von Hannes Becker und Wolfram Lotz

 

 

1. Die Theaterbauten werden verschwenderisch gestaltet, denn die Verschwendung ist für das Theater grundlegend.
 
2. Unter dem Bühnenboden befindet sich ein gewaltiger Hohlraum, damit auf der Bühne jeder Schritt seltsam klingt.
 
3. Die Rückwand der Bühne ist zugleich die Rückwand des Theaters. Sie ist mithilfe einer entsprechenden Vorrichtung hochfahrbar. Während jeder Aufführung geschieht dies zu gegebener Zeit für einen kurzen Moment.
 
4. Im Theater gibt es eine Kantine, damit dort auch gegessen werden kann.
 
5. Die Bühne ist der Ort, wo die Vorstellung beginnt. Sie ist in munteren Farben gehalten und singt einen erfreulichen Gesang. Jemand hört zu und schaut – und bemerkt plötzlich, dass sie gar nicht das gesehen oder gehört hat, was sie dachte. Dadurch verändert sich wieder, was sie sieht oder hört, und sie hört nicht auf, es zu hören, sich vorzustellen, es zu sehen und sich zu denken.
 
6. Eine Frau wird auf der Bühne von einer sogenannten Frau gespielt, ein Mann von einem sogenannten Mann, ein Ritter wird auf der Bühne von einem sogenannten Ritter gespielt, eine Brillenträgerin von einer sogenannten Brillenträgerin, Gardinen, die sich im Wind bewegen, werden von sogenannten sich im Wind bewegenden Gardinen gespielt, und ein sogenanntes Theaterstück wird von einem Theaterstück gespielt. Und alle sehen, was für ein Missverständnis das ist!
 
7. Auch Genitalien werden gezeigt im Theater, genauso wie Ohren, Bauchnäbel und ungewaschene Kaffeetassen. Sie sehen stumm und seltsam aus.
 
8. Im Theater gibt es Menschen und Tiere und Steine und Pflanzen, denn auch auf der Welt gibt es Menschen und Tiere, Steine und Pflanzen.
 
9. Werden die Fenster des Theaters geöffnet, so dringt Straßenlärm hinein.
 
10. Das Theater ist in der Gesellschaft.
 
11. Im Theater werden die Leute anständig bezahlt, aber nicht nur dort.
 
12. Im Theater ist das Gelingen des Lebens der Arbeitenden von Bedeutung, aber nicht nur dort.
 
13. Was wer spielen will oder was wer für wichtig hält und wer also was machen will und wie er das zu machen hat, kann jeder nach der gemeinsamen Auseinandersetzung noch am besten selbst entscheiden.
 
14. Der Tontechniker ist ein Beleuchtungsmeister, der Sekretär ist eine Regisseurin, die Hospitantin ist ein Regisseur, die Theaterpädagogik ist ein Inspizient, die Maske ist ein Fundus in der Requisite, die Presseabteilung ist der Kartenvorverkauf, die Dramaturgie ist die Website, der Beleuchtungsmeister ist eine Maskenbildnerin, die Kostüme sind Sekretäre.
 
15. Die Entscheidungen für alle werden von allen gemeinsam getroffen. (Die Kunst wird so gemacht, dass das möglich ist, und das heißt, die Kunst wird geändert.)
 
16. Die Aufgabe der Regie ist es ausschließlich, eine Aufmerksamkeit zu haben für alles (die schlechte Akustik, die Lichtwechsel, die zufällig entstehenden Zeichen) und also nichts zu vergessen (die möglichen Einsätze der Maschinen, ein nochmals anderes Sprechen, das Potenzial anderer Kostüme). Dafür sind mehrere Personen besser geeignet als nur eine einzige.
So ermöglicht es die Regie den Einzelnen, völlig bei sich zu bleiben, um sich ganz einbringen zu können.
 
17. Alles, was gezeigt wird, wird von all denen, die an diesem Zeigen (auf irgendeine Art) beteiligt sind, ganz und gar verantwortet.
 
