von Heike Geißler und Adrian Sauer

 

Adrian Sauer, Form und Farbe 8

 

Adrian Sauer, Form und Farbe 7

 

Ob man mich braucht.

 

Ja, das ist schon immer eine der ersten Fragen, wenn jemand erfährt, was ich beruflich mache. Mittlerweile zucke ich da mit den Schultern. Oder ich sage gar nicht erst, was ich mache. Manchmal sage ich, ich sei Augenarzt. Da kann man nichts falsch machen, es sei denn, natürlich, man trifft auf jemanden, der zufällig wirklich Augenarzt ist, aber das ist mir erst einmal passiert.

 

Und sowieso ist es so, dass es nahezu egal ist, was man als Beruf nennt. Manchmal sage ich auch einfach, dass ich Schauspieler bin, was zudem die Wahrheit ist: ich bin ein ausgebildeter Schauspieler. Einer, der seit fünfzehn Jahren Himmel darstellt.

 

Ich kann nicht mehr sagen, wie das kam. Eines Tages dachte ich wohl, das wäre es. Das kam mir nicht wie eine bahnbrechende Geschäftsidee vor. Ich dachte nur: Der Himmel fehlt. Der Himmel ist bei Film-, oder Theaterproduktionen einfach gar nicht zugegen. Natürlich sieht man manchmal Aufnahmen des echten Himmels. Oft aber auch nicht. Die Bildauswahl sorgt in der Regel für die Abschaffung des Himmels. Oder dem Himmel wird nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei macht so ein Himmel viel aus. Man macht sich beim Film und im Theater Gedanken über das Licht, aber man macht sich keine Gedanken oder zu wenige über den Himmel. Ich bin dort als Himmel zugegen, wo ein Himmel theoretisch gesehen werden könnte, aber aufgrund der Bildauswahl oder technischer Beschränkungen vom Zuschauer nicht gesehen werden kann. Insofern der Schauspieler also einen Himmel über sich hat, der Zuschauer diesen Himmel aber nicht sehen kann, komme ich ins Spiel. Oder wenn der Himmel, den der Schauspieler über sich hat, nicht zum Himmel passt, den sich der Regisseur vorstellt. Dann kann ich auch den Widerpart des echten Himmels geben. Sozusagen den Gegenhimmel. Ich kann dem echten Himmel zuspielen oder den echten Himmel durch meine Darstellung kommentieren. Auf jeden Fall bestätige ich, wenn ich da bin, diese Selbstverständlichkeit: Dass es einen Himmel gibt. Jeder Himmelsdarsteller, jede Himmelsdarstellerin tut das. Wenn ich im Theater oder im Studio arbeite, bin ich der einzige Himmel, agiere nicht im Vergleich zum echten Himmel, und das gefällt mir eigentlich am besten.

 

Natürlich kann man sich nicht als Himmel verkleiden. Das wäre plump. Ich meine, ja, man kann das machen, man kann sich als Himmel verkleiden, man kann sich also in einen Overall hüllen und mit Wolken oder Sternen oder Flugzeugen verzieren, man kann natürlich aussehen, als ginge man zu einem Kinderfasching. Das kann man. Das ist aber nicht Sinn der Sache. Das ist allenfalls der Ausgangspunkt. Ich frage mich: Wie sieht der Himmel aus, den ich verkörpern möchte. Ist er blau? Ist er schwarz? Sieht man mich auf dem Land? In der Stadt? Das sind die ersten Fragen, und sie sind wichtig. Aber daraus entsteht keine Verbindlichkeit. Dann frage ich mich, wie ich wirken will. Oder: Ich lese im Drehbuch, wie ich wirken soll. Da gibt es leider wenig Spielraum, das kommt oft aufs Gleiche raus. Dramatische Himmel sind meistens recht beliebt. Ich bin lieber ein Himmel mit dem Drama für den zweiten oder dritten Blick. Ich entwickele immer eine eigene Himmelsvorstellung. Ich bin ja Experte. Natürlich habe ich mir über den Himmel in all seinen Daseinsformen und mit all seinen möglichen und vor allem unmöglichen Bedeutungen viele Gedanken gemacht. Mehr Gedanken als der durchschnittliche Regisseur.

 

Wenn ich also ein Himmel sein soll, der jemandem etwas Bestimmtes bedeutet, der jemandem zum Beispiel Unheil verspricht – so ein andeutungsreicher Himmel ist ja recht beliebt – dann kann ich das machen, aber ich bin dann nie nur ein andeutungsreicher und raunender Himmel, sondern einer, der eine Lücke für die Zukunft lässt. Oder, sagen wir so: Ich biete immer eine Alternative zum Drama, zum Eklat oder zum Unheil an. Ich will kein Himmel sein, der Ausgeliefertsein oder Ausweglosigkeit oder Alternativlosigkeit suggeriert. Ich lasse gern Raum für andere Ideen. Das ist mir wichtig, das bin ich dem echten Himmel auch schuldig, das ist meine persönliche Note, wenn Sie so wollen.

