Die Schlange am Falafelstand im überdachten Marché des Batignolles war mir dann doch zu lang. Um die Ecke hat ein neuer spanischer Lebensmittelladen aufgemacht. Von außen erkennt man wenig, ist man einmal drin, dröhnt einem der Lärm von ungefähr dreißig Leuten entgegen, die auf engstem Raum zusammensitzen, ordentlich trinken und die Schönheit der Gesellschaft zelebrieren. Auf den beiden großen Tischen steht Brot, als ich ankomme, werden gerade Schinken und Chorizo serviert. Der sympathische Mann, dem der Laden wohl gehört, kommt mit dem Wurstschneiden kaum hinterher, ständig fordert das Publikum Nachschub.

 

Ich wollte eigentlich nur auf die Schnelle ein Sandwich, der Ladenbetreiber möchte dann aber doch wissen, ob ich von Wurst Ahnung habe. Nicht wirklich, aber Oma und Opa schlachteten jedes Jahr. Da war es praktisch, dass sie nebenan wohnten. Meistens ging ich gegen acht oder neun Uhr morgens zu ihnen rüber. Die halbe Nachbarschaft war bereits versammelt, einige mehr als nur angetütert, Tante Brigitte schon total dicht. Die Stimmung war gut, man freute sich auf das Essen. In Omas und Opas Hof war es, wie in dem spanischen Laden auch: trubelig, laut, rustikal. Das Schlachtefest hatte nichts vom widerlichen – und nach gelangweilten Existenzen müffelnden – Klassendünkel, der in Worten wie „fine dining“ anklingt. Sozialismus heißt, gutes Essen nicht der besseren Gesellschaft zu überlassen. Gleichzeitig war es meilenweit entfernt vom kulinarischen Kitsch, mit dem regionale Produkte von Biobauerhöfen überzogen werden, damit sie sich ans gern zahlende Großstadtpublikum verhökern lassen. Bis zum Schluss hat das ganze Kaninchen bei Oma fünf Euro gekostet.

 

Jetzt stehe ich schon eine Weile vor dieser spanischen Wursttheke, mittlerweile ist der gegrillte Oktopus auf dem Tisch gelandet und ich bin ordentlich ins Reden gekommen und ganz aufgeregt. So aufgeregt, dass mein Kopf, wie oft, wenn ich overexcited bin, so komisch rumwackelt und dann gegen eine der riesigen Schinkenkeulen prallt, die von der Decke baumeln. Die Beule wird bestimmt lecker riechen. Ob ich nicht doch ein Schlückchen Weißwein wolle? Naja, okay, aber nur eines, es ist schließlich erst 12.30 Uhr. Jetzt geht es wirklich um die Wurst, die in Spanien und in Ostdeutschland hergestellt wird. Auf Blutwurst, boudin noir, morcilla können sich wohl alle einigen. Am liebsten waren mir aber fast die Nebenprodukte. Oh je, was heißt Wurstsuppe auf Französisch? Genauso großartig war etwas, das einem sonst als ekelhaftes Fettgeschwabbel vom Teller der Hortkantine anblickte: Wellfleisch. Ein bisschen Salz drüber, Senf und Brot dazu. Fertig.

 

Beim zweiten Glas sitze ich dann am Tisch. Das Gespräch flirrt abwechselnd in Spanisch und Französisch durch den Raum. Es geht um Politik. Man freut sich über den Vormarsch der Partei Podemos, die laut Umfragen zu den etablierten Kräften, der sozialistischen Partei und dem Partido popular, fast aufgeschlossen hat. Doch die Frage der Unabhängigkeit Kataloniens könnte für Podemos gefährlich werden. Noch habe sich die Partei in dieser Frage noch nicht festgelegt, zu explosiv sei das Gemisch. In Griechenland liegt Syriza ja auch ziemlich weit vorne. Ein kleines internationalistisches Leuchten im Süden des Kontinents, während sich reaktionäre Dunkelheit über das übrige Europa legt. Dass vor den Europawahlen Syriza auf diesen schönen Infografiken von FAZ und Spiegel immer geflissentlich im euroskeptischen Camp verortet wurde, obwohl das Parteiprogramm konsequent mehr Europa forderte, passt ins Bild der gesteigerten deutschen Bullshitproduktion im Jahr 2014. Dass die Zeit Podemos in einer Überschrift allen Ernstes als „Spaniens linke AfD“ bezeichnet, bestätigt nur die geistige Verrottetheit dieser Zeitung. (Podemos setzt sich für genuin europäische soziale Rechte ein.)