18. Gewalt auf einer Bühne ist trotzdem Gewalt. Deshalb findet sie auch dort (wie überall) ausschließlich gegen Sachen statt.
 
19. Niemand kann sich hinter einer Rolle verstecken. Niemand kann sagen, sie habe auf der Bühne nicht selbst gehandelt. Niemand kann sagen, er habe auf der Bühne nur eine Anweisung erfüllt.
 
20. Alle Beteiligten betreten nach der Aufführung die Bühne zum Schlussapplaus, auch der Pförtner und die Kartenabreißerin und das Publikum.
 
21. Die Hierarchien im Theater werden abgeschafft, wieder und wieder.
 
22. Und wieder.
 
23. Die Sprache, die auf einer Bühne gesprochen wird, ist nicht natürlich (was soll das sein!), sondern literarisch. Das heißt, sie ist künstlich, aber nicht irgendwie, sondern auf eine besondere Art: Alles, was gesagt wird, ist so auch wirklich gemeint. Gleichzeitig ist etwas anderes gemeint.
 
24. Die Stücke der Autoren sind so sperrig und unhandlich, dass sie bereits beim Transport in das Theater Probleme verursachen, weil sie beispielsweise nicht durch die Tür passen, so dass die Tür mit Gewalt vergrößert werden muss, und sich für die Beteiligten die Frage stellt, warum diese Tür nur so klein war, ja: wie sie nur immer durch diese kleine Tür gehen konnten. Warum sie eigentlich bisher nie bemerkt haben, dass diese Tür so klein ist. Wie die Tür eigentlich sein sollte, durch die sie da ja immerhin täglich gehen, und ob es überhaupt eine Tür braucht oder nicht etwas völlig anderes.
 
25. Theaterstücke sind lediglich der Beginn der gemeinsamen Auseinandersetzung, aber das ist sehr viel mehr, als wir denken.
 
26. Die Proben sind ein langer Weg. Dieser Weg führt durch Wälder, über Berge und Täler, ans Meer, in die Dörfer und Städte, in die Zoos, die Häuser der Menschen, an die Arbeitsstätten, in die Einkaufsläden, in die Museen und Archive, in die Gärten, an die Bushaltestellen, in die Kanalisation, in die Skateparks und Ameisenhaufen, in das Knistern des Feuers und in das Laserlicht der Pfandflaschenautomaten, hinter die Garage, in die Kindheit, in die Bücher und die Sitcoms, in die Mobiltelefone und Tablets, auf die Probebühne, in die Gedichte und in den Gesang der Vögel, in den Staub und den Wind und den Rauch, in die kleinen Teile, in den Mittelfinger, in den Schnürboden, in den Ausstoß der Vulkane, in die Voliere und in die Vogesen, in den Ausdruck, in den ersten Zeppelin des Luftfahrt-Enthusiasten David Schwarz (1895), der nicht gebaut wurde, in die Münder aller Beteiligten (nach vorheriger Absprache), nach Wien und in die Wiesen, ins Gewöll, auf den Müllhaufen der Geschichte, in die Schatzschiffe, in die Städte, in den Stillstand, in die Bewegung, in das Poloch, in die Dynamik, in den Pausenhof und in die fürchterliche Pause, in die Auflösung der Scham und in die Auflösung der Geschichte, in den Jubel, ins Versteck und in die Plaza, ins innerste Revier, ins Äußerste, in die Beteiligung, in das winzige kleine Kästchen, in die Medien und in die Nacht, d.h. in die Mediennacht und in die Schlucht, in das Unbestimmte bestimmter blauer Quasten und Krümel im Vorhang, in den Vorgang, in den Ausgang, in den Zugang, in den Anfang, in den Aufgang, in den Rückgang, Eingang, Umgang.
 
27. Im Herbst fliegen Zugvögel über das Theater. Sie sind auf dem Weg in den Süden.

 

 

Juni 2014

 

 

Zuerst erschienen im Jahrbuch 2014 der Zeitschrift Theater heute