 

Adrian Sauer, Form und Farbe 6

 

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Wie genau ich das mache. Tja. Ich spiele eben Himmel. Ich sitze oder stehe rum. Ich mache nicht viel. Man bemerkt mich, wie einen echten Himmel, nicht über Gebühr, es sei denn, man soll mich bemerken. Ich bin, so sehr es mir möglich ist, echter Himmel. Ich bin immer Himmel, den ich bereits gesehen habe. Der Himmel, den ich darstelle, gibt es. Das will ich betonen. Aber ich packe schon ein bisschen Utopie oder Idee mit rein.

 

Als ich anfing, Himmel darzustellen, spielte ich übrigens vorzugsweise schwere Himmel. Himmel, aus denen ein übles Schicksal zu regnen schien. Gefühlsbeladene, fast barocke Himmel. Jetzt bin ich Himmel, die älter wirken und erfahren. Und zugleich jung und nicht durch Übles beschwert. Wirklich beides. Und ich will immer einen Himmel darstellen, dem man zutraut, etwas aushalten zu können. Ich will ein kluger Himmel sein. Aber kein neunmalkluger. Ich versuche, Himmel darzustellen, die bescheiden wirken, aber zugleich das Potenzial, alles zu wissen in sich zu tragen scheinen. Himmel, die schon immer da sind, und auf immer da sein werden. Dieses Ewige fasziniert mich, das haben Sie bestimmt schon mitbekommen.

 

Stellen Sie sich das doch einfach kurz vor: Der, den ich spiele, den gibt es schon immer, den wird es immer geben. Den gibt es jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Als Himmel bedeutet mir das nichts. Als Himmelsdarsteller aber lege ich jenes Wissen um das Alltägliche und das Ewige in mich. Damit man es versteht. Ich will immer einen Himmel zeigen, der sich nicht aufdrängt, der zugegen ist, den man aber, und sei es nur unterbewusst, bemerkt, um dann etwas vom Himmel zu bemerken, also zum Beispiel sein immerwährendes Zugegensein. Wenn das gelingt, und oft gelingt es, ist mir viel geglückt. Ich will also, um das deutlich zu sagen, kein Himmel sein, der auf etwas im Betrachter verweist, der der Schauplatz einer Emotion ist oder eines Glaubens.

 

Es ist leider so, wenn ich sage: Guten Tag, ich kann Ihnen einen klugen Himmel spielen, dann kriege ich keine Aufträge. Das Kluge ist der stille Bonus bei meinem Himmel, darüber rede ich beim Casting nicht. Jeder Himmelsdarsteller gibt seinem Himmel eine eigene Note. Lustigerweise würde ich aber nie sagen: Das ist meine Klugheit, die ich dem Himmel gebe. Ich selbst bin nicht sonderlich klug.

 

Himmelsdarstellungen sind fast schon ein boomendes Geschäft. Aber ich war einer der ersten Himmelsdarsteller. Man kann das heute nicht mehr so einfach sagen, wer zuerst war, wer später: ungefähr zeitgleich mit mir hat ein Kubaner angefangen als Himmelsdarsteller zu arbeiten, wir chatten ab und an, und es ist kein Streitpunkt zwischen uns, wer nun der Erste war. Allerdings gibt es einen Finnen, der manchmal auch für internationale Produktionen arbeitet. Er behauptet, er habe die Himmelsdarstellungen für Film, Foto und Theater erfunden. Das ist jedoch nicht so, man kann das auch nachweisen, aber die Frage ist ja, ob man die Mühe eines solchen Nachweises auf sich nehmen will. Im Übrigen sagt der Finne, er könne jeden Himmel spielen. Man kann auf seiner Website lesen, er habe bereits chinesische, russische, bolivianische, deutsche und ungarische Himmel gespielt. Das klingt nicht schlecht, aber ich halte das für übertrieben.

 

Grundsätzlich ist es gut, wenn sich immer mehr Schauspieler zum Himmelsdarsteller spezialisieren, das macht dann auch deutlicher, dass es nicht nur einen Himmel gibt. Oder: Dass es einen Himmel gibt, diesen einen, über den wir viel und zugleich herzlich wenig wissen und zudem gibt es mindestens so viele Himmel wie Betrachter des Himmels.

 

Adrian Sauer, Form und Farbe 4

 

Adrian Sauer, Form und Farbe 3

 

Für mich ist der Himmel das eigentliche Kino, das Urbild oder das Buch, das man braucht. Der Himmel ist die Primärliteratur, Bilder und Bücher sind nur Sekundärliteratur, was nicht wenig ist. Ich sehe aber nicht ständig in den Himmel, das habe ich früher gemacht. Es ist vielleicht so wie bei Musikern, die so lange sehr intensiv üben, bis sie eine Festanstellung bei einem Orchester haben. Dann werden sie ein wenig faul, falls man das so nennen kann. Ich gehe halt selbstverständlicher mit dem Himmel um, aber ich sehe ihn schon am liebsten mit einem frischen Blick an und entdecke immer noch Neues.