 

Und bei „Euch“ mit der Linken? Die Panik, die die Regierungsbildung in Thüringen auslöste, zog internationale Kreise. Wenn selbst der Präsident davor warne… Ich verachte die öffentliche Persona Joachim Gaucks so sehr, das Gefühl macht mich ganz dumm. Ich kann es nicht theoretisieren, warum sich mir jedes Mal der Magen umdreht, wenn ich mit den Äußerungen dieses Mannes konfrontiert werde. Ich will es doch verstehen, ich will raus aus dieser Stumpfheit des Ressentiments. Ich kann’s nicht. Harald Schmidt hatte vielleicht einen Anfang gemacht, als er, letztes Jahr war das, glaube ich, in einem Jahresrückblick für die Welt auf Gaucks öffentliche Selbstinszenierung zu sprechen kam. Wie Gauck auf der Lesetour immer wieder die Tränen kamen, und zwar immer wieder an den gleichen Stellen seiner Autobiographie. Bei Gauck fallen nationaler und biographischer Ergriffenheitsschwachsinn selbstzufrieden in eins. Der große Präsident der Freiheit, dessen erste Reaktion auf Snowdens Enthüllungen ein Wutausbruch war. „Purer Verrat“ sei das. Es ist eigentlich nicht zum Aushalten. Bleibt die Hoffnung, dass das Bundespräsidentenamt nach Wulffs und Gaucks Amtszeit derart beschädigt ist, dass man es lieber ganz damit sein lässt.

 

Meine Antwort fällt knapp aus. Ohne Bauschmerzen kann man die Linke nicht wählen. Selbst unter den Abgeordneten wimmelt es von kaputten Ideologen und Idioten. Zieht man die ab, ist es die beste demokratische Partei Deutschlands, wie ein Blick in die Liste der kleinen Anfragen deutlich macht. Ob diese Form politischer Arithmetik überhaupt Sinn macht, ist wieder eine andere Frage.

 

In Europa drängen linke Parteien wieder in die Regierungen. In Frankreich macht man sich links auf die Folgen des eigenen Ekels vor dem Mitte-Links-Präsidenten gefasst. Das Schauspiel wird nicht zum ersten Mal aufgeführt. Gilles Deleuze meinte einst, ein paar Jahre, nachdem die Euphorie, die François Mitterands Wahlsieg bei ihm ausgelöst hatte, wieder verflogen war, so etwas wie linke Macht existiere gar nicht. Man könne die Macht bestenfalls kritisch von links begleiten. François Châtelet, einer von Deleuzes besten Freunden, dachte ähnlich. Seine atemberaubende, 1975 erschienene Autobiographie Années de démolition verkehrt bereits im Titel die Logik des Bildungsromans (roman de formation) in ihr Gegenteil. Guillaume, Châtelets kaum fiktionialisiertes Alter Ego, stellt zwar das französisierte Pendant zu Goethes Wilhelm Meister dar. Die Vorstellung von Lehrjahren scheint Châtelet jedoch die Fortsetzung hegelianischer Geschichtsphilosophie mit biographischen Mitteln zu sein. Nein, was im Leben zusammenkommt, sind Abrissjahre – so ließe der Titel des Buches sich ins Deutsche übersetzen. Châtelet musst es wissen: Er beginnt mit der Niederschrift seines Buches im Krankenhaus, in das er eingeliefert wurde, weil seine Organe nach jahrelangem Alkoholkonsum nach und nach den Dienst verweigerten. Es gab genau zwei Zeiträume in Châtelets Leben, in denen sich das Gewicht der Macht für ihn in Schwerelosigkeit verwandelte: Das Jahr nach der Befreiung von Paris durch amerikanische Truppen im November 1944. Und 1968. „Je vis cette période comme une véritable vacance, vacance du pouvoir.“ Dass die Stelle der Macht vakant bleibt, bedeutet Ferien für alle. Nur bleibt dieser Posten natürlich nie unbesetzt. Die Maschinerie läuft weiter, wenn man sich enttäuscht von ihr abwendet.

 

Letzten Mittwoch hob das Magazin Les Inrockuptibles Alain Juppé aufs Cover. Ausgerechnet Juppé. Der konservative Politiker, der als Premierminister 1995 die größte politische Mobilisierungswelle Frankreichs nach 1968 ausgelöst hatte. Die Pläne für seine Rentenreform trieben Hunderttausende auf die Straße. Auch für Les Inrocks war es ein wichtiger Einschnitt. Gerade war man auf eine wöchentliche Erscheinungsweise umgestiegen. Gleichzeitig kam es zu einer Art Schulterschluss mit dem Intellektuellen, der wie kein zweiter zum Gesicht dieser sozialen Bewegung werden sollte: Pierre Bourdieu. Les Inrocks gaben den Startschuss, als sie Bourdieu auf die Seite 1 setzen.

