ariel Levy

 

 

Ariel Levys Schilderung einer verlustreichen Reise ans andere Ende der Welt ließ uns sprachlos zurück. Nur selten dringt ein Text so weit ins Persönliche vor. Als Thanksgiving im November 2013 in The New Yorker erschien, war der Essay in aller Munde und wurde im folgenden Jahr mit dem National Magazine Award ausgezeichnet. Die Autorin Heike Geißler hat ihn für Edit 67 ins Deutsche übersetzt.

 

 

 

 

Als Kind spielte ich am liebsten Mumie und Entdecker. Mein Vater und ich tauschten dabei immer die Rollen: einer von uns musste ganz stumm, mit geschlossen Augen und auf der Brust gekreuzten Armen daliegen, der andere hatte sich zu beklagen: „Nun durchsuche ich diese Pyramide schon seit so vielen Jahren. Wann werde ich je die Gruft des Tutanchamun finden?“ (Das war in den späten 70er Jahren als die Tutanchamun-Ausstellung im Metropolitan Museum of Art gezeigt wurde. Wir kamen oft aus unserem Vorort, um ihn – Tut – zu besuchen). Auf dem Höhepunkt des Spiels stolperte der Entdecker über den einbalsamierten Pharao und – halten Sie sich fest – die Mumie öffnete ihre Augen und erwachte zum Leben. Der Entdecker hatte sich nun schockiert zu zeigen und schließlich zu sagen: „Also, was gibt es Neues?“ Worauf die Mumie antwortete: „Dich.“

 

Ich war nicht so gut im Vater-Mutter-Kind-Spiel. Ich bevorzugte Scheinwelten, die sich um Abenteuer drehten, mit Piraten und Rittern. Außerdem war ich dominant, ungeduldig, schonungslos sprachversessen und, als Einzelkind, oft irritiert von den Angewohnheiten anderer Kinder. Ich war kein beliebtes Mädchen. Ich spielte Robinson Crusoe in einem kleinen hölzernen Fort, das meine Eltern für mich im Garten gebaut hatten. Im Fort war ich weder eine Verbannte noch fühlte ich mich dort auch nur ein bisschen unbehaglich; ich war voller Vertrauen in mich, heldenhaft und wusste trickreich zu überleben, im Falle, dass ich verschollen war.

 

Der andere natürliche Lebensraum für ein Kind, das Wörter und Abenteuer mag, ist die Buchseite. Ich war rundum zufrieden, wenn meine Eltern mir Moby Dick, Pippi Langstrumpf oder Der Hobbit vorlasen. Ich entschied schon früh, dass ich, wenn ich erst erwachsen bin, Schriftstellerin sein möchte. Das, so dachte ich, wäre genau der Beruf, der zu jener Sorte Frau passte, die ich werden wollte: Eine, der es freisteht, all das zu tun, was sie tun möchte. In der dritten Klasse begann ich, Tagebuch zu führen. Aus Verbundenheit zu Anne Frank gab ich ihm einen Namen und machte es zu meinem Vertrauten. Bis heute fühle ich mich auch in Einsamkeit und fremdester Umgebung aufgehoben und befreit, wenn ich nur einen Notizblock und einen Stift habe, um meine Erfahrungen aufzeichnen zu können.

 

Ich habe die letzten zwanzig Jahre damit verbracht, mich so oft wie möglich in fremde Umgebungen zu bringen. Es gibt nichts, was ich lieber mag, als an einen Ort zu reisen, wo ich niemanden kenne, wo alles eine Überraschung sein wird, und dann darüber zu schreiben. Als ich das erste Mal für eine Geschichte nach Afrika reiste, war ich so aufgeregt, dass ich die gesamte zweiwöchige Wochen Reise hindurch kaum in den Schlaf fand. Alles war neu: der Geschmack des Springbockfleischs, der rosa Nebel über Kapstadt, der Lärm und das Chaos in den Wellblech-Gassen in der Township Khayelitsha. Zurück in New York an meinem Schreibtisch tippend, konnte ich, während mein Mann in der Küche ein Huhn zubereitete, noch immer die Adrenalinausschläge in mir spüren.

 

Aber als meine Freundinnen, eine nach der anderen, von jungen Frauen zu Müttern wurden, trat mir plötzlich deutlich vor Augen, dass ich diese Transformation, diese andersartige Reise nicht begonnen hatte. Ich hörte oft den Song „Beginning of a Great Adventure“ von Lou Reed, der von den Möglichkeiten einer bevorstehenden Elternschaft handelt. „A little me or he or she to fill up with my dreams,“ singt Lou mit abgewetzter Hoffnung, „a way of seeing life is not a loss“. Das wurde der Soundtrack für meine Überlegungen zum Thema Mutterschaft. Ich wusste, dass ein Kind ein Leben als professionelle Entdeckerin weitgehend unmöglich machen würde. Andererseits, ein Kind zu haben, kam mir in vielerlei Hinsicht wie die wildeste Reise überhaupt vor.

 

Unmittelbar bevor ich losreise, gerate ich immer in Panik. Ich gelange dann zu der Überzeugung, dass dieses Mal alles anders sein wird: Ich werde nicht in der Lage sein, die Landkarte zu deuten oder mit denen, die nicht Englisch sprechen, zu kommunizieren oder die Leute zu finden, die ich brauche, um jene Geschichte zu schreiben, die zu finden ich losgeschickt wurde. Ich werde in jedweder Hinsicht verloren sein, inkompetent und verletzlich. Ich weiß, dass sich meine Panik, sobald ich dort bin, in freudige Aufregung verwandelt, so ist das immer, aber das macht die anfängliche Panik nicht weniger eindrücklich. Mit dem Kinderkriegen war es genauso: Ich hatte zehn Jahre Angst davor gehabt. Ich mochte meine Kindheit nicht und war besorgt, ein Kind zu bekommen, dem es genauso ergehen würde. Ich fürchtete, eine schreckliche Mutter zu sein. Und ich hatte Angst vor einem verwurzelten, sesshaften Leben, davor, festzustecken an einem Ort für 18 Jahre des Oboe-Unterrichts und der Mathe-Hausaufgaben, die ich schon beim ersten Mal, als es an mir war, sie zu lösen, nicht hatte bewältigen können.

 

Ich war auf einer Lesereise in Athen, als ich entschied, es anzugehen. Mein Partner – der mir immer klar gemacht hatte, dass ich es wäre, die über die Elternschaft zu entscheiden hätte – war mit mir unterwegs. Wir hatten einen dieser magischen Momente einer Ehe, in denen man sich gegenseitig vollkommen wunderbar findet. Mein griechischer Verleger und seine Frau führten uns zum Tanzen und Trinken aus und kochten an einem Abend für uns in ihrer Wohnung, die voll war mit Kindern, Freunden, Moussaka und Zigarettenqualm. „Amerikaner sind nicht entspannt“, sagte mir einer der anderen Gäste, hielt dabei seinen Dreijährigen im Arm und trank einen Ouzo. Griechenland fiel gerade auseinander. Die Athener Straßen wimmelten von ausgesetzten Katzen und Hunden, weil die Besitzer sich das Futter nicht länger leisten konnten. Unsere Gastgeber waren dennoch fröhlich und in Feierlaune. Ihre Familie wirkte nicht wie eine Belastung, schon eher wie ein Fest. In meinem Kopf erblühte die Idee, dass es möglicherweise ein Vergnügen und eine Erleichterung sein könnte, von etwas anderem als nur von meinen Wünschen und meinem Fernweh bestimmt zu werden.

