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Edit 60

144 Seiten, November 2012

 

  • Editorial Lesen
  • Jan Snela – Das Kind
  • Verena Rossbacher – Das Herz ist eine Pumpe
  • Arno Camenisch – Und man schreibt Lesen
  • John Jeremiah Sullivan – Mr. Lytle
  • Wolfram Höll – Und dann
  • Sascha Macht – Die große Furcht
  • Katharina Hartwell – Jesper kommt zurück
  • Saša Stanišić – Vor dem Fest
  • Nina Bußmann – Von allen Arten
  • Kevin Vennemann – 1966
  • Guillaume Paoli – Sieg dem Narzissmus-Nihilismus
  • Clemens J. Setz – Anonymouth

 

Dossier: Ecopoetics

  • Forrest Gander, Jack Collom, Esteban Vizuete,
  • Bartłomiej Majzel, Julia Fiedorczuk, Jonathan
  • Stalling, Anja Utler, Anja Golob, Clea Roberts,
  • Gary Snyder, Renato Gómez, Lisa Jarnot

 

Bildteil

  • FAMED – Archivprints 2011-2012



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Arno Camenisch

Und man schreibt

Schreiben sei dubioser als Schädel auskochen, schrieb einer, ein anderer schrieb, dass man ja nicht im Frühling schreiben solle, im Winter müsse man schreiben, mit warmen Füssen und kühlem Kopf, ein anderer schrieb, dass man schreibe, damit man nicht vergesse, aus welchem Loch man gekrochen sei, und ein anderer sagte, ein guter Musiker spiele die Pausen genau so gut wie die Töne, es gehe um das, was nicht sei, im Nichts stecke der Groove, und ein anderer sagte, wenn es im Kopf stürme, gehe er zum See und stecke den Finger in den See, um mit der Welt verbunden zu sein, das helfe, und ein anderer schrieb, man schreibe in der Gewissheit um das Scheitern, ein anderer sagte, wenn man zu Fuss gehe, habe man nur einen Fuss auf dem Boden, und ein anderer schrieb, schreiben sei der Versuch einer Ordnung, ein anderer sagte, die Kunst des Schreibens sei das Loslassen, und ein anderer schrieb, man müsse sich entscheiden, ob man gut leben wolle oder gut schreiben, ein anderer schrieb, schreiben sei der Versuch, mit den Stimmen, die man höre, zurecht zu kom- men, bevor man anfange sie zu mögen, schreiben sei ein Gefühl, das man suche, sagte ein anderer, und ein anderer schrieb, schreiben sei die Erinner- ung an einen Ort, an den man zurückkehren wollen würde, und einer sagte, er trage einen Ziegelstein mit sich in der Tasche herum, man wisse nie, ob man plötzlich einen brauche, ein anderer schrieb, das Schreiben habe müde Hände, ein anderer sagte, schreiben sei der Malojawind in den Haaren, und ein anderer schrieb, er schreibe, damit er nicht jeden zweiten Tag jemanden vermöble, ein anderer sagte, wenn man schreibe, richte man sich zugrunde, jemand anders schrieb, Schreibende seien Getriebene, und jemand anders sagte, wenn er schreibe, sei er ein Steinpilz, und ein anderer sagte, die Sprache sei die letzte Zuflucht, die man sich zugestehe, wenn man schreibe, und ein anderer schrieb nieder, man schreibe, weil man gezwungen sei zu schreiben.

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Edit 60: Editorial


An unsere Leser:

Von einer Literaturzeitschrift würde man zumindest drei Dinge erwarten: Erstens sollte sie regelmäßig erscheinen, zweitens als solche wiedererkennbar sein und drittens mit dem nachlassenden Elan ihrer Macher wieder eingehen. Edit konnte keine dieser Erwartungen erfüllen. 19 Jahre nachdem sie unter anderem von Katrin McClean (die 1993 noch Katrin Dorn hieß) im ehemals wüsten Leipziger Stadtteil Connewitz gegründet wurde, erscheint nun die 60. Ausgabe – äußerlich völlig verändert und nicht etwa ein Jahr zu spät (was leicht zu erklären wäre), sondern zu früh. Wir haben also allen Anlass, hier zu jubilieren.

Edit hat nicht nur den ein oder anderen ästhetischen Neustart hinter sich, sie kann auch auf eine lange Liste ehemaliger, heute andernorts erfolgreicher Redakteure zurückblicken. Lässt sich denn da überhaupt noch von einer einzigen Literaturzeitschrift sprechen? Zumindest gibt es einen von allen Veränderungen unberührten Kern. Zu jeder Zeit wurde der Gestaltungsspielraum, den eine solche Zeitschrift mit sich bringt, für avancierte Literatur genutzt, um nicht zu sagen: mit großem Einsatz ausgereizt. Nach jedem Heft steht das nächste und das übernächste bereits als Verheißung im Raum. Und hier, im Moment des Versprechens, alles noch einmal naiv und in aller Klarheit neu entwerfen zu können, entsteht die Energie, die Edit all die Jahre getragen hat.

Ungeachtet dessen, dass weiterhin auf unserem Papier auch die in jeder Hinsicht neuen Texte Platz haben sollen: Diese 60. Ausgabe ist besonders von dem Umstand geprägt, dass uns viele Autoren die Treue halten, auch wenn sie schon die ersten Erfolge hinter sich haben. So gewähren uns beispielsweise Verena Rossbacher und Saša Stanišic Einblicke in ihre nächsten großen Projekte. Jan Snela und Katharina Hartwell steuern aktuelle Erzählungen bei. Und Kevin Vennemann und Nina Bußmann teilen “mit Schleuder und Harfe” unsere Obsession für den literarischen Essay – genau wie Sascha Macht, dessen hier abgedruckter Text von der Jury unseres Essaypreises lobend erwähnt wurde.

Die lyrischen Beiträge erscheinen diesmal gebunden in einem von David Frühauf und Tim Holland kuratierten Dossier, das unter internationaler Beteiligung bei folgender Frage Anja Utlers seinen Ausgang nahm: „Lassen sich poetisch und gedanklich fordernde Beziehungen zwischen Ökologie und Literatur herstellen?“ – eine Frage, die wir an dieser Stelle schon mal beherzt mit Ja beantworten können.

Der Verweis auf ein Darüberhinaus: Auch in den bildlichen Interventionen der Künstlergruppe FAMED werden, vordergründig betrachtet, Referenzen aufgezeigt – allerdings nicht ohne feine Manipulationen.

Insofern sagt diese Ausgabe auf verschiedenen Wegen vor allem eines: Wir sind nicht alleine! Und diese Tatsache verdanken wir in erster Linie: Ihnen.


Jörn Dege und Mathias Zeiske

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