Umstürze in allen Stimmungslagen, Staatsstreiche zu allen Jahreszeiten, Revolutionen in allen Farben – schon ein schneller Blick in die finstere Mottenkiste des 20. Jahrhunderts genügt, um eine illustre Auswahl präsentiert zu bekommen, passend zum Thema: Die Zarenfamilie im Keller des Ipatjew-Hauses, die meuternden Matrosen auf den Schlachtschiffen „Thüringen“ und „Helgoland“, der Morgen des 17. Juni 1953, Castro in den verregneten Bergen der Sierra Maestra, Salvador Allendes Telefon, das um 6 Uhr 20 klingelt, das außerordentliche Reaktionsvermögen der Militärs in Mali, Uganda, Libyen oder Ägypten, die Rückkehr des Ajatollahs nach Teheran, Nicolae und Elena Ceaușescu vor ihrem persönlichen Standgericht, das schmauchende Pfeifchen des Subcommandante Marcos, der „Leuchtende Pfad“ in den Dschungeln Perus. Alles ist im Wandel und wird es immer bleiben.

 

Der allerletzte Roman des Sozialistischen Realismus trägt den Titel „Die Zwietracht der Unendlichkeit“ und handelt von einem einsamen Mann namens Dr. Hansjürg Trilli, dem einzigen offiziellen Parapsychologen der Deutschen Demokratischen Republik, der in einem Geheimarchiv des Ministeriums für Staatssicherheit auf ein Konvolut untrüglicher Beweise stößt, dass das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands seit Ende der 1940er Jahre in engem Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation steht, die nicht nur das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Währungsreform in den West-Zonen, die Teilung Deutschlands und den Bau der Berliner Mauer zu verantworten hat, sondern auch die totale Verbreitung der sozialistischen Ideologie plant – bis an die Grenzen des bekannten Universums und darüber hinaus. So viel sei verraten: Dem verzweifelten Dr. Trilli wird nichts anderes übrig bleiben, als das gesamte Raum-Zeit-Kontinuum zu zerstören.

 

Und nach Erscheinen dieses Romans soll Ruhe sein, bitteschön. Dann nämlich vergessen wir endlich und endgültig die DDR, diesen traurigen Schluckauf des 20. Jahrhunderts, samt ihrer kleinbürgerlich-paranoiden Politik, ihrer höchst fragwürdigen Vorstellungen vom Menschen und ihrer ans Debile grenzenden Kunstauffassung. Ein für alle Mal.

 

In Christopher Nolans Film „The Dark Knight“ sagt Butler Alfred zu Bruce Wayne folgenden bemerkenswerten Satz in Bezug auf die Persönlichkeit des Jokers, Batmans grandios verrückten, sadistischen, umwerfenden Erzfeind: „Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.“ Ob Alfred es nun in diesem Augenblick selbst weiß oder nicht: Mit seinen Worten macht er den Joker endgültig zum Künstler – ein Künstler, der eine Totalität auflösen will, um eine neue, nach seinen Maßstäben generierte Totalität herzustellen. Doch hehre Absichten sind damit nicht verbunden: Dem Joker mit seinem exquisiten Kunstverständnis ist der Zustand der Welt vor und nach seinen Taten herzlich egal. Was einzig zählt, ist, dass sie brennt. Alles weitere sei dem staunenden Publikum überlassen.

 

Abhängig von der Anordnung der Schaufeln, dreht sich das Schaufelrad eines Schaufelradbaggers im oder gegen den Uhrzeigersinn. Dabei nimmt es gewaltige Mengen Erde und Kohle auf. Über eine Rutsche gelangt der Abraum auf mehrere Förderbänder, die ihn zur Weiterverarbeitung in ein Zwischenlager oder direkt in ein Kraftwerk transportieren. Allein im Lausitzer Braunkohlerevier wurden nach 1950 26.000 Menschen umgesiedelt, 88 Dörfer mussten den Gruben weichen.

 

Am 17. April 1975 nehmen die Roten Khmer die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh ein. Die absolute Revolution beginnt. Die Städte des Landes werden geräumt, beinahe die gesamte Bevölkerung wird zur Arbeit auf die Reisfelder gebracht. Alle Politik des Demokratischen Kampuchea geht nunmehr von einer einzigen Institution aus, Angka padevat, die große, unfehlbare, allmächtige „Organisation“. Sie ist die einzige, die noch offen sprechen darf:

 

„Es gibt keinen Verkauf mehr, keinen Handel mehr, keine Klagen mehr, keinen Raub mehr, keine Plünderung mehr, kein individuelles Eigentum!“

„Das System der Deiche in den Reisfeldern wird eure Wahrnehmung der Dinge ändern!“

„Es gibt keine Sonntage, nur Montage!“

„Am Arbeitsplatz bis zum Tod!“

„Wenn du Libertarier bist, wenn du frei sein willst, warum stirbst du dann nicht bei deiner Geburt?“

„Wer protestiert ist ein Feind, wer sich widersetzt ein Kadaver!“

 

Als die Herrschaft der Roten Khmer im Januar 1979 endet, sind zwei Millionen von insgesamt sieben Millionen Einwohnern Kambodschas nicht mehr am Leben.

 

Die Umwälzung bestehender Verhältnisse kann schreckliche Züge tragen. Und trotz aller Erfahrungen: Von jeher wird sie in vielen Teilen der Welt still herbeigesehnt, emsig vorbereitet, leichtfertig zelebriert. Als würde immer wieder auf ein Neues die ewig gleiche Selbstversicherung dahinter stehen: Keine Sorge, dieses Mal wird alles besser. Inzwischen fürchte ich mir vor beidem: Vor dem Status quo dieser Welt und vor den Ideen, die ihn beseitigen wollen. Darum: Wachsam bleiben, Alter – selbst die Notwendigkeit ist niemals leichtfertig zu akzeptieren.