Am Ende des Studiums machte ich ein Praktikum in Stuttgart, bei Klett-Cotta. Ich wohnte daheim, in meinem alten Kinderzimmer. Fuhr jeden Tag drei Stunden Zug. Bekam 250 Euro im Monat – und beschloss, meine Pendler-Stunden und das Geld für Superhelden-Comics zu nutzen: Ich mochte Heldenfiguren wie Clark Kent (Superman) seit Jahren. Doch erst im Sommer 2008 lernte ich sie richtig kennen. Für Edit schrieb ich damals ein – recht langes, verspieltes – literarisches Essay über Clark. Heute, fünf Jahre später, zum Kinostart von „Man of Steel“, noch einmal online:

 

Quelle: www.comicbookmovie.com

eins

Ich bin Clark Kent. Hier ist Afrika, der Himmel ist leer, ich bin Mitte 20 und keine zwei Meter über dem Boden. Man sieht mich zwischen (oder über, oder in) einer Herde Zebras. Sie sind ziemlich schnell und laufen alle in dieselbe Richtung. Es staubt. Ich trage ein hellblaues T-Shirt und einen dunkelblauen Rucksack und eine Armbanduhr. Meine Arme sind gestreckt. Ich bin allein. Ich lächle. Drehe ich mich ein Stück zur Seite, kann ich im Flug die Mähnen der Tiere berühren. Ich bin keine entspannte Person. Einiges fällt mir schwer. Aber anderes nicht, gar nicht.

An Silvester vor ein paar Jahren waren Stoff und ich zu lange wach. Wir saßen auf Freds Couch, es war zu spät, um noch ins Bett zu gehen, wir lasen die Begriffe von Tabu-Spielkarten ab, die Vorder- und die Rückseiten. Stoff wollte, dass ich bei jeder Karte aussuche, welcher Begriff „in meine Welt“ gehört und welcher nicht, Entscheidungen wie ‚Mittagspause’ gegen ‚Staatsanwalt’, ganz willkürliche Paare. Ich habe meine Wahl sehr schnell getroffen.

 

Ich setze mir Standards. Ich bin eine moralische Person. Meine Grenzen sind fest. Leute stolpern darüber und fallen aus meiner Welt. Ich kann verstehen, dass Leute eine Art Faschismus hinter Supermans Verhalten wittern. Er ist die Tafel, auf der Clark Kent für seine Werte wirbt. Ein Golem. Ein Zeichen. Ein Meinungskolumnist und Pulitzer-Preisträger, der jahrelang Lex Luthors Präsidentschaft attackiert hat, verkleidet sich, fliegt durch die Luft und knotet Brezeln in Kanonenrohre. Ein Superheld arbeitet inkognito bei einer Tageszeitung, benutzt sein bürgerliches Alter Ego als Puppe, wie ein Bauchredner. Auch Lois Lane hat einen Pulitzer. Für ihren Aufsatz: „Warum die Welt keinen Superman braucht.“

 

Hier ist ein klarer Nachmittag. Ich haste Treppen hoch zum Bahnsteig, im Hintergrund das Redaktionsgebäude. Und zwei, drei Mal pro Woche sieht man mich die Bahn verpassen. Und zwei, drei Mal pro Woche nicht. Und manche sitzen, rauchen, kennen mich und grinsen, wenn ich schon wieder spät bin. Und manche nicht.

Die Stadt ist eine nette, aufgeräumte Stadt, weil genug Menschen jeden Tag für sich entscheiden, dass sie in einer aufgeräumten, netten Stadt sein wollen. Hier ist Metropolis (und nicht Manhattan). Ich bin Clark Kent (ich bin nicht Peter Parker). Ich bin kein Junge mit spontanen Kräften, ich bin kein Underdog, kein Außenseiter. Ich bin die Norm. Mir geht es nicht um Atavismen, Zufall, fremde Gaben. Die Frage, wie gerecht der Alltag und das Leben sind:

Clark Kents Entschluss, Clark Kent zu sein – das ist die Leistung von Clark Kent. Zu wissen, wer man ist, und wie man damit lebt. Zu wissen, wer man werden kann, und was man dafür tut. Bruce Wayne hat mal gesagt: „We have made ourselves as much as we have been made.“ (Erst die Verantwortung, und daraus dann die Macht. Nicht umgekehrt.)

 

Hier ist das Kiosk, an dem ich meine Zeitung kaufe, und hier die Pflanzen auf unserem Balkon. Hier sind die Lex Towers, da hinten der Centennial Park, über Hob’s Bay ein Zeppelin, man sieht die Steelworks und die Praxis meiner Therapeutin. Ich sehe Zivilisten hier. Aber ich sehe keine Masse. Keinen kleinen Mann: Die einfachen Leute sind nicht neidisch. Die einfachen Leute sind nicht zu beneiden. Die einfachen Leute sind nicht einfach.

(Mit 15 habe ich geglaubt, es gäbe kostbare Personen und einen großen, prosaischen Rest. Mit 15 habe ich geglaubt, ein Freundeskreis müsse sein wie die X-Men: verschworen, isoliert und missverstanden. Heute glaube ich nicht mehr an X-Men.)

 

Hier sind die müden Tribünen am Footballfeld. Hier sind Corn Dogs und Softeis, hier sind zwei Flaschen Soder Cola aus dem Drugstore und die High School und die Scheune. Hier ist Smallville. Hier ist Kansas. Getreidefelder und die Farm, von meinem Vater nach den Vorstellungen geführt, an die er glaubt. Und meine Mutter am PC: Sie liest nach, was ich tue. Und wäre ich Autist, sie wäre Expertin für Autismus. Und käme ich aus dem All, sie wäre Expertin für das All.

Wollen mich Comics weinen machen, dann ist es immer hier, auf dieser Farm: Lana im Schneematsch in der Einfahrt, wütend und stolz auf alles, was vorbei ist jetzt. Conner in seinem schwarzen Shirt auf der Veranda, der Hund zu seinen Füßen, ein Pitcher Eistee auf dem Tisch. Und Jonathan und Martha in der Küche, das Frühstück nach Sues Tod: „Ich glaube nicht, dass Batman so mit seinen Eltern umspringt, Clark!“

Ich bin Clark Kent. Ich bin, woher ich komme. Man sieht: Das hier hat mich gemacht. (Mein halbes Leben, Secret Origins.) Wie Hal am Rand der Wüste in der Lederjacke seines Vaters, früh vor der Schule mit den Fingern um den Draht des Zauns. Das Kerosin auf dem Asphalt der Startbahn. Wie Dinah in der Gärtnerei mit ihrer Mutter, das Training, die Perücke und die Onkels, auf deren Schößen sie erwachsen wurde. Alan, Jay, Wesley, Ted, die ganzen Geschichten von früher. Wir halten diese Dinge in der hohlen Hand und gründen uns auf unsere Herkunft. Wir sind die Summe von Begegnungen. Und der Entschluss, etwas daraus zu machen.

 

Hier ist die warme Nacht mit vierzehn oder fünfzehn, im Sommer auf dem Waldboden allein in einem roten Schlafsack. Und ich mache die Augen zu. Und ich mache die Augen auf. Und ich hänge in der Luft, am Himmel. Das Mondlicht auf dem roten Nylonstoff. Ich höre das Atmen von Tieren. Ich sehe die Knochen in meiner Haut. Und meine Augen brennen.

Ich bin Clark Kent. Ich möchte einer von den Guten sein.

 

zwei

Verlegte Sonnenbrillen. Die Grillkohle, die Gartenstühle. Ich bin zurück, den ganzen Sommer lang. Am Wochenende sitzen wir zusammen. Tagsüber bin ich in der Stadt. Und abends, auf der Zugfahrt, lese ich diese Sachen zum ersten Mal, in kreisenden, noch unsicheren Reihenfolgen: „Infinite Crisis“ und „Crisis on Infinite Earths“, die Hochzeit mit Lois und die Hochzeit von Ollie und Dinah, „Our Worlds at War“, „The Long Halloween“, „Identity Crisis“. Ich schaue diesen Leuten zu, lerne sie langsam besser kennen: Die Justice League (erklärt mir Kyle), bringt dir das Kämpfen bei. Die JSA, ein Held zu sein. Die Titans sind eine Familie. Ich glaube, die Birds of Prey nicht.

Ich merke: Ich bin nicht Wally West oder Hal Jordan. Ich bin ein Bisschen wie J’onn J’onnz, kein Stück Tim Drake, ich bin nicht Victor Sage, Barbara Gordon, und ich bin leider nicht Oliver Queen. Ich bin Clark Kent. Ich mag es, wie sie alle um dieselben Themen kreisen und wie verschieden temperamentvoll sie damit verfahren – doch ich bin Clark Kent.

 

Seit vor dem Studium war ich nicht so lange hier: Die Abende, die Bahnsteige, die Blitze über den Getreidefeldern auf der Heimfahrt. Ich schlafe wieder unterm Dach, in meinem alten Zimmer, ich werde bleiben bis September. Ich bin jetzt fast soweit. Ich bin jetzt fast soweit, mit ein Kostüm zu machen und einen Namen. And it’s a good time for Superman / to lift the sun into the sky.

Hallo Fred, Sassi, Stoff, ich bin den Sommer über hier, hallo Antje, hallo Frank, ich habe Zeit, ruft an, ich komme vorbei. Lasst uns nicht ständig nur von früher reden. Wie geht es weiter, was passiert? Zeigt mir, für wen ihr euch entschieden habt, zu sein!

 

Was tut er denn?“, fragt Antje, „Er prügelt sich doch nur!“ Ich kann es nicht erklären: Einmal ist er gestorben. Einmal ist er fortgeflogen. Clark Kent hat ein paar Freunde, eine Stadt und einen Schreibtisch. Er hat einen Kalender über dem Bett und später eine Frau. Sein Vorbild ist Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“.

Du redest über Ideale. Du sagst, sie stehen für irgendwas“, sagt Antje, wischt den Kühlschrank aus, holt einen Topf, „für was?“ Sie will ein Bild in festen, schwarzen Linien. Einen Moment, der greifbar ist. Wie sich Sues Witwer auf die andere, leere Bettseite streckt, das Licht löscht und ein „Schlaf gut“ sagt ins Dunkle. Wie Dick und Barbara im Herbst die Küste hoch im Auto fahren, die Handys ausgestellt, nach einem Restaurant schauen, um Lobster zu essen. Ich sehe das bei vielen. Aber ich kann nicht darauf deuten:

Es ist eine Art Haltung, wie man mit Welt verfährt. Was man den Menschen zutraut – und von sich selbst verlangt. Diana, wie sie vor Frauen in der Wüste steht und weiß, dass sie sich anders kleiden müsste, um ihnen etwas zu vermitteln. „Sie hat ein Lasso, das im Dunkeln leuchtet. Sie fliegt ein unsichtbares Flugzeug. Was vermittelt sie denn?“ Ich weiß es nicht. Es tut mir leid: Das unsichtbare Flugzeug kann ich Antje zeigen. Die Ideale nicht.

 

Ich bin allein zwischen dem Zeug von früher, ich sitze rum und keiner hat den Schlüssel außer mir. Hier ist es kühl. Clark sagte mal, für ihn sei alles wie aus Pappe. Egal, was er berührt, er muss dabei versuchen, es nicht bereits im Festhalten kaputt zu machen. Und auf dem Tisch vor mir steht eine ganze Stadt in einer hohen, bauchigen Flasche, und drinnen führen Leute, künstlich verkleinert, ihr künstlich klein gehaltenes Leben. Ich stütze meinen Kopf. Ich schaue ihnen zu.

In Washington hat Lex einmal gefragt: „Wieso steckst du nicht gleich die ganze Welt in eine Flasche?“ Nur dann wäre es greifbar. Nur dann wären die Dinge fest an ihrem Platz. Seit über 70 Jahren zeigen diese Heftchen 20, 30 Seiten jeden Monat lang den Mann (und einen Staat, für den er steht), der ständig wählen muss, was er bedeuten will.

 

Ich denke, sie sind Helden, weil sie sich weigern, weniger zu sein. („It would have… diminished me to let another creature die unnecessarily.”) Sie alle teilen ein Vertrauen in die bewusste Anstrengung, auch ohne zwingende Notwendigkeit das Beste aus sich selbst zu machen.

Vielleicht hat es mit dem Kostüm zu tun. Dass jeder Auftritt, den sie haben, als ‚Auftritt’ reflektiert wird. Dass Superman etwas bedeutet – und stellt er sich nur auf eine Wiese. Jeder hat die genaue Self-Awareness jener Rolle, die er für sich gewählt hat. Sobald sie etwas sagen oder tun, sind diese Leute Selbst-Darsteller: „And we thought, all these years, that it was about politics!“ – „It’s always about politics.“

 

Hier ist das Anti-Haifisch-Spray an Bruces Gürtel, hier sind Ollies Boxhandschuh-Pfeile, hier sind Bouncing Boy und Lobo, Mr. Mxyzptlk, der Black Racer, hier ist Gorilla Grodd. Die Albernheiten und das Kindische. Ich habe fast 500 Euro bei Ebay verballert: Ich bin mir nicht sicher, wofür.

