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Edit 59, Sommer 2012

Edit 59

112 Seiten, Sommer 2012


Einige Texte unserer Sommerausgabe gibt es hier online zu lesen, darunter die drei preisgekrönten Essays unseres Wettbewerbs und einen Bericht über Rainald Goetz’ Schreibwerkstatt an der FU Berlin.


  • Editorial Lesen
  • Roman Ehrlich – Die Seekuh Tiffany
  • Martina Hefter – Bewegungen
  • Ulf Stolterfoht – Shakespeare-Bearbeitungen
  • Stefanie de Velasco – Tigermilch
  • Luise Boege – Kaspers Freundin
  • Asmus Trautsch – Gedichte
  • Jeffrey Yang – Zooxanthelle
  • Kenah Cusanit – Notizen
  • Bildteil: Henriette Grahnert – Facciamo una bella figura

Edit Essaypreis 2012

  • Simone Schröder – Manchmal wie ein großer schwarzer Kasten PDF
  • Francis Nenik – Vom Wunder der doppelten Biografieführung PDF
  • Bruno Preisendörfer – Zeitsprünge PDF


  • Benjamin Kunkel – RT bitte
  • Hannes Becker – Jetzt, ganz kurz.
    Rainald Goetz in Berlin, 27. März – 2. Juni 2012 PDF



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Edit 59

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im 59. Heft. Es beginnt mit Rainald Goetz, der, als er gefragt wurde, warum sich sein Interesse weniger auf die „liquiden Informationszustände“ des Internets als auf die behäbigeren Druckerzeugnisse richtet, antwortete: „Ich finde es gut, von der Objektivität, der Materialität [der Zeitungen und Zeitschriften] individuell, als Ich, überfordert zu sein. Diese Unsouveränität, die daraus resultiert, halte ich für eine richtige Position des Geistes.“ Das als Vorschlag, sich von dem, was sich hier auf so schöne Weise materialisiert hat, produktiv überfordern zu lassen.

Reichlich Gelegenheit dafür bieten beispielsweise drei literarische Essays, die nicht nur im übertragenen Sinn ausgezeichnet sind, sondern ganz offiziell: Es handelt sich um die Preisträgertexte des Edit Essaypreises 2012.

Der Siegertext „Manchmal wie ein großer schwarzer Kasten“ von Simone Schröder zeigt, „dass wir ein Phänomen oftmals erst dann verstehen lernen, wenn es von den Rändern her betrachtet wird“ (so Laudator Jo Lendle, der zusammen mit Antje Rávic Strubel, Judith Schalansky und Michael Angele der Jury angehörte). Ausgehend von der Frage nach dem Umgang mit Besitz – bzw. danach, was mit dem Besitz passiert, wenn die Besitzer nicht mehr da sind –, führt uns die Autorin an zivilisatorische Randorte, wie Dachböden, Mietkabinendepots, Mülldeponien. Diese Grenz- und Gedankengänge werden durch eine beständige Suchbewegung, motivischen Ideenreichtum und eine klare, persönliche Stimme zu einem mustergültigen Beispiel dafür, was diese literarische Form ausmachen kann.

Der zweite Essay von Francis Nenik erzählt „Vom Wunder der doppelten Biografieführung“ – oder lässt dieses Wunder vielmehr selbst entstehen, indem die Lebensläufe zweier Dichter buchstäblich nebeneinander gestellt werden. Der Effekt dieser Parallelsetzung ist ein literarisches Spannungsfeld aus Synchronie, Kontrast und Gleichzeitigkeit – ein nicht-lineares, bei aller Traurigkeit erstaunlich unterhaltsames Erzählerlebnis über zwei einsame, zu Unrecht vergessene Dichter.

Bruno Preisendörfers „Zeitsprünge“ führt schließlich eine weitere Facette essayistischer Kunst vor: Zwei denkbar entlegene Dinge – wie das längste Orgelstück der Welt von John Cage und ein über dem afrikanischen Fluss Sambesi gerissenes Bungee-Seil – werden auf literarisch kunstvolle Weise zu einer Ganzheit, die nicht nur beiden Seiten etwas hinzufügt, sondern dazwischen etwas Drittes, gänzlich Neues entstehen lässt.

Auch die Sprache ist manchmal ein gerissenes Bungee-Seil, das, gemeinsam mit dem Verunglückten, flussabwärts treibt: „Was einen stützt, wird selber schwimmen, Sumpf sein, / denke ich und wünsche mir Arme an den Kopf“, heißt es bei Martina Hefter. Und so sehr wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sicheren Halt zwischen all den Buchstaben wünschen: Die Buchstaben selbst geraten ins Schwimmen – vor Ihnen liegt ein hochinteressanter Sumpf. Kristallklare Erzählungen, zwischen- und körpersprachliche Nach- und Neudichtungen, düstere Romanfragmente, Auszüge aus einer Sudeldatei.

Das Ganze endet, wie es begonnen hat: mit Rainald Goetz. Im letzten Text dieses Heftes erzählt Hannes Becker von einer Serie literarischer Ereignisse im Mai 2012, bei denen der Schriftsteller Goetz seine leicht ansteckende Poetik öffentlich entfaltete. Es geht um eine Preisverleihung, eine Antrittsvorlesung, eine Schreibwerkstatt und schließlich um die – allenfalls trivial erscheinende – Einsicht, dass alle es „vor allem anders“ machen sollen.

In diesem Sinne: Machen Sie es anders, lassen Sie sich überfordern und bleiben Sie stecken!

Jörn Dege & Mathias Zeiske

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