von Hannes Becker

 

 

Im Berliner Merve Verlag ist jetzt unter dem Titel „Absolute Gegenwart“ eine weiteres Buch erschienen, das sich, unzufrieden mit dem Status Quo gegenwärtigen Philosophierens, um die Möglichkeit einer neuen Art von philosophischem Zeitgeist bemüht: eines Denken auf der Höhe der Zeit, das zugleich aber mit dieser Zeit hart ins Gericht geht.

 

Herausgegeben hat den Band diesmal nicht Armen Avanessian von der Freien Universität, sondern Marcus Quent von Universität der Künste, und wenn es bei Avanessian – wie hier zu lesen – im Zeichen eines „spekulativen Realismus“ oder „Akzelerationismus“ um die Freisetzung eines spekulativen Zukunftsdenkens geht, das auf die Gegenwart und ihren philosophischen Diskurs gerichtet wird, versenken sich Quent und die im Band versammelten Autorinnen tiefer in die Vorstellung einer Gegenwart, für die es keinen positiven Zukunftsbezug mehr gibt, nur eine „Zukunft als Katastrophe“ (so der Titel von Eva Horns gleichnamigen Buch von 2014, der als Denkfigur den gesamten Band durchzieht), die bestenfalls verhindert oder fatalistisch hingenommen wird. Es geht den Autorinnen jedoch nicht darum, eine solche „Absolute Gegenwart“ als unveränderliche Tatsache hinzustellen, sondern als einen in seinen Voraussetzungen zu hinterfragenden Zeitgeist, mit dem erklärten Ziel einer emanzipatorischen Intervention und Veränderung.

 

Was ist gemeint? Es geht, schreibt Marcus Quent, um eine „Vereinheitlichung von Zeit, die jede Erfahrung von Alterität auslöscht“ und um den „Eindruck, die eigene Gegenwart sei unfassbar und ein eingreifendes Handeln, das qualitative Veränderungen provoziert, unmöglich geworden“. Dazu passt ein Gegenwartsempfinden, dem es unmöglich scheint, die Gegenwart „intensiv“, das heißt „durch Momente radikaler Andersheit aufgebrochen“ zu erleben, so Jeanne Bindernagel in ihrem Beitrag. „Apathie, Fatalismus und Indifferenz der Zukunft gegenüber“ herrschten vor, ergänzt Mark Fisher mit Paolo Virno, und Michael Hirsch sagt mit Alain Badiou, wir befänden uns seit 1980 in einer bis heute andauernden „Epoche der Restauration“.

 

Virno und Badiou sind zwei derjenigen Denker, auf die in dem Band häufiger Bezug genommen wird, neben Klassikern wie Deleuze, Adorno, (Heiner) Müller und Marcuse. Derartige Bezüge auf bereits erprobte Denkversuche sind zwar wichtig, aber nicht das Hauptanliegen des Buches. Es geht nicht darum, eine bestimmte Denkweise oder Denkschule als besseres Denken für die Gegenwart zu qualifizieren, und wenn Quent schreibt, mit dem Begriff „Absolute Gegenwart“ solle „kein neues Schlagwort zur Beschreibung unserer Gegenwart“ vorgeschlagen werden, kann man ihm das tatsächlich glauben. Was unter dem Begriff „Absolute Gegenwart“ unweigerlich doch an Gegenwartsdiagnose herumkommt, ist dann auch nicht besonders neu und ist anderswo von Leuten wie Hans Ulrich Gumbrecht („Unsere breite Gegenwart“) oder Karl Heinz Bohrer („Das absolute Präsens“) schon differenzierter gesagt worden. Auch die Bestimmung einer „Absoluten Gegenwart“ als Zeitform des globalisierten, vom Gebrauchswert entkoppelten Kapitalismus, etwa in den Beiträgen von Kerstin Stakemeier sowie Ralph und Stefan Heidenreich, weist kaum über das hinaus, was Jacques Derrida, Joseph Vogl, Elena Esposito oder Andreas Langenohl schon vor längerer Zeit zu dem Thema geschrieben haben.