 

Es ist wie mit jeder Sache, wenn man mag, kann man viel über sich erfahren, natürlich.

 

Bei den Vorsprechen gebe ich mich, glaube ich, als lässiger Himmel. Sozusagen als lapidarer Himmel.

 

Einmal war ich ein Himmel mit Text zum Sprechen. Ich habe mich dann als Berliner Himmel inszeniert. Ich war ein schnoddrig auftretender Himmel mit viel Herz, mit einer gewissen Härte und Schicksalsgeprüftheit. Ich war Franz Biberkopf aus Döblins Berlin Alexanderplatz als Himmel. Der war ich. Das war meine liebste Rolle. Und wenn man mich fragte, wie spricht der Himmel eigentlich, müsste ich sagen: Der Himmel spricht nicht. Der Himmel sendet keine Botschaften, der Himmel hat einfach keinerlei Mitteilungen zu machen. Aber ich würde gern sagen: Der Himmel berlinert.

 

Wenn ich mal in den Ruhestand gehe, würde ich gern ein letztes Mal einen großen Auftritt als Himmel haben wollen. Ich stelle mir vor, in einem Schaufenster zu stehen und als berlinernder Himmel eine Rede zu halten. Ich würde dann deutlich sagen, dass ich als Himmel genug von allen Zuschreibungen und Ablagerungen von Stimmungen habe.

 

Sehen Sie, es ist doch so, dass die meisten meinen, überall am Himmel drücke sich eine Stimmung oder ein Gefühl oder eine Geschichte aus. Das kann man so sehen. Das ist auch nicht falsch. Als Mensch darf man das so sehen, man macht das auch ganz automatisch. Aber das ist auf diese Art so oft und kontinuierlich so gesehen worden, dass es an der Zeit ist, es nicht mehr so zu sehen oder wenigstens zusätzlich anders: Dass der Himmel nur der Himmel ist und folglich herzlich wenig und erstaunlich viel zugleich. Ich würde in meiner Rede auch sagen, dass ich defintiv niemandes Spiegel bin.

 

Aber es ist noch Zeit, diese Rede vorzubereiten, falls ich überhaupt in den Ruhestand gehen kann oder will. Das ist ja momentan alles nicht so klar in meinem Beruf. Man kann derzeit auf jeden Fall sagen, dass es immer mehr Produktionen gibt, die sich einen Himmelsdarsteller leisten. Es ist aber auch nicht so, dass man als Himmelsdarsteller von Angeboten überhäuft würde. Leider.

 

Andererseits habe ich mehr Aufträge als noch vor einem Jahr.

 

Und da will ich übrigens hin, dass jeder Film, jede Theaterproduktion einen Himmelsdarsteller hat.

 

Das scheint natürlich ein seltsamer Luxus zu sein. Wer allerdings schon mit guten Himmelsdarstellern gearbeitet hat, will danach meistens nicht mehr auf sie verzichten. Es ist ohne Himmelsdarsteller vermutlich nicht so, als ob der echte Himmel fehlte. Aber mit Himmelsdarstellung ist es eine rundere Sache.

 

Adrian Sauer, Form und Farbe 2

 

Adrian Sauer, Form und Farbe 1

 

Als Himmelsdarsteller darf ich selber nicht wichtig sein. Vor ein paar Jahren habe ich den Fehler gemacht, in einer Fernsehsendung zu Gast zu sein. Ich sage jetzt nicht, in welcher, denn dann googeln das wieder alle, dann kommt wieder mein Gesicht ins Spiel, wird wieder bekannt usw. Wenn man mich sieht, wenn man sich nach einem Film absolut klar an mein Gesicht erinnert, habe ich als Himmelsdarsteller versagt. Anstelle meines Gesichts sollte sich jeder Zuschauer optimalerweise an einen Himmel erinnern. An den Eindruck, dass da ein Himmel zugegen war. Als Himmelsdarsteller muss man vollkommen unambitioniert sein, was die Befriedigung der Eitelkeit angeht. Man darf einfach nicht eitel sein. Oder muss seine Eitelkeit aus der erfolgreichen Unsichtbarkeit befriedigen.

 

Jedenfalls war ich kurz mit meinem Gesicht bekannt, und dann musste ich mich zurückziehen, musste eine Weile jobben, bis ich wieder als Himmelsdarsteller arbeiten konnte. So einen Fehler macht man nicht zweimal. Ja, es gibt Himmelsdarsteller, die man kennt, aber die sind die Ausnahme.

 

Ich für meinen Teil will lieber ein unbekannter Mensch, aber dafür ein Himmel sein, an den man sich wie an einen möglichen echten erinnert.

 

 

 

Text: Heike Geißler, Bilder: Adrian Sauer

 

Der Text entstand anlässlich Adrian Sauers Ausstellung „Form und Farbe“ in der Galerie Klemm’s, Berlin, 7. November 2014 – 10. Januar 2015. Erschienen in Edit 66, Frühjahr 2015.

 

Ausstellungsansicht

 

www.heikegeissler.de

www.adriansauer.de