von Anna Mayrhauser

 

Als Kind wollte ich ein Nöstlinger-Kind sein. Alles, was ich erlebte, wurde in meinem Kopf zu einer Nöstlinger-Geschichte. Faschistische Turnlehrer, verrückte Geschichtsprofessoren, böse, alte Leute, die einen im Bus mit Gewalt zwingen wollen aufzustehen, obwohl sie offensichtlich noch ganz fit sind, dumme Mobberkinder – alles wurde ein bisschen erträglicher, wenn man es in der Sprache von Christine Nöstlinger betrachtete.

 

Mein innerer Monolog war von den Ich-Erzählern und Ich-Erzählerinnen geprägt, die sie erfunden hatte. Mit 12, 13 Jahren sprach ich deshalb einen seltsamen Jargon, die Jugendsprache der 1980er Jahre, durchsetzt mit Wiener Dialektausdrücken. Eine altkluge 13-Jährige, die zu viele Fremdwörter benützt und mit „Gott zum Gruße“ grüßt. Christine Nöstlinger gab mir, dem Kind linker Eltern in einer oberösterreichischen Kleinstadt, das Gefühl, normal zu sein, oder zumindest so normal, dass irgendwo – vielleicht nicht hier, vielleicht nicht jetzt, aber definitiv irgendwo und irgendwann – Menschen auf mich warten, die mich verstehen. Ihre Bücher gaben mir das Gefühl, dass es normal ist, Eltern zu haben, die eine Lenin-Statue im Bücherregal stehen haben (daneben eine geschnitzte Jesusfigur und die gesammelten Bände von Karl Marx) und dass es genauso normal ist, dass sie diese Lenin-Statue verstecken, wenn sie den Elternbeirat der Schule in ihrem Wohnzimmer einberufen, um die konservativeren Eltern der Freunde ihrer Kinder zu beschwichtigen, dass das gemeinsame Vergehen der Kinder vielleicht doch nicht so schlimm ist. Weil diese Eltern die „Ironie vielleicht nicht verstehen“(siehe: Nagle einen Pudding an die Wand). Und sie gab mir das Gefühl, dass es normal ist, Buben zu begehren. Und das ist, wenn ich darüber nachdenke, was ich danach in Film, Literatur und Musik konsumiert habe, viel erstaunlicher, als ich damals dachte. Heute glaube ich, dass mich das Lesen ihrer Bücher zu einem starken Mädchen gemacht hat. Gerade weil nichts an ihrer Literatur dogmatisch oder ideologisch ist und einige Punkte vielleicht sogar dagegen sprechen würden.

 

Ihre Bubenfiguren ließen mich von „14-jährigen Knaben“ wesentlich mehr erwarten, als die Realität hergab. Die Buben, in die sich ihre Mädchen verliebten, waren politbewegte Arbeiterkinder, die sich in der Schülervertretung gegen die verstaubten und tendenziell kryptofaschistischen Hierarchien, die Gymnasien in Österreich noch bis weit in die 1990er Jahre hinein ausmachten, wehrten (Stundenplan); engagierte, reflektierte Linkskatholen (Oh du Hölle), kaum 14-jährige Umweltaktivisten (Nagle einen Pudding an die Wand) oder frühe Hipster wie Luki (Luki Life) und Hinzel (Gretchen Sackmeier), die sich strickend und in Großvaterhemden gekleidet vorherrschenden Männlichkeitsbildern verweigerten und Vogelfedern im 16. Wiener Gemeindebezirk verkauften. Allerdings hat sie auch Buben, von denen man erst geschwärmt hat und sich dann eingestehen musste, dass man sich ein Traumbild erschaffen hatte, ebenso oft authentisch beschrieben – man denke nur an Florian Kalb (ebenfalls Gretchen Sackmeier) als Prototyp des Schönlings, der sich bald als fad entpuppt.

 

Positiv besetzte Mädchenfreundschaften sind in ihren Büchern selten. Der wichtigste Verbündete für ein Mädchen ist meistens der beste Freund, nicht die beste Freundin. Susi hat Ali und Alexander, bis sie sich widerwillig auf ihre erste Mädchenfreundschaft einlässt. Gretchen hat zwar ihre Gabi, wesentlich wichtiger sind für sie aber Hinzel und Florian. Dem Mädchen, das sie als ihre eigentliche beste Freundin betrachtet, der Kellnerin in ihrem Stammcafé, kommt sie nicht richtig nah. Babsi tauscht ihre Anni bedenkenlos gegen einen Stefan ein, Katharina ist schon fast ausschließlich mit Buben befreundet, bevor sie sich in Koku verliebt. Eine Mädchenfreundschaft ist selten, die Kombination aus einem Mädchen, das zwei Buben verbunden ist, ist wesentlich häufiger anzutreffen.

 

Es ist viel darüber geschrieben worden, dass die Mütter in ihren Kinderbüchern meistens schlechter wegkommen als die Väter und dass viele ihrer Bücher zu Hommagen an die große Vater-Tochter-Liebe geworden sind. In ihren im Residenz-Verlag erschienenen Erinnerungen Glück ist was für Augenblicke geht sie mit ihren Eltern, vor allem ihrer Mutter, wesentlich sanfter um als in ihren Büchern. Und natürlich stimmt diese These auch nicht ganz. In ihrem großen Emanzipationsroman Gretchen Sackmeier gibt es eine junge, selbstbestimmte Mutter, die dem gemütlichen Vater, der will, dass alles so bleibt, wie es ist, das Fürchten lehrt. Die gute Mutter bei Nöstlinger ist berufstätig und viel unterwegs, liebevoll, aber abwesend und zerstreut. Nerven tut das ständig anwesende Muttertier, das einen in Liebe und Grant verschlingt. Die danebenstehenden Väter, denen meist die ganze Liebe gilt, werden aber auch nicht ohne Kritik betrachtet – sie wehren sich nicht, flüchten sich in Hobbys, ins Wirtshaus oder in die Musik.