 

Interessant an dem Buch „Absolute Gegenwart“ sind also nicht solche, den Begriff „Absolute Gegenwart“ bestimmenden Sätze. Weniger Gegenwartsdiagnose oder Beschreibung der Gegenwart sind das Anliegen des Buches, als ein Denken, das die Gegenwart verändert, und das heißt zuerst: sich selbst. Ein solches Denken findet sich in dem Band wirklich. Es zeigt sich weniger in der das Buch durchziehenden Polemik gegen „Feuilleton“, „akademische Bürokratie“ und „global gewordenen Kapitalismus“, oder den hier abermals beschworenen Chimären von „Identitätspolitik und Kulturrelativismus“, sondern in der Art und Weise, wie formal in den einzelnen Beiträgen, aber auch gerade in der Anlage des Bandes, gedankliche Öffnung betrieben wird.

 

Offenheit, das Aufsuchen der „immanenten Brüche und Risse“ in der als verschlossen und homogen begriffenen Gegenwart, wird vom Herausgeber geradezu performativ in Szene gesetzt, indem sie zunächst konventionell im Vorwort als Anliegen des Bandes bezeichnet und auch die „vordringlichsten und aufdringlichsten“ Bereiche der Untersuchung aufgezählt werden (Politik, Arbeit, psychischen Gesundheit, Popkultur, Gegenwartskunst), um dann im eigenen Beitrag deutlich gegen ein „Suchen nach Rissen und Brüchen“ einzutreten, selbst auf die Gefahr hin, den Gegenstand – die Gegenwart – zu verfehlen:

 

„Die Benennung, Beschreibung oder das Bild der ‚absoluten Gegenwart’ identifizieren die Gegenwart mit diesem Vorgang der Homogenisierung, Bereinigung und Abdichtung. Benennung, Beschreibung und Bild können nicht umhin, die Beschneidung des Mannigfaltigen, die Vereinheitlichung des Gegenwärtigen zu wiederholen … . Ein solches Denken setzt sich der Gefahr aus, die Gegenwart zu verfehlen, ein verfälschtes Bild von ihr zu geben. Ohne diese Gefahr aber gibt es kein Denken.“ (23)

 

Das Risiko (wie es vielleicht besser heißen müsste), die Gegenwart zu „verfehlen“, weil man sich in einer „totalen Verurteilung eingerichtet hat“ – und sich so der Möglichkeit beraubt, eine positive oder doch zumindest offene Zukunft zu imaginieren, in die hinein die Gegenwart verändert werden könnte – ja, sogar dazu beizutragen, dass die Verhältnisse erst so werden, wie sie – vereinfachend – gesehen werden: all dies müsse in Kauf genommen werden. Der Grund sei eine strategische „Notwendigkeit zur Entscheidung“, die zur Veränderung der Gegenwart nötig sei, eine Ansicht, die viele der Beitragenden teilen, so auch Jan Völker, wenn er schreibt: „Man muss also eine Wette auf das Absolute eingehen.“ Die Probleme, die dabei, gerade im eigenen Denken, entstehen, sind das, worum es eigentlich geht, sie kommen sozusagen wie gerufen. Quent weicht ihnen nicht aus, wenn er am Ende seines den Band eröffnenden Aufsatzes schreibt, es müsse die Möglichkeit zugelassen werden, dass die von ihm als unerlässlich empfundene Entscheidung in der absoluten Gegenwart aber vielleicht im Begriff ist, unmöglich zu werden, und dem Denkenden eine „Suspension der Fähigkeit zu entscheiden“ droht.

 

Das Offenlassen der Lücke zwischen Entscheidungsnot und der Suspension der Fähigkeit dazu eröffnet einen gedanklichen Spielraum, den die anderen Beiträge dann auf vielfältige Weise zu besetzen und zu füllen versuchen. Ein häufiger Bezugspunkt sind die digitalen Medien und ihre „überschwängliche Rethorik der Zugänglichkeit und Beteiligung“, die, so Mark Fisher, „umgekehrt“ werden müsse, ebenso wie es, angesichts der durch die Digitalisierung bewirkten Erschütterung zeitlicher Ordnungen, notwendig sei, „Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart als nicht-zeitlich zu denken“, finden Ralph und Stephan Heidenreich. Statt vor katastrophischen Zukunftserwartungen zu kapitulieren, käme es darauf an, „dass die Linke Wege findet, die Angst zu politisieren“ (so wieder Fisher), einen „katastrophischen Formalismus“ in der Gegenwart zu finden (Kerstin Stakemeier) oder allgemein mit „Übertreibung“ zu reagieren (Alexander García Düttmann).

 

Interessant ist, gerade angesichts der Enge des dem Band zugrundeliegenden Begriffs, wie widersprüchlich und erstaunlich offen in Tonfall, Ausrichtung und Denkart die verschiedenen Beiträge sind, die sich darauf beziehen. „Absolute Gegenwart“ ist hier in der Tat kein das Denken abschließendes Schlagwort, sondern es scheint sich dabei eher um eine Art Umschlagspunkt und Angriffsfläche für die sehr diversen Zugriffe der Autorinnen zu handeln. Die Beiträge – vor allem Aufsätze, aber auch Fotografien und der Text einer Theaterperformance – gehen auf Vorträge, Diskussionen, Projekte während der Veranstaltungsreihe „Absolute Gegenwart“ zurück, die von April bis Juli 2015 in Berlin und Leipzig stattfand. Das sonst häufig unbefriedigende Konzept des Tagungsbandes geht hier auf, da es dem Entwurfshaften, Suchenden der meisten Beiträge Vorschub leistet. Die Beiträge sind außerdem gut ausgewählt und sorgfältig aufeinander abgestimmt, dabei aber entschieden heterogen. Rechthaberische Stimmen und autoritäre Bescheidwisserei, wie sie eine „Wette auf das Absolute“ herausfordert, sind durchaus vorhanden, aber eher in der Minderheit – was sich vermutlich auch der Bereitschaft der Teilnehmerinnen verdankt, einander zuzuhören und aufeinander zu reagieren. Eher marginal sind auch Positionen wie Franco Berardis Kurzschluss von Terrorismus und Digitalisierung, ebenso wie seine steile These, dem sozialen Körper bleibe angesichts neuartiger digitaler Biopolitik nur „zwischen Handlungsunfähigkeit und Suizid zu wählen“.

 

Wer, wie für diesen Text geschehen, in kurzer Zeit das gesamte Buch liest, bekommt vielleicht den Eindruck, es hätte sich eine Gruppe von Freunden, die immer kurz davor sind, einander heftig zu widersprechen, hier zusammengefunden, um gemeinsam für ein Denken einzutreten, dass sich vor allem eins wünscht: einzugreifen und zu verändern. Es ist kein Mangel, sondern eine Qualität, dass über die Art und Weise, wie dies zu geschehen hat, keine Einigkeit besteht, sondern als eine intellektuelle Beweglichkeit lieber gleich vorgeführt wird. Veränderung betrifft vor allem das eigenen Denken, und ein Bewusstsein dafür zeichnet viele der besseren Beiträge aus: Dass das Spiel mit dem Absoluten einer möglicherweise verengenden Gegenwartsdiagnose eingebettet sein muss in eine Selbstbefragung des eigenen Denkens. Wichtig dafür ist der Hinweis von Michael Hirsch, es sei nötig, „emanzipatorische Forderungen nach neuen Rechten im eigenen Feld zu erheben“, das heißt in den Kontexten, in denen sich die Nachdenkenden befinden, z.B. an der Universität. Wirklich gut wird das hier erfahrbare Denken aber dann, wenn es sich an Kunst richtet, vor allem Filme und visuelle Medien oder das Theater. Das heißt erst einmal, dass es viele interessante Hinweise auf Kunstwerke gibt, die auf offenbar schöne und aufregende Weise zum selbstkritischen Denken einladen, wie der Film Anathema des Künstlerkollektives Otholith Group. Es finden sich aber auch – in Jeanne Bindernagels Aufsatz – grundsätzliche Überlegungen zu einem „noch ausstehenden Theater“, das es erlauben würde, die „produktive Konkurrenz von Medialitäten“ als „drängendes Problem“ der Gegenwart am eigenen Körper zu erleben. Hier wird dem Denken einer „absoluten Gegenwart“ jene emphatische Zukünftigkeit zurückgegeben, deren Verlust es beklagt.

