Einmal träumte ich, der langjährige Staatspräsident der Republik Simbabwe, Robert Gabriel Mugabe, sei zu Gast auf dem Sommerfest, das mein Vater alljährlich hinter seinem Haus im Dörfchen Kliestow nicht weit von Frankfurt (Oder) gibt. Mugabe saß, in eine seiner knallbunten Uniformen gekleidet, auf einer der Bänke, die mein Vater zusammen mit seinem Nachbarn Wolfgang aus dicken Baumstämmen herausgesägt hatte. Die Sonne ging gerade unter, durchs Maisfeld rauschte der Wind, in der Ferne saßen zwei Weißstörche in ihrem Nest hoch oben auf der Spitze einer turmartigen Stahlkonstruktion. Ich erinnere mich, dass niemand mit Mugabe sprach, obwohl er bis in die Nacht reglos auf seiner Bank saß und das festliche Treiben beobachtete, den Rhythmus auf seinem Oberschenkel mitklopfte, als meine Schwester und ich zu „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana tanzten, dem schlaksigen Amerikaner lauschte, der ans Mikrofon getreten war, um „Seven Nation Army“ von den White Stripes zu singen, den Feuerwerksraketen hinterherschaute, die sirrend in den Nachthimmel hinaufschossen. Irgendwann, aber da war ich schon längst nur noch ein paar Augen und Ohren, die über dem Feiergelände schwebten, waren alle weg, das Licht gelöscht, die Musikanlage ausgestöpselt, und ich starrte in die Finsternis und hörte Mugabe, wie er mit raschelnden Schritten über das Gras ging, an den Sträuchern rüttelte, an der Kunststoffplane des Festzeltes kratzte, die letzte Glut des Lagerfeuers mit einem Rechen zusammenschob. Den Rest der Nacht über war es windstill.

 

Im Jahre 1964 verurteilt ein Gericht Robert Mugabe zu zehn Jahren Gefängnis wegen revolutionärer Aktivitäten gegen die weiße Minderheitsregierung der Kolonie Südrhodesien. Im gleichen Jahr verurteilt ein Gericht Nelson Mandela zu lebenslanger Haft wegen Sabotage und Planung des bewaffneten Kampfes gegen die weiße Minderheitsregierung der Republik Südafrika.

 

Als die Kolonie Südrhodesien 1965 ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt, aber im selben Atemzug Elizabeth II. zu ihrem Staatsoberhaupt ausruft, weigert die Queen sich strikt, diesen Titel anzunehmen. Robert Mugabe erhält seit dem Beginn seiner Präsidentschaft im Jahre 1980 19 verschiedene Titel und Ehrendoktorwürden, von denen fünf ihm längst wieder aberkannt worden sind aufgrund seines korrupten, unterdrückerischen, sämtliche Menschenrechte missachtenden Regierungsstils.

 

Im Jahre 2007 sind 80 % der Einwohner Simbabwes ohne Arbeit. Durch die „Operation Müllentsorgung“ im Mai und Juni 2005 werden schätzungsweise 750.000 Menschen obdachlos, als Mugabe eine Armee Planierraupen und Radlader aussendet, die überall in den größeren Städten illegal errichtete Häuser, Marktstände und ganze Viertel dem Erdboden gleichmacht. Es heißt, allein bis 2004 seien etwa 50.000 Kinder und Jugendliche in speziellen Lagern dafür trainiert worden, als Todesschwadronen folternd und mordend gegen die Opposition im Land vorzugehen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung Simbabwes liegt heute bei 44 Jahren.

 

Mehrere hunderttausend Dollar werden auf Kosten der Staatskasse für jede der rauschenden Feierlichkeiten ausgegeben, die Robert Mugabe zu seinen Ehren veranstalten lässt.

 

Die Entfernung zwischen Kliestow und Harare, dem ehemaligen Salisbury, der Hauptstadt Simbabwes, beträgt knapp 8.000 Kilometer Luftlinie.

 

Einmal war mir, als könnte ich annähernd begreifen, was in Simbabwe seit dem Jahr 1980 vor sich geht. Es schien so einfach auf den ersten Blick: Der ehemalige Freiheitskämpfer und politische Häftling Mugabe, ein hochdekorierter Akademiker und Vorbild für viele andere Politiker Afrikas, gibt sich ganz der Macht hin, wird eins mit ihr, weiß sie rücksichtslos zu nutzen. Manche sprechen von einer paranoiden Persönlichkeitsstörung infolge der zahlreichen misslungenen Attentate auf seine Person. Andere sprechen davon, dass da einer die bloße Möglichkeit ergriffen hat als sie sich ihm bot. Wovon träumt ein Mann wie Mugabe? Die Literatur träumt von der permanenten Veränderung. Heute ist Mugabe 89 Jahre alt. Er steht vor seiner siebten Amtszeit als Staatsoberhaupt, 33 Jahre nach seiner Wahl zum Premierminister der Republik Simbabwe. Sein Land ist praktisch tot, und das letzte bisschen Wohlstand, das sich aus ihm herauspressen lässt, steckt Mugabe in die eigenen Taschen oder verteilt es großzügig an seine Entourage. Die Literatur aber muss auch einen zornigen, leidenschaftlichen Traum träumen. Robert Mugabe ist keinesfalls eine literarische Figur. Robert Mugabe ist ein Autor. Ein entsetzlicher, opportunistischer, vom Teufel verfluchter, armseliger Autor. Wie blöd wären wir zu hoffen, dass er im Schlaf das Wörtchen „Scheiße“ seufzt. Wie blöd wären wir zu denken, dass er das nicht tut. Schreiben bedeutet, die Welt zu erobern. Robert Mugabe hat dies umgesetzt, in den Trockensavannen Simbabwes. Einmal war mir, als könnte ich annähernd begreifen, was in Simbabwe seit dem Jahr 1980 vor sich geht. Nichts geschah, windstill war die Nacht und voller Schrecken.