 

Zu meiner Überraschung und Freude wurde ich schnell schwanger, kurz vor meinem 38. Geburtstag. Das fühlte sich an, als hätte man es gerade noch vor dem Schließen des Gates zum Flugzeug geschafft – man kann nicht anders, als tief bewegt zu sein. Nach nur zwei Monaten konnte ich in der Arztpraxis den Herzschlag des Wesens in mir hören. Das kam mir wie Zauberei vor: ein kleines Auge eines Molches in meinen Kessel, und schon war ich eine Hexe mit der Macht, aus meinem Gebräu Leben entstehen zu lassen. Selbst wenn man nicht gerade Robinson Crusoe in einem einsamen Fort ist, durchquert man diese Welt allein. Wenn man aber schwanger ist, ist man nie allein.

 

 

Mein Doktor sagte mir, es sei vollkommen in Ordnung, bis zum Ende des dritten Trimesters zu fliegen, also entschied ich, als ich im fünften Monat war, eine letzte große Reise zu unternehmen. Es würde ja mindestens ein oder zwei Jahre dauern, bevor ich wieder in die Lage käme, mein Zuhause über Wochen hinweg zu verlassen und das Hochgefühl eines neuen, sich mir enthüllenden Ortes zu verspüren. (Das ist, als hätte man einen neuen Liebhaber – selbst das, wonach man nicht allzu verrückt ist, trägt die knisternde Faszination des Unbekannten in sich.) Kurz vor Thanksgiving reiste ich in die Mongolei.

 

Wenn ich erzählte, wohin ich reisen würde, gerieten die Menschen um mich in Aufregung, aber ich war mit mir im Reinen. Ich mochte die Vorstellung, dieser Typ Frau zu sein, die schwanger in die Wüste Gobi geht, mochte diese Vorstellung genauso, wie mir als 22-Jährige die Vorstellung gefallen hatte, ein Mädchen zu sein, das allein nach Indien reist. (Und ich mochte die Vorstellung, eines Tages meinem Kind erzählen zu können: „Als du noch in mir warst, zogen wir los, um das Ende der Welt zu sehen.“) Abgesehen vom mongolischen Winter hatte ich keine wirkliche Angst vor irgendetwas. Ab Oktober sind immer weniger Touristen im Land anzutreffen. Im November, als ich ins Flugzeug stieg, fallen die Nachttemperaturen auf minus zwanzig Grad. Aber ich war vorbereitet, ich hatte mir Schneehosen gekauft, groß genug, um auch um meinen sich nach außen wölbenden Bauch zu passen. Und Unterhosen, zwei Nummern größer, als ich sie normalerweise trage.

 

Schwanger zu sein bedeutet, sich eigentlich die ganze Zeit unwohl zu fühlen. Während der ersten Monate war es an jedem einzelnen Morgen so, als erwachte ich mit einem schlimmen Kater – ohne überhaupt zum Trinken gekommen zu sein. Alles widerte mich an, und doch war ich hungrig. Ich litt unter ständigem Kopfweh und war nur zum Fernsehen und Jammern zu gebrauchen. Das ging vorbei, aber eine Woche, bevor ich die Reise in die Mongolei antrat, fühlte ich zum ersten Mal einen Schmerz in meinem Unterleib, der mir neu war. „Mutterbandschmerzen“, sagten mir alle ehemaligen Schwangeren, die ich kannte, und so las ich es auch auf jeder Schwangerschaftswebsite: Das Baby wächst, so dass man wirklich schwanger aussieht und nicht mehr nur stämmig, und zeitgleich dehnt sich der Uterus aus, um ihm genug Raum geben.

 

Dieser Gedanke beruhigte mich auf meinem 14-Stunden-Flug nach Bejing, während dem ich pausenlos auf meinem Sitz hin und her rutschte, um eine Position zu finden in der meine Mutterbänder mir keine Schmerzen verursachten.

 

Als mein Anschlussflug in der Mongolei landete, war es Morgen, aber der graue Dunst ließ die Stadt wie in Dämmerung liegend anmuten. Ulan-Bator gehört zu den verschmutztesten Hauptstädten der Welt und ebenso zu den kältesten. Die Fahrt in die Stadt schlängelte sich durch gefrorene Felder und Ansammlungen von Jurten – Gers, wie sie dort genannt werden – hinein in die dichtbevölkerte Stadt mit ihren massiven, noch aus der Sowjet-Ära stammenden Regierungsgebäuden, all den Telefonleitungen, die sich mit den Oberleitungen der Busse kreuzten, und den tibetisch-buddhistischen Tempeln mit ihren Pagodendächern.

