von Samael Falkner

 

Am Ende ist ohnehin alles weg. Innerhalb der nächsten einhundert Jahre könnten zuerst die Strände und schließlich die Hotelmeilen Miamis dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen. Bis es soweit ist, zieht die Stadt über fünfzehn Millionen Besucher im Jahr an, lebt von Hotellerie, Gastronomie und Kultur. Der Theoretiker Armen Avanessian hat sich in „Miamification“ Gedanken über die Parallelen des Lebens in der Touristenmetropole und des Alltags in europäischen Großstädten gemacht. Was bedeutet es, wenn die Uber-Fahrt mit persönlichem Fahrer billiger wird als der städtische Nahverkehr und die Gentrifizierung nicht mehr nur kleine Clubs und Projekte, sondern auch mittelständische Unternehmen aus der Stadt drängt – und wie trägt Trumps Präsidentschaft zu dieser Entwicklung bei?

 

Miami ist nicht nur die siebtgrößte Stadt der USA, sondern auch eine der reichsten. Ein Umstand, den die Stadt, deren Skyline von hauptsächlich in den letzten fünfzehn Jahren errichteten Wolkenkratzern geprägt ist, vor allem der Masse an Touristen aus dem In- und Ausland zu verdanken hat. Zwar geriet der Vergrößerungs- und Bauwahn im Zuge der Finanzkrise nach 2007 ins Stocken, dennoch werden heute wieder alte Gebäude zu Luxus-Apartments und Lofts umgerüstet. Es scheint, als könne die „Magic City“ nicht aufhören zu wachsen. Ein kulturelles Flair, das teils erhalten und teils künstlich geschaffen wurde, trägt dazu bei, dass Besucher so etwas wie eine miami-typische Kultur erleben.

 

Den Titel der „Magic City“ brachte der Stadt der Zuzug von über fünf Millionen Menschen in rund einhundert Jahren ein. In einigen Jahrzehnten des Florida-Booms hatten die Menschen das Gefühl, die Stadt würde sich jeden Tag vergrößern und verändern. And that’s not even its final form! Miami entwickelt sich jetzt gerade – hin zu einer Stadt, die nur noch aus Service und Attraktionen besteht. Kann eine Stadt überleben, indem sie Fortschritt simuliert und doch auf dem Stand der stagnierten Wirtschaft der frühen 2010er-Jahre verharrt? Liegt die Zukunft in der Wirtschaftsaussicht, der Gentrifizierungskultur und dem Sicherheitsgefühl Pre-Finanzkrise 2007, die lediglich mit neuen Technologien angereichert werden, um nicht zurückzufallen?

 

Die Wahrheit über die Stadt und ihre Ambitionen liegt wohl irgendwo in der Mitte, zwischen Strand und Poolbar. In diesem Zwischenraum aus Freizeit, Tourismus und beruflichen Verpflichtungen bewegt sich auch Armen Avanessian, als er die Ideen rund um „Miamification“ ausarbeitet. Das Buch selbst, zu einer Art Tagebuch strukturiert, geht gesellschaftlichen, technischen und ökonomischen Fragen anhand des Alltags in Miami nach. Wie entsteht so etwas wie Miami?

 

Im September 2016, als der österreichische Theoretiker von Berlin nach Miami fliegt, um zwei Wochen an den Pools und Stränden der Stadt zu verbringen, war die Welt noch in Ordnung. Naja, nicht wirklich, aber zumindest war der Orange-Utan, wie Trump im Buch liebevoll betitelt wird, noch nicht täglicher Bestandteil der Berichterstattung, sondern befand sich in der Endphase des Wahlkampfes. Danach, da waren sich alle einig, werde alles besser, auch Trump. So kam es dann doch nicht. Stattdessen gewann der Kapitalismus, oder diejenigen, die ihn verkörpern. Lobbyisten, Bankenchefs, Großunternehmer triumphierten und der Inhaber einer der bekanntesten Hotelketten der Welt wurde der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Fünf-Sterne-Luxus von Mumbai bis Las Vegas. Hotels und Immobilien erbaut unter Vermeidung von Steuerzahlungen, teils ohne die Rechnungen der Bauunternehmer je zu begleichen. Hotels, Golfplätze, Ferienresorts und Attraktionen, all das, woraus auch Miami besteht. Miami, das in “Miamification“ eher die Kulisse für die Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklungen zwischen Digitalisierung, Selbstausbeutung und Kommerzialisierung bildet, als sich schwerpunktartig in den Vordergrund zu drängen.

