Beschäftigen wir uns doch, weil wir gerade eine freie Minute haben, mit den imposanten Wucherungen des Nordirlandkonflikts.

 

Aus der im Anglo-Irischen Vertrag von 1921 besiegelten Abtrennung des Norden Irlands vom südlichen Teil der Insel hat sich ein undurchsichtiger Zwist entwickelt, den zahlreiche Fraktionen gnadenlos anheizen, mit sofortiger Wirkung beilegen oder für alle Beteiligten zufriedenstellend schlichten wollen: Protestantische Loyalisten, die eine Union zwischen Irland und Großbritannien befürworten, katholische Republikaner, die eine Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik Irland fordern, die nationalistische Irish Republican Army, die seit 1919 für die Unabhängigkeit der gesamten Insel kämpft, die berüchtigten loyalistischen Milizen Ulster Volunteer Force, Ulster Defence Association und Loyalist Volunteer Force sowie die großen irischen Parteien, die Kirchen, Parlament und Krone des Vereinigten Königreichs, die Vereinigten Staaten, die Vereinten Nationen und die Europäische Union. Es ist eine gewaltige Walze, ein atemraubendes Theater des Todes. Und das ist noch lange nicht alles:

 

Die Ermordungen protestantischer und katholischer Bewohner Nordirlands durch paramilitärische Todesschwadronen, die Zersplitterung der IRA in Provisional IRA und Official IRA, die tödlichen Hungerstreiks der republikanischen Häftlinge im Maze Prison, die von 1969 bis 2007 andauernde militärische Intervention britischer Streitkräfte in Nordirland, die ausschließlich von Katholiken oder Protestanten bewohnten, mit Zäunen und Mauern voneinander abgetrennten Ghettos in Belfast, Derry und anderen Städten, die Zersplitterung der Provisional IRA in Real IRA und Continuity IRA, das Hin und Her um die irische und die englische Sprache, die Bombenanschläge und Attentate auf der irischen Insel, in ganz Großbritannien und auf dem europäischen Festland, der florierende Waffenhandel zwischen Nordirland, Libyen, dem Balkan und den USA, der schwerfällige Friedensprozess, der, trotz aller Unterbrechungen und Rückschläge, nicht abreißt.

 

Der Nordirlandkonflikt ist ein überwältigendes Tableau, das sich aus Nationalismus, Terrorismus, Demokratisierung, Identität, Religion, Kriminalität, Herrschaft und Geschichte zusammenfügt, ein flirrendes Panorama, nein, eine dunkle, pulsierende Installation in der Galerie des Weltgeschehens, die längst den Raum gesprengt hat, der sie einmal umgab. Ich wusste, ich musste mich mit den Troubles beschäftigen. Nur in welcher Form? Ich hatte ja nichts weiter als mein nacktes Interesse, das eine starke Verbindung zu den Dingen ist und mir den Schlaf raubt. Ich stellte mir also die Frage, wie ein Künstler mit diesem allgegenwärtigen, tausendarmigen Monstrum umzugehen hat, dessen Tentakelspitzen das Aussehen von IRA-Kommandanten, Priestern und Parteifunktionären haben.

 

Zuerst kam mir die Idee einer Fernsehserie, die in der Bogside spielt, jener von republikanischen Katholiken bewohnte Bezirk außerhalb der Innenstadt von Derry. Die Serie, die von Kindern und Jugendlichen handelt, die dort aufwachsen und zwangsläufig in das Mahlwerk aus Hass, Angst, Terror und politischem Irrsinn geraten, sollte actiongeladen und aufregend sein, aber auch übermütig, abenteuerlich, freizügig und ausgelassen, genau so, wie Jugendliche sich nun mal verhalten. Ich habe nie begonnen, mich intensiver damit zu beschäftigen.

 

Die nächste Idee war, eine Geschichte des Nordirlandkonflikts zu schreiben, im Namen zweier Historiker, Fiona Carmichael und Alec O’Killen, deren Monografie „Die gläserne Armee“ einen Abriss der Troubles präsentiert und mit der sensationellen Entdeckung einer bislang im Verborgenen tätigen Abspaltung der Real IRA aufwartet, die keinen offiziellen Namen trägt und von den Autoren mal als „Fictional IRA“, mal als „Monsoon Commando“ bezeichnet wird. Diese IRA der Autorschaft, diese IRA der Dichtung steht gleichberechtigt neben Provisional und Real IRA, und ihr tatsächliches Vorhandensein würde innerhalb des Buches niemals infrage gestellt werden, denn Carmichael und O’Killen sind zwei zu einem kreativen Extremismus neigende Abenteurer des Geistes, die als Künstler und Wissenschaftler fest davon überzeugt sein müssen, dass etwas Behauptetes durchaus lebendig werden kann, wenn man es nur vehement genug behauptet und keinerlei Zweifel an seiner Existenz akzeptiert (im Übrigen nicht nur ein ästhetischer, sondern auch ein politischer Grundsatz). Vielleicht wird dieses Buch eines Tages erscheinen, vielleicht auch nicht.

 

Die dritte Idee mutet zunächst profan oder dahergesagt an, ihre Wirkung ist jedoch nicht außer Acht zu lassen: In jedem zukünftigen Kunstwerk, das ich oder jemand anderes erschafft, sei es ein Buch, ein Gebäude, ein Stück, ein Gedicht, ein Tanz, ein Film, ein Gemälde oder ein Stuhl, geht es um nichts anderes als um den Nordirlandkonflikt. Selbst wenn es, oberflächlich betrachtet, um etwas ganz anderes geht, muss eine tiefschürfende Analyse zwingend folgendes hervorbringen: Hier setzt sich jemand mit dem Nordirlandkonflikt auseinander. Wozu? Nordirland ist ein gottverlassener, kraftstrotzender, in der Finsternis des Universums schimmernder Planet. Jemand kam und hat auf seiner kalten, zerfurchten Oberfläche eine riesige Waffe errichtet, die gen Erde zeigt. Besucht ihn, ihr von euch selbst gelangweilten Künstler, reist zu ihm, bevor es mit euch zu Ende geht.