 

Die Menschen auf den Straßen bewegten sich schnell und schwerfällig zugleich, beschwert von vielen Kleidungsschichten gegen das bittere Wetter.

 

Ich war dort, um eine Geschichte über die anstehende Umwandlung des Landes zu schreiben, in welches das Geld durch die Bergbauindustrie nur so hineinströmte. Die Mongolei hat große Vorkommen an Kohle, Gold und Kupfererz, man geht von einer Wohlstandsverdopplung innerhalb von fünf Jahren aus. Ein Drittel der Bevölkerung lebt allerdings noch immer nomadenhaft, betreibt Tierhaltung in Herden, schläft in Gers und verbrennt zum Heizen Kohle oder Müll. Bis zum Boom war Kaschmir das bekannteste Exportprodukt der Mongolei. Jackson Cox, ein junger Berater aus Tennessee, der seit 12 Jahren in Ulan-Bator lebte, sagte es mir so: „Wir sprechen hier über eine Wirtschaft, die auf Yakfleisch und Ziegenhaar basiert.“

 

Ich traf Cox an meinem ersten Abend in der Stadt. Er ließ mich von einem Wagen mit Fahrer im Hotel abholen – jeder Mensch aus dem Westen, den ich in Ulan-Bator traf, hatte ein Auto mit Fahrer. Ich wohnte im Blue Sky Hotel, einem neuen Glasturm, dessen scharfe Konturen den kalten Himmel wie eine Haiflosse zerteilten. Als ich in seinem Apartment ankam, hörten er und sein Freund, ein für die Bergbauindustrie arbeitender Anwalt, Beyoncé und schenkten Champagner ein. Alles war sauber und modern, aber bescheiden: Für Personen aus dem Ausland ist es viel leichter, Geld anzuhäufen als es auszugeben. Wir aßen in einem französischen Restaurant zu Abend, wo wir alle Rindfleisch bestellten, denn Fisch und Meeresfrüchte sind in der durch die schwergewichtigen Nachbarn (und früheren Besetzer) Russland und China vom Meer abgetrennten Mongolei meistens von sehr schlechter Qualität. Cox und sein Freund nahmen mich in eine Untergrund-Schwulenbar namens 100 Prozent mit. Abgesehen davon, dass in der Mongolei jeder noch drinnen rauchte, hätte diese Bar auch in Brooklyn sein können. Es gefiel mir, in einem dunklen Raum, voll mit schwulen rauchenden Mongolen, in einer Nische zu sitzen, aber mein Körper fühlte sich seltsam am, ich ließ den Abend früh enden.

 

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war der Schmerz in meinem Unterleib deutlich spürbar. Ich fragte mich, ob das Baby zu treten begänne, was, wie jeder gesagt hatte, bald der Fall sein würde. Ich rief zuhause an, um meinem Mann mein Leid zu klagen. Er riet mir, eine westliche Klinik zu finden. Ich e-mailte Cox, um die Nummer seines Arztes zu bekommen, dachte, den würde ich anrufen, wenn der Schmerz schlimmer werden sollte, und ging los, um Menschen zu interviewen: den Umweltminister, den Vorsitzenden eines Bergbaukonzerns und schließlich einen Hirten und Umweltschützer namens Tsetsegee Munkhbayar, der ein Volksheld geworden war, nachdem er Schüsse auf Bergbau-Betriebe abgefeuert hatte, die Wasser aus nomadischen Gemeinden abzogen hatten. Ich traf ihn in der aalglatten Lobby des Blue Sky mit Yondon Badral – einem smarten, sarkastischen Mann, den ich engagiert hatte, um für mich in Ulan-Bator zu übersetzen und mich ein paar Tage später in die Gobi zu begleiten, wo wir einen Landrover durch den kalten Sand steuern wollten, um auf Bergarbeiter und Nomaden zu treffen. Badral trug Jeans und Pullover, Munkhbayar einen langen, traditionellen Deel-Mantel und einen Pelzhut mit einem kleinen Metallfalken auf der Spitze. Ich kam mir vor, als tränke ich Milchkaffee mit Dschingis Khan.

