von Maja-Maria Becker

 

bemerkenswert an der geschichte der menschheit

ist einzig und allein die auflehnung. nun

werfe den stein, wer steine hat, stand irgendwo

 

geschrieben an einer litfasssäule in hamburg

sternschanze, werbung für einen hagebaumarkt.

ich las es, als über mir die ISS als winziger punkt

 

trieb und ihre oberfläche sich grad langsam

doch unaufhaltsam mit wasser überzog, bläulich

verfärbt in anlehnung an einen planeten

 

nahm jemand seinen dienst auf. der helm

von der farbe der rosa-farbenen muschel. die

vakuum-schleuse, die ein saugendes, in den höhen

 

glucksendes geräusch von sich gab, öffnete und

schloss sich wieder. ganz wie vokale an der glottis

auf konsonanten stoßen, fing ein detektor ein

 

seltenes teilchen ein, das an seinem ursprung

(einer singularität von der größe einer nuss) noch

eines von unzähligen anderen war. in einem prozess

 

der verschmelzung und umwandlung von information

und desinteresse zeugte eine angeschlossene maschine

daraus das poetischste aller wörter : neuguineagenozid.

 

der mann und sein rosa-farbener helm trieben da

längst auf einem bett, fern der station, schwerelos

bis zu jenem punkt, an dem es hieß : iss oder stirb.

 

tiefe wehmut wehte aus dem thema verdauung. so

stand es zumindest in den akten eins bis fünf. nächte-

lang mit sensiblen fingerspitzen in eine rotierende

 

aus seltenen erden bestehende magnetscheibe geritzt

die bei minus zehn grad im winter in der ungeheizten

wohnung den geist aufgab. zwar rotierte sie noch

 

um ein zentrum, das sich mathematisch berechnen ließ

doch an ihrem sie gänzlich umgebenden rand entstand

nichts als schaum. diese arbeit an der NICHT-arbeit

 

wolfgang, wasch dir die finger, sonst gibt’s nichts

zu essen! und hände auf den tisch gefälligst! solang

du deine füße und unter meinem dach! auch sitz gerade

 

damit aus dir ein aufrechter schriftsteller wird, der sich

aus einer tube seinen kosmonauten-pudding auf die

porzellanhand seines tellers drücken kann. und trinkst du

 

wein aus alten schläuchen, muss du halt auch

aus hartem tubenbrot ne flöte schnitzen. polier mir

den vorlegerteppich, franse mein raumschiff an

 

seinen seiten schön aus, lehn dich an mir weit

aus dem fenster mit blick auf die plejaden und

greif nach meinem haar, bevor es der waschbär tut.

 

aus dem späti unten, siehst du, dringt noch licht.

 

 

 

 

Erschienen in Edit 67, Sommer 2015

 

Maja-Maria Becker, geboren 1976, studierte in Heidelberg, Oldenburg und Bremen Germanistik, Philosophie und Kulturwissenschaften. Seit Oktober 2012 absolviert sie das Master-Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2013 erschien die Erzählung „im schwerefeld des mondes“ im hochroth Verlag. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman.