Dass der Trotzkistenschreck Jörg Baberowski nur noch auf die Barrikaden steigt, wenn Arnulf Baring dazu aufruft, war ja seit längerem bekannt. Aber die Lage ist doch dramatischer, als ich das anfangs wahrhaben wollte. In der FAZ vom 14. September 2015 erleidet der Osteuropahistoriker auf zwei schier endlos langen Spalten einen Nervenzusammenbruch.

 

Was ist los? Die Ausländer sind zu viele und die wollen hier rein. Jedes Jahr eine halbe Million Einwanderer, wie Sigmar Gabriel das vorschlägt? Der „Frieden“ im Land wird durch derartige Ankündigungen und das „Gerede von der Willkommenskultur“ aufs Spiel gesetzt. Was zieht Migranten nach Deutschland? Die Presse- und Meinungsfreiheit können es jedenfalls nicht sein, die gibt es hierzulande nämlich gar nicht mehr: „Medien und Politik“ haben Deutschland in ein „Reich der Tugendwächter“ verwandelt, in dem jeglicher Einwand gegen die herrschende Meinung schlicht „verboten“ ist. Hat man einen Öffentlichkeitsbegriff, der nur minimal über Habermas‘ Habilitationsschrift hinausgeht, deren Erscheinen ja auch schon wieder gute 50 Jahre zurückliegt, merkt man schnell, wie haltlos Baberowskis Unterstellung ist, über „den Flüchtling“ dürfe nur Gutes gesagt werden. Ein Blick in die sozialen Medien genügt – ja, auch die gehören zur veröffentlichten Meinung – um sein Urteil einer demokratischen Revision zu unterziehen: Über den Flüchtling darf man in Deutschland fast alles sagen.

 

Schuld ist vielmehr der hyperaktive Sozialstaat, der „der ganzen Welt Angebote macht“. Dann darf man sich auch nicht darüber aufregen, dass „Menschen, die gar nichts haben, sie annehmen“. So steht das da wirklich von Professorenhand hingeschrieben. Je länger ich im Ausland lebe, desto ähnlicher erscheinen mir die Menschen. Egal, ob in Deutschland, dann in UK oder nun in Frankreich: Seit ich denken und Zeitung lesen kann – wahrscheinlich fällt das in eins – beklagen sich Politiker über zu üppige Sozialleistungen im eigenen Land, die in ihrer Großzügigkeit dem buchstäblich armen Rest der Welt den falschen Anreiz bieten. Für Ausländer gibt es immer zu viel Stütze. Wie auch Baberowski vollbringen Cameron, Sarkozy und all die anderen das Kunststück, sich vor Ekel zu schütteln und sich dabei zugleich am Bild vom eigenen Schlaraffenland zu ergötzen.

 

Baberowski spricht nicht als irgendjemand, sondern als Lehrstuhlinhaber an der Humboldt-Uni, was den Vorteil hat, dass man ex cathedra direkt in Kaubes Feuilleton reihern kann. Und er als Besonnener macht sich nun mal Sorgen. „Die Integration von mehreren Millionen Menschen in nur kurzer Zeit unterbricht den Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht“. Mir kam diese Idee des Zusammenstehens immer so falsch vor, und das nicht einmal aus moralischen Gründen. Es deckte sich einfach nicht mit meiner Erfahrung. Auf „gemeinsam Erlebtes, Gelesenes und Gesehenes“ konnte man sich nicht einmal in dem 1000-Seelen-Dorf berufen, in dem ich aufgewachsen bin. Sobald man feststellt, dass es diese Bindung nie gab, fehlt sie einem auch nicht. Man atmet freier.

 

Michel Houellebecq ist über die letzten Jahre langsam, aber stetig konservativer geworden. Eine Sache hat sich jedoch nicht verändert: seine Liebe zum XIIIe Arrondissement, wo es ihm gefällt, weil er sich dort von Frankreich in Ruhe gelassen und von den chinesischen Nachbarn freundlich behandelt fühlt. Außerdem ist es nah an der Autobahn, wie Houellebecq in Soumission schreibt. Falls also doch mal Bürgerkrieg ist, kommt man von dort relativ schnell aufs Land. Baberowski sollte diesem Beispiel folgen, die Ruhe bewahren und sich nach passendem Wohnraum in der Nähe des Berliner Autobahnringes umsehen.

 

„Und ich wünsche mir, in meinem Land offen sagen zu dürfen, was ich denke, ohne von ahnungslosen Fernsehpredigern und überforderten Politikern darüber belehrt zu werden, was moralisch geboten ist und was nicht.“ Darfst du, Brauner. In der FAZ. Gegen Bezahlung.