 

Mitten im Interview hörte Badral auf zu reden und schaute mir ins Gesicht, ich musste mir angemerkt lassen haben, dass es mir nicht ganz gut ging. Er sagte, bei seiner Frau, die auch gerade schwanger war, nur ein paar Wochen weiter als ich, sei es genauso, und er erklärte Munkhbayar die Situation. Die Haut des Nomaden war rosa und spröde vom Wind, seine Nasenlöcher, Augen und Ohren sahen aus, als hätten sie sich auf der Suche nach Schutz vor der Kälte in sein Gesicht zurückgezogen. Eine Welle des Stolzes durchströmte mich, als er sagte, ich sei mutig, in meinem Zustand so weit zu reisen. Aber zugleich begann ich mir Sorgen zu machen.

 

Eigentlich wollte ich mein zweites Abendessen mit den Amerikanern an diesem Abend absagen, dachte aber, dass ich ja ohnehin essen müsse. Sie machten den Vorschlag, mich in einem japanischen Restaurant in meinem Hotel zu treffen. Cox wollte am nächsten Tag abreisen, um für Thanksgiving bei seiner Familie zu sein, und hatte ein schlechtes Gewissen, ein Vermögen für ein Business Class-Ticket ausgegeben zu haben. Ich dachte an meinen nicht sonderlich komfortablen Hinflug und sagte, das sei wahrscheinlich eine kluge Investition. „Du führst dich auf wie eine Prinzessin“, sagte Coxʼ Freund in scharfem Ton zu ihm, aber ich konnte nicht lachen. Etwas ging in mir vor. Ich musste gehen, bevor das Essen serviert wurde.

 

Ich rannte zurück in mein Zimmer, zog meine Hose runter und kauerte mich auf den Badezimmerboden, genau wie vor zehn Jahren in Kambodscha, als ich die Ruhr gehabt hatte. Aber der Schmerz in dieser Position war nicht zum Aushalten. Ich kniete mich hin, legte meine Schultern auf den Boden und drückte meine Wangen gegen die kalten Fliesen. Ich erinnere mich daran, wie ich dachte: Das wird der abgefahrenste Mist in der Geschichte.

 

Ich fühlte, wie ein heilloser, vollkommen böser Sturm durch meinen Körper raste; was direkt danach geschah, weiß ich nicht, ich habe eine kleine Lücke in meiner Erinnerung. Entweder bin ich wegen des Schmerzes bewusstlos geworden oder ich habe die Erinnerung ausgelöscht. Als nächstes war da eine andere Person vor mir auf dem Boden, bewegte Arme und Beine, war lebendig. Ich hörte mich selbst laut sagen: Das kann nicht gut sein. Aber es sah gut aus. Mein Baby war so schön wie eine Muschel.

 

Mein Sohn war ganz durchsichtig und rosa und sehr, sehr klein, aber er war makellos. Seine wunderschönen Lippen öffneten und schlossen, öffneten und schlossen sich, nahmen die neue Welt in ihn auf. Für eine ungewisse Zeit saß ich da, von Ehrfurcht ergriffen, gelähmt. Jeden Finger, jeder Zehennagel, der goldene Schatten seiner noch kaum zu erahnenden Augenbrauen, die Anmut seiner Schultern – all das war wunderbar, erstaunlich. Ich hielt ihn an mein Gesicht, sein Kopf, seine Schultern füllten meine Hand, seine Beine baumelten fast bis zu meinem Ellenbogen. Ich versuchte an etwas Mütterliches zu denken, das ihn spüren lassen würde, dass ich wirklich seine Mutter war und die Situation vollkommen im Griff hatte. Ich küsste seine Stirn; seine Haut fühlte sich an meinem Mund wie die eines seidigen Frosches an.

 

Ich bekam am Rand mit, dass eine Menge Blut aus mir strömte, und das erregte schließlich auch mein Interesse. Ich schaute zwischen meinem Sprössling und dem Blutsee, der auf dem Boden des Badezimmers entstanden war, hin und her und fragte mich, was ich mit der Nabelschnur anstellen sollte, die beides miteinander verband. Sie war erstaunlich dick und gespenstisch weiß, ein verdrehtes menschliches Tau. Ich war sicher, dass sie durchtrennt werden musste – das ist es, was in dem Filmen immer als Erstes gemacht wird. Ich hatte Angst, dass, wenn ich diese Schnur nicht durchtrennte, mein Kind irgendwie ersticken würde. Ich hatte keine Schere. Ich riss sie mit einem schnellen, entschlossenen Griff aus mir heraus.

 

In meinen Händen liegend, begann seine Haut ein zartes Lila anzunehmen. Ich blutete auf meinem Weg durch das Zimmer zum Telefon und wählte die Nummer von Coxʼ Arzt. Ich sagte der Stimme am anderen Ende, dass ich im Blue Sky Hotel ein Kind zur Welt gebracht hatte und seit neunzehn Wochen schwanger gewesen wäre. Die Stimme sagte, dass mein Baby nicht leben würde. „Er lebt aber“, sagte ich, während ich auf die Person in meiner linken Hand schaute. Die Stimme sagte, dass sie verstehe, aber dass es nicht so bleiben würde und dass er sofort einen Krankenwagen zu uns schicken würde. Ich sagte, wenn es eine Chance gäbe, dass das Baby überlebt, könnte ich auch ein Taxi nehmen. Er sagte, das sei keine gute Idee.

 

Bevor ich mein Telefon ablegte, machte ich ein Bild von meinem Sohn. Ich hatte Angst, dass ich sonst nie glauben würde, dass es ihn gegeben hatte.

 

 

Als die zwei mongolischen Notfallmedizinerinnen eintraten, fühlte ich mich nicht länger kompetent und betäubt. Eine bot mir einen Tampon an; ich war klar genug, den nicht anzunehmen. Aber zu realisieren, dass von allen Beteiligten ich die am besten informierte war, versetzte mich in eine unerträgliche Panik. Ich sagte, ich müsse mich übergeben. Die Notärztin fragte, ob ich betrunken sei. Ich sagte beleidigt „Nein, ich bin außer mir.“ „Weinen Sie“, sagte sie „einfach weinen, weinen, weinen“. Ihre Kollegin beugte sich über mich, um eine dicke Nadel in meinen Unterarm einzuführen, und ich fragte mich, ob ich davon mongolisches AIDS bekommen würde, war aber nicht in der Lage, mehr zu tun, als zu weinen, weinen, weinen. Sie versuchte, mein Kind von mir zu nehmen, ich hatte den Drang, ihr in die Hand zu beißen. Als ich auf der Transportliege im Bauch des Krankenwagens lag, sein in ein Handtuch gewickelter Körper auf meiner Brust, sah ich die gefrorene Stadt am Fenster vorbeirauschen. Ich dachte, dass ich nun vielleicht verrückt werden würde.

 

In der Klinik gab es sehr helle Lichter und noch mehr Nadeln und Infusionen, und ich ließ das Baby los, und das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Er lag auf einem Tisch, ich auf einem anderen, weit weg, noch immer unter den kreischenden Lichtern, und dann, zu meiner Verwirrung, kam der schönste Mann der Welt durch die Tür und sagte, er sei mein Arzt. Seine Stimme klang gut, vertraut. Ich fragte, ob er Südafrikaner sei. Er war überrascht, dass ich das herausgehört hatte. Ich erklärte ihm, dass ich eine Zeit lang als Reporterin in seinem Land gearbeitet hatte, und dann sprachen wir etwas über die Zukunft des ANC und darüber, wie schön es in Kapstadt ist. Ich bemerkte, dass ich von Blut bedeckt war, schluchzte und zugleich flirtete.