 

(Das ist nur ein Nebenthema, aber es wäre spannend, die politische Dimension der französischen Soziologie historisch etwas genauer zu kartographieren. Rückblickend wird so getan, als ob Bourdieu sich sein ganzes Leben lang der radikalen Linken zugehörig fühlte. Aber das stimmt nicht. Diese Wandlung war erst 1995 abgeschlossen. Angefangen hatte er als Raymond Arons Assistent. Erst das Unverständnis, das Aron 1968 gegenüber den Studentenprotesten zeigte, führte dazu, dass Bourdieu sich von seinem Lehrmeister lossagte.

 

Und Bourdieus Schüler Luc Boltanski brach wiederum mit seinem Meister, weil Boltanski der Meinung war, Bourdieus Konzeption der Kritik changiere zwischen anmaßender Besserwisserei und autoritärem Gehabe. „De la dénonciation“ war der letzte Artikel, den Boltanski 1984 im Hausblatt Bourdieus, den Actes de la recherche en sciences sociales veröffentlichen durfte, danach gehörte er nicht länger zur Familie. Aus diesem Zerwürfnis ergab sich Mitte bis Ende der achtziger Jahre wiederum eine kurzzeitige Annäherung zwischen Boltanski und Bruno Latour. Der Versuch, universitäre Eigenständigkeit zu behaupten, ist für sein Gelingen stets auf institutionelle Verankerung angewiesen. Boltanski gründete 1984 die Groupe de sociologie politique et morale, Latour leitete das Centre de sociologie de l’innovation. Boltanski und Latour sind in der Folge dann völlig andere Wege gegangen. Und gerade deshalb wäre es mal ein Essay wert, sich die Konstellation Bourdieu, Boltanski und Latour in den Achtzigern genauer anzusehen.)

 

Zwanzig Jahre später ist Bourdieu tot und Juppé gibt Les Inrocks ein ausführliches Interview. Die Redaktion geht davon aus, dass Hollandes Parti socialiste keine realistische Chance hat, die Präsidentschaftswahl 2017 zu gewinnen. Schlimmer noch: die Sozialisten könnten bereits im ersten Wahlgang rausfliegen. Und dann bliebe nur noch eine schreckliche Alternative: eine Stichwahl zwischen Marine Le Pen und Nicolas Sarkozy. Deswegen, so Les Inrocks, gelte es schon jetzt, in der konservativen UMP die innerparteilichen Gegner Sarkozys stark zu machen. Man muss nämlich kein Parteimitglied sein, um seine Stimme bei den Vorwahlen abzugeben, die für die Kandidatenkür den Ausschlag geben werden. Wie sich die Welt verändert. Heute besteht die Aufgabe der Linken darin, dem weniger schlechten konservativen Kandidaten zum Sieg zu verhelfen.

 

Erst mal nach Hause und hinlegen, der Plan, noch die FAS zu kaufen, wurde spontan aufgegeben. Es hat in letzter Zeit weniger Spaß gemacht, die Lektüre erwies sich als beinahe so lebensenergievernichtend wie man das sonst nur vom Feuilleton der Zeit gewohnt ist. Ich hatte immer öfter den Eindruck, dass da Seiten von irgendwelchen Leuten vollgeschrieben werden müssen, obwohl diese Leute eigentlich überhaupt kein Interesse daran haben, nicht am Seiten vollschreiben, nicht an den Themen, die ihnen aufgetragen wurden, nicht an der Welt, die es doch gibt.

 

Die großen Kulturreportagen der Financial Times bringen mir irgendwie mehr. Die FT positioniert sich immer stärker als globale Zeitung – und verfügt auch über die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen, um diesen Anspruch zu verwirklichen. Anfang November war der gesamte Kulturteil dem Silicon Valley gewidmet, die Woche darauf ging es um die Renaissance des Christentums in China. 100 Millionen Christen soll es dort derzeit geben und gerade die Protestanten betreiben emsig die von der Regierung misstrauisch beobachtete Öffnung des „market of meanings“, wie es an einer Stelle so schön heißt.