Ich lese das und überlege, wie man leben kann. Und wie davon erzählen. Die Festung der Einsamkeit. The Man who has everything. Wahrheit, Gerechtigkeit, Apfelkuchen. Ein Mann kann fliegen. Glaubt daran. Ich lese das und taste mich an einem Menschenbild entlang, das ständig auf das Potential der ganzen Welt verweist und auf die Wichtigkeit, sich jede Mühe zu machen. Mir fehlt das Manifest. Das scharfe, große Bild, Antje, auf dem du jenen Mann erkennen kannst, den ich von mir zu sein verlange.

Doch er erscheint mir plausibel. Er erscheint mir vertraut.

 

drei

Hier ist der Ritter. Der Detektiv. Der Psychologe und der Spieler und Finanzmensch. Klüger als ich und fast alle, die ich kenne. Frank ist mein bester Freund. Frank ist Bruce Wayne. Frank ist der gottverdammte Batman! Ich glaube an Versprechen. Er glaubt an Kontrolle. Ich glaube an Mühe. Er glaubt an Strategie. Ich habe Vertrauen. Er hat Worst-Case-Szenarios.

Wir gehen die Felder entlang. Es ist Ende August. Ich werde bald wieder fahren. „Willst du noch in den Kinofilm?“, frage ich Frank. „Kommt Catwoman drin vor?“, fragt er zurück. Du, Antje, schiebst den Kinderwagen vor uns her und sagst: „Ach, Kino.“

 

Ich stelle mir ein Gruppenfoto vor: Wie man Bruce lächeln sieht unter der Maske (die frühen Siebziger, das infantile Silver Age), und alle stehen im Halbkreis um ihn rum, in bunten Sachen. Ein maskierter Hund. Eine Frau im Kostüm. Kinder mit Capes, Sidekicks. „Greetings from the Bat-Family.“ In dieser Reihe, Antje, sieht jeder von euch aus wie eine Antwort auf den Mann in eurer Mitte.

Die Menschen um ihn rum sind Reaktionen, Varianten. Sie sehen zu ihm auf und arbeiten sich an ihm ab. Immer geht es nur darum, wie tief er in den Schatten steht. Wie dunkel und allein er ist. Im Grunde aber, merke ich, steht er in zahllosen Zusammenhängen. Ich bin viel isolierter als Bruce Wayne.

 

Hier ist die Justice League. Und Bruce gibt zu, dass er Dossiers erstellt hat, um bei Bedarf uns alle ausschalten zu können. Hier steht Selina im Kaminzimmer in einem engen, dunklen Kleid (sie hat sich, glaube ich, selbst eingeladen), und Bruce lässt acht, zehn Meter weiter hinten für sie decken, am anderen Ende der Tafel. Hier mault ihn Helena an, mit Recht. Hier schreit ihn Jason an, mit Recht. James Gordon schlägt ihm ins Gesicht, hier lacht ihn Two-Face aus, hier weist ihn Alfred in die Grenzen.

Ich wäre, an Franks Stelle, anders. Ich würde fester an sie glauben. Länger mit ihnen sprechen. Und keinen Rattenschwanz enttäuschter Frauen und konfuser Freunde durch die Stadt hinter mir herziehen. Nicht ständig Leute um mich scharen, von denen ich nicht einmal sich bin, dass sie mich gut finden. Clark Kent spricht auch mit Lex oder Bizarro – ich sage ständig, wer ich bin. Bruce Wayne knurrt einen halben Satz (und stürzt sich dann vom Dach). Und alle kommen trotzdem immer näher.

 

Ich mag diese Persona nicht. Was Batman soll, wieso er nötig ist, das sehe ich. Doch erst im Laufe dieses Sommers, als ich die Leute um ihn rum genauer kennen lerne, kann ich sehen, was er sich aufbaut hier. Hier ist sein Sohn. Hier ist seine Tochter. Hier ist das weiche, dunkle Sofa, auf dem sich ihre Sonntagnachmittage abspielen. Hier ist der Kombi, den er fährt. Hier ist die Sparkassenfiliale, die er leitet. Ich sehe mich als Bürger – aber er führt das bürgerliche Leben. Ich stehe drüber. Er steht drin.

Batman embodies everything that man can ever hope to be.“ Ich nehme die Idee Bruce Wayne wie eine Spielfigur vom Teppich in Franks Wohnzimmer und stelle uns zu ihm. Ich stelle Frank gegen mich. Ich stelle mich zu Clark. Ich schaue morgens aus dem Zugfenster und überlege, ob wir Hal mögen würden. Was Stoff in Rom mit dem Riddler anfangen würde. Ob Fred in Kyle Vertrauen fassen könnte. Ob Anahí zum Billardspielen ginge mit The Question. Wie Figuren aus einer Sage sind diese Leute nicht nur Leute, „but instantiations of ideas, or ways of looking at the world.“ Was würde Mary Marvel tun? Was stellt Bruce dar? Was sind die Ideale hinter dem, was wir uns schaffen?