 

Bald sagte er, dass er nach Hause gehen würde und dass ich nicht ins Blue Sky Hotel zurückgehen könne, wo ich verbluten könnte, ohne dass es jemand mitbekäme. Ich blieb über Nacht in der Klinik, trug ein T-Shirt und eine Erwachsenenwindel, die eine freundliche, dicke, kichernde junge Krankenschwester mir gegeben hatte. Nachdem sie mich angezogen hatte, fragte sie mich „Wollen Sie Toast und Tee?“ Der Tee war milchig und süß und erinnerte mich an den Chai, den ich in Nepal getrunken hatte, wo ich mit einem Freund auf Rucksackreise im Himalaya gewesen war, lange bevor ich in das Alter gekommen war, mir über das Ende meiner Fruchtbarkeit Gedanken zu machen. Es war eine Reise, die ich damit verbracht hatte, meinen jungen Körper die Berge hinaufzuschieben, vorbei an grünen und gelben Terrassenfeldern und Dörfern voll mit Ziegen, Seilbrücken überquerend, die dünn über schwarzen Schluchten hingen, der Tod am Grund. Wir ernährten uns von Haschisch und Snickers und gerieten in einen Schneesturm, der einige Wanderer tötete, uns aber aus unerfindlichen Gründen nur frieren ließ.

 

Ich habe so viel Glück gehabt. Vor dieser Nacht auf dem Boden des Badezimmers war nur ausgesprochen wenig jemals wirklich für mich schiefgegangen. Und mit der gleichen Sicherheit, mit der ich plötzlich gewusst hatte, dass ich ein Kind haben wollte, wusste ich nun, dass ich diese Schicksalswende verursacht hatte. Ich hatte aus Eitelkeit und Egoismus ein Flugzeug bestiegen, und der dunkle mongolische Himmel hatte mich bestraft. Ich war noch immer eine Hexe, aber all meine Macht war dahin.

 

Das ist es nicht, was der Arzt sagte, als er am Morgen zurück in die Klinik kam. Er sagte mir, dass ich eine Plazentaablösung gehabt hatte, eine sehr seltene Komplikation, die, wie ich später las, üblicherweise Frauen betrifft, die große Mengen Kokains zu sich nehmen oder hohen Blutdruck haben. Aber manchmal kommt es einfach nur deshalb zu dieser Komplikation, weil man alt ist. Es hätte überall passieren können, sagte mir der Arzt und wiederholte, was er mir in der Nacht zuvor gesagt hatte: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Flugreisen und Fehlgeburten. Ich sagte, dass ich annehme, er wolle ein Gentleman sein und dass ich rechtzeitig für mein 11 Uhr-Treffen mit dem Innenminister die Klinik verlassen müsse. Ich traf pünktlich im Büro des Innenministers ein; nachdem ich ins Blue Sky zurückgegangen war und in meinem Zimmer, das wie der Schauplatz eines Mordes aussah, geduscht hatte.

 

Ich verbrachte die nächsten fünf Tage in diesem Zimmer. Langsam wurde mir klar, dass es vielleicht das beste sei, ich flöge nach Hause und nicht in die Gobi, aber ich konnte nicht sofort aufbrechen. Thanksgiving kam und ging. Es gab wiederkehrende Stromausfälle, dann wurde alles dunkel und still. Ich lag in meinem Bett, aß Snickers und trank kleine Whiskey-Flaschen aus der Minibar, während ich Fernsehsendungen anschaute, die mir genauso seltsam und trostlos wie mein neues Leben vorkamen. Jemand hatte eine weiße Badematte über den größten Blutfleck gelegt, jenen neben meinem Bett, wo ich mich zusammengekrümmt hatte, als ich nach Hilfe telefonierte. Stück für Stück wurde das Weiß rot und schließlich braun, da das Blut durch die Matte gedrungen und oxidiert war. Ich starrte dorthin. Ich betrachtete den Schnee, der draußen vor meinem Fenster auf die sowjetische Architektur fiel. Aber die meiste Zeit betrachtete ich das Bild des Babys.