 

Das letzte Mal als gesellschaftliche Energieüberschüsse in China auf christlichen Missionierungseifer trafen, nahm das Ganze eine revolutionäre Wendung. Hong Xiuquan war viermal durch die chinesische Beamtenprüfung gefallen. Dann fiel ihm eine Bibel in Mandarin in die Hände, die er gründlich und immer wieder las, zwischendurch kamen noch ein paar Nervenzusammenbrüche dazu, die Exegese muss wohl körperliche und existenzielle Züge angenommen haben – wusste Nietzsche, der die Bibel in einem fort als die größte Loser-App der Geschichte geißelte, von Xiuqan? –, denn plötzlich war der Mann überzeugt, er sei Jesus‘ jüngerer Bruder, dem von ganz oben auch politische Aufgaben auferlegt wurden. So brach 1850 der sogenannte Taiping-Aufstand aus, der 1864 endgültig niedergeschlagen wurde. Bilanz: 25 Millionen Tote.

 

Jamil Anderlinis Artikel arbeitet auf einen hochdramatischen Absatz hin. Manchmal braucht’s ja nur das: einen Absatz, der knallt, nicht mal aus sich heraus, sondern weil das Gelesene sich andockt an Sachen, die ziellos im Kopf herumschwirrten. Es ist der hier:

 

„In mid-October, Zhang Fan, 29, and her father Zhang Lidong, 55, were sentenced to death for the brutal murder of a woman in a McDonald’s outlet in eastern China after their victim refused to join them in worshipping the ‘Church of Almighty God’. This apocalyptic millenarian group, which also goes by the name ‘Eastern Lightning’, claims millions of followers who all believe Jesus has already come back to earth as a Chinese woman and lived in central China until recently. The group also considers the Communist party, which it refers to as the ‘Great Red Dragon’, to be its mortal enemy and tells adherents it is their duty to fight and slay ‘demons’. The whole country was shocked in May when a cellphone video circulated online showing the Zhangs and four others, including a 12-year-old, beating the woman to death with a chair and a pole while other customers watched or fled. In response, the government launched a nationwide crackdown on the group and paraded Zhang Lidong on state television, where he admitted his crime and pleaded self defence, saying the woman was a ‘demon’ that attacked him with supernatural powers.”

 

Ist doch lehrreich.

 

1.) Leute, die sich als „Drachentöter“ bezeichnen, sind entweder alternde Liedermacher oder gemeine Psychopathen. Oder beides.

 

2.) Es ist natürlich zu begrüßen, dass Religionen sich sanft deterritorialisieren, ständig neue Synkretismen herausbilden, bis wirklich jeder die für ihn passende spirituelle Übung gefunden hat. Christen in China, Muslime in Deutschland, Buddhisten in Hollywood. Diesen Prozess bitte beschleunigen, dann müssen wir uns nicht länger von irgendwelchen Leuten die stets scheußlich Geschichten von den „christlichen Wurzeln“ Europas erzählen lassen, weil der reaktionäre Baumstamm, von dem die Rede sein soll, längst rhizomatisch überwuchert worden und keinem eindeutigen Ursprung mehr zuzuordnen ist.

 

3.) Wusste man natürlich schon länger, aber: Achtung bei McDonald’s! Putin hatte das klar erkannt, als er zahlreiche McDonald’s-Filialen in Moskau aufgrund „hygienischer Mängel“ dicht machte. Angeblich wurden E. coli-Bakterien in den Caesar Wraps gefunden. Außerdem wurde dem Unternehmen vorgeworfen, systematisch falsche, nämlich zu niedrige Angaben zum Kaloriengehalt der Produkte zu machen. Nur gleichgeschaltete Mainstream-Mädchen würden darin eine Retourkutsche auf die gegen Russland verhängten Sanktionen erkennen. Im Juli lieferte die FT dazu einen dieser unsterblichen FT-Sätze. „Moscow is hitting back where it hurts: right in the cheeseburgers, milkshakes and Filet-o-Fish.”

 

Was für ein Abstieg für das Fastfood-Gewerbe. Gerade habe ich die tolle Biographie des französischen Popjournalisten Alain Pacadis (1949-1986) fertig gelesen. Auch in Paris gab es Ende der siebziger Punks, die jedoch genauso gern zu Disco tanzten, vor allem zu dem 1977 erschienenen, behutsam diskofizierten Grace Jones-Cover von Edith Piafs „La Vie en rose“. Punks hatten einfach keinen Bock mehr, stundenlang in Bistros und Brasserien rumzusitzen und einem bürgerlichen Ritual beiwohnen zu müssen. Der Big Mac barg ein emanzipatorisches Versprechen für all diejenigen, die überzeugt waren, dass die Einnahme einer Mahlzeit nicht länger dauern sollte als ein Ramones-Song.