 

Vielleicht ist es symptomatisch für das in diesem Band versammelte Denken, dass es eines offenen Feldes wie dem der Kunst bedarf, um so etwas wie eine offene Zukunft zu denken. Wenn es um andere Bereiche wie den der Wirtschaft geht, fällt den Autoren häufig wenig mehr ein, als die Wirksamkeit eines homogenisierenden und Zukunft verschließenden Denkens in diesen Bereichen festzustellen und gedanklich zu reproduzieren – ganz so wie es Marcus Quent zu Beginn des Bandes als Risiko des Denkens (in) einer „absoluten Gegenwart“ formuliert hat.

 

Selber ein ästhetisches Moment ist, wenn ganz am Ende Marcus Steinweg auf Marcus Quent den Band eröffnendes, wenn auch im Modus des Selbstzweifels vorgetragenen, Beharren auf Vereinfachung und Entscheidung mit einem maximal selbstsicher vorgetragenen Beharren auf einem offenen, Selbstverständlichkeiten erschütternden Denken antwortet:

 

„Dabei bedeutet doch zu denken, sich dem Selbstverständlichen zu entziehen. Das Denken reißt Löcher ins Bestehende. Statt sich den dominanten Evidenzen zu assimilieren, liefert es Belege ihrer Inkonsistenz. Dies geht nur, indem es für Momente den Boden unter den Füßen verliert. Der kritische Augenblick des Denkens ist der eines gewissen Realitätsverlustes.“

 

Beim Lesen solcher Sätze kann einem zweierlei in den Sinn kommen: Wie wenig selbstverständlich ein solches Denken des Nichtselbstverständlichen der eigenen Gegenwart heute ist (noch immer? mittlerweile?) und wie real und sichtbar gleichzeitig die damit zusammenhängende Offenheit gegenwärtiger Verhältnisse. Das offensichtliche Beispiel ist der aktuelle Umgang mit Vertreibung, Flucht und Einwanderung in Deutschland. Es ist häufig gesagt worden, dass die vorübergehende Öffnung der Grenzen für Geflüchtete eine Realität anerkannt habe und letztlich alternativlos gewesen sei. Gleichzeitig ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen ihr altes Leben zurücklassen und ihren bisherigen Ort verlassen müssen, zwar Realität, aber nichts daran ist selbstverständlich – weder für sie selbst, noch für die Gesellschaften, die sie empfangen. Die Öffnung der Grenzen, und die dadurch freigesetzte Kraft der Gesellschaft, sich zu verändern, ist nicht alternativlos geblieben, auch an der Schließung der Grenzen wird mit zunehmender Kraft gearbeitet. Der unwiderruflichen Öffnung der eigenen Gegenwart gegenüber und dem Willkommenheißen dieser Öffnung entspricht der Wunsch auf eine Schließung, auch und gerade in der Kommunikation und im Denken. Jede Position muss jetzt mit Widerstand rechnen. Angesichts dessen nicht einen vermeintlich verlorengegangenen Konsens zu beklagen oder sich (aus Angst Schwäche zu zeigen) in den eigenen Ansichten zu vermauern, sondern auf der Nichtselbstverständlichkeit des eigenen Standpunkts zu beharren – diesen in der Öffentlichkeit zu halten, mit anderen zu teilen, mitzuteilen –, bedeutet einerseits Mühe, und vielleicht wird noch mehr Mühe nötig sein. Andererseits lohnt sich die Mühe aber vielleicht mehr als je zuvor.

 

Marcus Quent (Hg.): Absolute Gegenwart. Merve 2016