 

Überhaupt dieses Gretchen – das Missy Magazine hat sie ganz richtig in ihre Reihe der Lieblingsstreberinnen aufgenommen und ihr feministisches Potential gewürdigt, ihre Weigerung, sich männlichen Besitzansprüchen anzupassen, ihre Selbstbestimmtheit. Bora Dagtekin hat Gretchen Haase, die Hauptfigur seiner Serie Doctor’s Diary, nach ihr benannt und es ist erstaunlich, dass sie in der Popkultur nicht öfter rezipiert wurde.

 

Und wenn man heute Sexszenen aus Nöstlingers Jugendbüchern liest, dann kann man nur staunen, wie modern das ist, wie sehr sie Mädchen eine aktive Rolle zuschreibt, wie wenig wichtig monogame Beziehungen und die große Liebe sind, welch großen Stellenwert die eigene Lust bekommt. Erst viel später, als ich begann, Erwachsenliteratur zu lesen, kam ich dahinter, dass ein Mädchen zu sein, in der Literaturgeschichte nicht unbedingt ein Vorteil war. Erst als ich Christine Nöstlingers Bücher hinter mir ließ – was natürlich nie so ganz passierte – und begann „große Literatur“ und dann auch die Beatliteratur zu lesen, fiel mir auf, dass in dieser Welt kein Platz für Frauen war. Dass ich gerne durch Amerika gereist wäre, dass ich gerne waidwund und übertalentiert erwachsen geworden wäre, aber dass das Dinge waren, die für Buben reserviert sind und dir als Mädchen nur bleibt, wesentlich hübscher zu sein als dein Draufgänger-Held, Sex zu wollen (aber nicht zu sehr) und seine Bedürfnisse zu erfüllen.

 

Erst in den letzten Jahren wurden diese Dinge – dank Frauen wie Lena Dunham, Amy Schumer oder Laurie Penny – auch breitenwirksam besprochen. Es kamen Begriffe ins Spiel, die halfen, Dinge zu benennen, wie die Kritik der Manic Pixie Dream Girls. Umso erstaunlicher, wie weit die Kinderliteratur der 1970er und 1980er Jahre war. Die Selbstverständlichkeit meines Begehrens wurde durch Nöstlinger-Romane bestätigt, in der Pubertät von der Popkultur abgesprochen und erst am Anfang meines Studiums mit bell hooks wieder zurückerkämpft.

 

Die sehr kluge Wiener Autorin Stefanie Sprengnagel schreibt auf Facebook, dass sie stolz darauf sei, in der Geblergasse im 17. Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen zu sein, nur ein paar Häuser weiter von dort, wo Nöstlinger aufwuchs und wo auch einige ihrer Romane spielen. Tatsächlich erinnert in der realistischen Literatur Stefanie Sprengnagels vieles an Nöstlinger, und es ist nicht schwer, sich Stefanie Sprengnagel, das Kind aus der Geblergasse, das das Gymnasium schmeißt und auf die Kunstuni geht, als ein Nöstlingerkind vorzustellen. Stefanie Sprengnagel wehrt sich gegen viele Zuschreibungen und Vereinnahmungen, aber gegen eines wehrt sie sich nie: den Vergleich mit Christine Nöstlinger. Neben dem jüngst verstorbenen (oder so) Karikaturisten Manfred Deix nennt sie sie als ihren größten Einfluss. Auf Facebook schreibt sie:

 

„Wenn ich von einem oder meinem Wiener Stil spreche, meine ich Fäkalrealismus, durchzogen von böser Ironie und empathischem Zynismus. Ich bin geprägt durch Christine Nöstlinger, deren Kinderbücher ich von kleinauf gefressen haben. Mir gefiel, dass es nie um Elfen oder Pferde geht, sondern um fette oder picklige Kinder und die Grausamkeiten, denen sie ausgesetzt waren, um Nasenrammel und dicke Großmutterbarthaare, schlatzige Vaterbussis, Scheidungen, Nasenwaugas oder den Kick, den man spürt, wenn man sich die Kruste einer Wunde abkratzt und sie im Mund zerkaut. Ihre Geschichten sind auf tröstende Art ehrlich.“

 

Dass Stefanie Sprengnagel im Moment zum Interessantesten, Gegenwärtigsten und auch Feministischsten gehört, das die deutschsprachige junge Literatur zu bieten hat, ist sicher kein Zufall.
Ich gehe weiter und behaupte: Niemand hat die österreichische Gegenwartsliteratur so beeinflusst wie Christine Nöstlinger: die flapsige Sprache eines Wolf Haas oder eines Thomas Glavinic wäre ohne sie nicht möglich, diese der Umgangssprache angepasste Kunstsprache, das Spiel mit einer Sprache der Bürokratie.

 

Ziemlich sicher bin ich Feministin geworden, weil ich Christine Nöstlinger gelesen habe, auch wenn sie das, in Verwehrung jeder Ideologie, sicher nicht so interessieren würde. Sie hat Generationen von Mädchen geprägt und ich bin froh, eines davon zu sein. Es ist mehr, als Literatur für gewöhnlich bewirken kann.