 

Trump, der den Klimawandel in Form einer Erwärmung für nicht existent erklärt und leugnet, wann immer die ersten Flocken Schnee fallen, stellt für Miami ein ernsthaftes Problem dar. Die Stadt wird früher oder später überflutet werden und die jährlichen Hurricanes sind nur ein Vorgeschmack dessen, was auf die Küsten der USA in den nächsten Jahren zukommen wird. Aber Miami passt sich an. Darum baut die Stadt nun hurricane- und flutsicher. Eine Kurzsichtigkeit, die exemplarisch auch für digitale und technologische Entwicklungen ist – Apps wie Uber, die den Arbeiter zur Vierzehn-Stunden-Schicht verdammen, um den Lohn für sechs Stunden heimzubringen und letztlich an ihrer Preispolitik zerfallen werden, oder der immobilienlose Hotelanbieter Airbnb, der bereits jetzt auf Widerstand von Stadtverwaltungen stößt, weil er Wohnraum vernichtet. So fühlt sich Miamis Vorbereitung auf die Klimakatastrophe an. Eine Stadt, die nach dem “Man kann es ja versuchen”-Prinzip baut und wächst. Eine Stadt in der sich alle, die es sich leisten können, wohlfühlen. Deutsche Rentner genauso wie texanische Studentengruppen. Ein Publikum, das sich jederzeit einen neuen Urlaubsort suchen kann, wenn die Zukunftsplanung nicht aufgeht. Aber spricht nicht gerade der aktuelle Anklang bei Touristen und Bewohnern auf Zeit für das, vielleicht zeitlich begrenzte, Erfolgskonzept Miamification?

 

Avanessian bleibt skeptisch und hangelt sich von Freizeitaktivität zu Freizeitaktivität durch den Urlaub. Die Tagebucheinträge, die sich direkt an den Leser richten, greifen dabei die Datensammelwut der Geheimdienste und die sich selbst in ihrer Funktion hindernde staatliche Überwachung ebenso auf, wie den privaten Umgang mit digitalen Medien. Miami importiert Kunst nur zeitweise und gentrifiziert dadurch effizienter, als es Berlin je könnte. Es importiert Arbeitskräfte, die Touristen per Uber für wenige Dollar am Tag durch die Stadt fahren, günstiger als der Nahverkehr. Und es exportiert – nichts Greifbares, kann daher immer weiter wachsen. Mit dieser kapitalistischen Effizienz, die sich selbst überholt bis zum totalen Crash, liegt sie auch auf einer Linie mit dem Akzelerationismus, der normalerweise eines der Kernthemen von Avanessians Arbeit bildet. Ein Grund, warum das Buch nach innen funktioniert, obwohl es von Thema zu Thema springt.

 

In „Miamification“ setzt sich Armen Avanessian eher mit dem Denkprozess an sich, als mit der konkreten Erkenntnis auseinander. Keine der Fragen rund um das Wirkprinzip Miami wird erschöpfend beantwortet. Das Buch bietet dabei eine gute Übersicht der Vernetzung verschiedener Alltagsbereiche, die neben dem persönlichen Reisebericht herlaufen. Sprachlich und inhaltlich rückt Avanessian dabei deutlich von seiner spekulativ-theoretischen Arbeit („Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz“, „Speculative Drawing“, „Metanoia. Ontologie der Sprache“ mit Anke Hennig, „Präsens. Poetik eines Tempus.“ uvm.) ab. Von dem wenig akademischen, direkten Schreibstil profitiert dabei vor allem der nicht fachlich vorgebildete Leser. Durch weiterführende Zitate zu den Themenfeldern und thematische Verweise im Text lassen sich die Fragen aber auch außerhalb von „Miamification“ zu Ende denken.

 

Aus demografischer Sicht ist die Großstadt, die nur von Besuchern und Service lebt, eine kapitalistisch sinnvolle Vision. Nach der Lektüre lässt sich jedoch eines mit Sicherheit sagen – eine miamifizierte Stadt ist keine, in der man dauerhaft leben und arbeiten möchte.

 

 

Der Autor auf Twitter @samaelfalkner

 

Miamification
Armen Avanessian
136 Seiten
2017, Merve Verlag