 

Hier kreuzen sich zwei Fähren in der Bucht von Gotham. Auf einer Zivilisten, die zweite ein Gefangenentransport. Der Joker meldet sich und sagt, die Schiffe sind vermint. An Bord des Schiffs der Häftlinge hat er den Zünder deponiert, mit dem das Schiff der Zivilisten hochgeht. Die Zivilisten finden einen Zünder für das Schiff der Häftlinge. Wenn bis zur vollen Stunde nichts passiert, sprengt Joker das zivile Schiff – und die Häftlinge kämen davon.

Das ist das Bild, Antje. Das ist die große Geste.

Du meinst den müden, kleinen Angestellten, der doch nicht auf den Zünder drückt? Oder die edlen, guten Häftlinge, die keine Zivilisten opfern wollen?“ Die Stadt. Die Weite dieser Welt. Der Blick auf Menschen, Helden oder nicht, der auch Statisten Raum lässt, jemand zu sein – und niemand Kleines! Hier ist eine Geschichte, die mir die Größe ihrer Helden nicht in der Niedrigkeit des Rests belegt. Das reißt mich hin an diesen Leuten, Antje! An Clark. Und, widerwillig, auch an Bruce:

 

Er lässt ihnen Raum. Und bringt sie dadurch auf den Punkt. Er ist der Kratzbaum für Selinas aggressive Sexualität. Der Sandsack für den Frust und Übermut von Tim und Dick, Jim Gordon, Helena. Der Mythos, den die Menschen sich von ihrer Stadt erzählen. Das Dunkel, wo die Polizei die Augen schließt. Wie ein Vater, den alle beschimpfen und anschreien. Wie ein Vater, der alles zusammenhält.

Natürlich habe ich im „Dark Knight“-Kinofilm darauf gewartet, dass Bruce die Grenze überschreitet. Die Maßnahme ergreift, zu der sich Clark nie hinreißen ließe. Dann kam die Videowand. Die Handys von Privatpersonen einer ganzen Stadt, heimlich verwanzt. Brother Eye. Für mich ist das empörend und verfassungswidrig. Für Bruce ein Mittel um zu retten, was zu retten bleibt. Einen Bruce Wayne, der mich nicht rasend macht in seinem Pragmatismus, gäbe es nur zum Preis eines sehr schlicht gestrickten Gothams.

 

Meine Grenzen sind fest. Die Leute stolpern darüber und fallen aus meiner Welt. Wenn etwas aus dem Ruder läuft, dann setze ich mich an den Nordpol oder auf den Mond und schmolle. Bruce Wayne fliegt nicht. Bruce Wayne bleibt hier. In seiner Stadt. Jeder kennt Franks Adresse. Selina und der Joker wissen, wo sie klingeln müssen.

 

Ich trinke Mountain Dew aus einer neongrünen Flasche, ein Farbton wie das Leuchten aus Hals Kraftring. Ich trage meine Tasche, jetzt ist Herbst, bald bin ich weg, das heute war mein letzter Tag. Ich gehe raus, am Gleis entlang. Das Bahnhofsdach bricht auf und über mir die Nacht. Vor mir schiebt sich der Rest des Bahnsteigs zwanzig, fünfzig Schritt hinein ins Dunkel – und hört dann auf vor einer See aus Schienensträngen und Signalen, Lichtern.

Das war ein guter Sommer. Das war gut: Diese Hefte zu lesen. Ich trinke aus und schaue in die Gegenrichtung. Die Halle und die Schalter und die Leute dort, der Krach. Ich atme ein. Ich drehe um. Ich gehe zu den Bänken. Zu den Leuten. Ich stelle mich dort hin, erwidere die Blicke. Ich bin Clark Kent. Ich bin keine entspannte Person. Einiges fällt mir schwer. Anderes fällt mir beschissen schwer. Ich bin Clark Kent, ich kann den Mond verschieben. Ich bin Clark Kent. Ich kann die Welt nicht in zwei Hälften teilen. Wenn jemand stolpert, fällt, muss ich bereit sein, ihn zu halten. 

 

(Herbst 2008)

 

Links

Website von Stefan Mesch – stefanmesch.wordpress.com

Kurzes Essay über Lois Lane, 2013

Superman-Empfehlungen / Buchtipps, 2013

DC Comics: Wo anfangen?, 2012

 

Zuerst erschienen in: Edit 48/49, Frühjahr 2009