 

 

Als ich aus der Mongolei zurückkam, war ich so traurig, dass ich kaum atmen konnte. Bei fünf oder sechs Gelegenheiten traf ich auf Mütter, die gehört hatten, was passiert war. Sie sahen mich kurz an und brachen in Tränen aus. (Einmal passierte das bei einem Mann.) Nach einer Woche platzte die Wohnung, in die wir mit dem Baby hatten ziehen wollen. Nach drei Wochen war meine Ehe kaputt. Der Milchfluss setzte ein. Ich blutete noch immer. Ich weinte heftig und ohne Vorwarnung – im Bett, inmitten von Sitzungen, während ich in der U-Bahn saß. Es kam mir so vor, als würden Kummer und Trauer durch jede mögliche Öffnung aus mir fließen.

 

Was in der Mongolei passiert war, konnte ich nicht für mich behalten. Ich kaufte mir Kleidungsstücke, die meinem voluminösen Körper passten und die keine elastischen Bereiche hatten, gedacht für die Behaglichkeit eines wachsendes Babys, das gar nicht mehr da war. Ich hörte mich selbst einer entsetzten Verkäuferin sagen: „Ich weiß nicht, welche Größe ich trage, weil ich gerade ein Kind zur Welt gebracht habe. Er ist gestorben, aber die gute Nachricht ist, ich bin jetzt dick.“ Wohlmeinende Frauen sagten zu mir: „Ich hatte auch eine Fehlgeburt“ und ich erwiderte, mit auf die Nerven gehender Heftigkeit: „Er lebte.“ Ich hatte, für wie kurze Zeit auch immer, einen anderen Menschen zur Welt gebracht, und es war von größter Wichtigkeit, dass die Leute das verstanden. Nachdem ich es erzählt hatte, versuchte ich sie dazu zu bringen, sich das Bild des Babys auf meinem Telefon anzusehen.

 

Nach einigen Wochen sah ich mir das Bild nur noch einmal täglich an. Es dauerte einige Monate, bis ich nur noch einmal pro Woche draufschaute. Ich sehe es mir jetzt nicht mehr oft an, aber Menschen, die ich eine Weile nicht gesehen habe, sagen „Es tut mir so leid, was dir passiert ist.“ Und deren Mitgefühl tut mir gut.

 

Die Wahrheit ist allerdings diese: Die zehn oder zwanzig Minuten, in denen ich jemandes Mutter war, waren schwarze Magie. Es gibt kein Abenteuer, das ich dagegen eintauschen würde, es gibt keinen Ort, den ich stattdessen lieber gesehen hätte. Manchmal, wenn ich darüber nachdenke, fühle ich einen dunklen Schmerz aus irgendeinem ursprünglichen Teil in mir. Bin ich allein in meiner Wohnung, wenn das passiert, höre ich mich selbst Geräusche machen, die ich, bevor ich in der Mongolei war, nie gemacht habe. Ich begreife, ich habe mich in eine verwundete Hexe zurückverwandelt, wehklagend in den Wäldern, unvollendet, ohne Werk.

 

Meistens scheint es irgendwie in Ordnung zu sein, sozusagen: natürlich. Natur. Mutter Natur. Es steht ihr frei zu tun, was auch immer sie tun möchte.

 

 

 

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Heike Geißler

 

Ariel Levy, arbeitet seit 2008 als Autorin für The New Yorker. Ihr Buch Female Chauvinist Pigs: Women and the Rise of Raunch Culture ist 2006 bei Free Press erschienen. Für ihren Essay Thanksgiving in Mongolia wurde sie 2014 mit dem National Magazine Award in der Kategorie Essays and Criticism ausgezeichnet.

 

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