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Edit 57

136 Seiten, Herbst 2011

 

„None of this is made up“ – Nichts davon ist erfunden. So die Reaktion von David Foster Wallace auf das lachende Publikum während einer Lesung Ende der 90er Jahre. Er liest aus einem Essay, der erstmals 1994 in Harper’s Magazine veröffentlicht wurde und der in seiner treibenden, fantastisch detailreichen Art einen bestimmten Stil literarischer Reportagen begründet, den er in den kommenden Jahren perfektionieren wird. Wir drucken Ausschnitte aus diesem Text hier erstmals auf Deutsch.

 

Nichts erfunden zu haben, das könnten auch andere Autoren dieser Ausgabe von sich sagen oder zumindest behaupten. Der gesamte zweite Teil des Heftes wagt einen Exkurs in die überaus lebendige US-amerikanische Essay-Szene. Das Ergebnis ist ein Creative Nonfiction-Dossier, in dem die Möglichkeiten einer Form aufgezeigt werden, die im deutschsprachigen Raum zu verkümmern droht.

 

Doch auch diesseits des Atlantiks gibt es allerhand „Neues, das neu bleibt“ (Ezra Pound). Zum Beispiel haben vier Lyriker Anagramme eines Gedichts von Carlfriedrich Claus geschrieben, Olga Grjasnowa gewährt uns einen ersten Blick in ihren Roman “Der Russe ist einer, der Birken liebt”, Dagmara Kraus hat für uns Gedichte von Miron Białoszewski aus dem Polnischen übersetzt und Ard Posthuma einige wunderbare Prosaminiaturen des Niederländers Nyk de Fries.


Inhalt

  • Olga Grjasnowa – Der Russe ist einer, der Birken liebt
  • Konstantin Ames – sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen
  • Miron Białoszewski – Gedichte
  • Nyk de Vries – Prosaminiaturen Lesen
  • Felicia Zeller – Helme aus Holz Lesen
  • Georg Leß – Gedichte
  • Matthias Senkel – Fidye

Vier Gedichte

Bildteil

Exkurs: Amerikanische Essays

 

  • Redaktion: Jörn Dege, Kerstin Preiwuß und Mathias Zeiske



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Nyk de Vries

Prosaminiaturen (Auswahl)

Aus dem Niederländischen von Ard Posthuma


Lippenherpes
Das Schlimmste wird immer von etwas noch Schlimmerem überschattet. Nachdem ihr Bein abgefahren worden war, hörte man von Hansina kein Wort mehr über ihren Lippenherpes. Aber das Jammern ist in ihrem Fall eine Familienkrankheit, und als ich sie in den Alpen die Pfade hochschob, sah ich, wie ihre Hand doch wieder Richtung Mund fuhr. Blitzschnell machte ich einen Sprung nach vorne, und ehe ich mich versah, küssten wir uns so heftig, wie ich noch nie zuvor einen Menschen geküsst hatte. Ein besonderer Augenblick, der uns leider vermiest wurde, da im selben Moment Jesus Christus auf Erden wiederkehrte.


Belgien
Ich verließ Familie und Freunde, um in Belgien die Segel voll auf Erfolgskurs zu setzen, zusammen mit meiner lieben Wendelin. Das Ergebnis war ehrlich gesagt recht enttäuschend und schon bald verlor unsere Liebe jeglichen Glanz. Zuletzt befanden wir uns in einer Kartonfabrik, wo der Chef sich ohne weiteres an meine Wendelin heranmachte. Ich war nicht mehr ich selbst, da im Belgischen, und in der Mittagspause versetzte ich ihm mit der Heugabel einen knallharten Schlag in den Rücken. Andere sagten später: ‚Diese Heugabel, die hätte dort so gar nicht herumstehen dürfen.‘



Nyk de Vries, geboren 1971 in Friesland, ist Schriftsteller und Musiker. Im vergangenen Jahrzehnt sind von ihm zwei Romane und zwei Gedichtbände erschienen. Zur Zeit arbeitet er an einem Band mit Prosaminiaturen, einem Roman und einem CD-Album seines 2007 veröffentlichten Lyrikbandes „Motorman“.

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Felicia Zeller

Helme aus Holz

wenn ich ein kind bekomme
kaufe ich dem zuerst einen helm.

wenn ich einen unfall habe
fliegt mich ein hubschrauber
zurück in die heimat.

sobald ein krokodil auftaucht
klettere ich auf einen baum.
so schnell wie möglich.

bevor ich das haus verlasse
schnalle ich das kind in seinen wagen.

wenn ich auf einer fremden autobahn zu liegen komme
vielleicht in teilen
weiss ich
es wird ein hubschrauber kommen.

in meinem abgetrennten kopf weiss ich es genau.
es wird ein hubschrauber kommen.
es wird ein hubschrauber kommen.
wozu zahle ich schliesslich meine versicherung.

da liege ich wie andere am piräus hoffend stehen und weiss
es wird
eines tages wird
es wird ein hubschrauber kommen und der wird mich tragen
fort von hier nach hause
zumindest nach krankenhause.

auch in griechenland herrscht helmpflicht
aber das mofa beherrsche ich nicht.

das kind liegt bereits in der future-loop-schwenkschieberkombi
mit 360 grad rad inklusive adapter für cabrio und dreami.
es trägt einen sonnenhut mit einem speziellen filter.
der adapter für cabrio und dreami ist auslöser
einer kleinen verwirrung

denn er ist nicht schnittstelle für den 5-punkt-gurt.

ich spreche das rentier mit ruhiger stimme an und bewege mich dabei langsam rückwärts.

ich vertäue oberen und unteren gurt mit schnallen
die ebenfalls an gurten befestigt sind
an denen ebenfalls schnallen befestigt sind
die wiederum an gurten befestigt sind
deren jeweiliges ende von einer schnalle.

blöde schnallen!
diese blöden schnallen!
dieses ständig blöde auf- und zugeschnalle!

wenn ich in einen müllcontainer falle
bildet mein körper automatisch ein vau.
so werde ich überleben.

ich stehe über kind und wagen gebückt
im flur eines fünfstöckigen mietshauses.
das problem bildet der mittlere gurt.
das kind wird unruhig.

auch das blöde mofa bockt
als ich es zünde und rast auf die strasse
die auch von anderen verkehrsteilnehmer genutzt wird.
der ruf nach der gliedertaxe wird laut.

gliedertaxe!

die gliedertaxe ist nicht
wie allgemein angenommen
eine taxe, die irgendwelche glieder
die mit letzten kräften winken
man möge sie doch ein stück des weges mitnehmen
mitnimmt
sondern eine tabelle
nach der der invaliditätsgrad im falle vollständigen verlustes oder vollständiger gebrauchsunfähigkeit bestimmter gliedmaßen oder sinnessorgane festgelegt wird.

das rentier steht jetzt neben mir und läuft hoffentlich einfach weg.

während ich wie ein irrer mit dem gurtsystem kämpfe
beginnt das kind, um sein leben zu schreien.

auch ich rufe um hilfe, allerdings vorsichtig.
ich versuche dabei, das rentier nicht noch mehr zu reizen
mache einige vorsichtige bemerkungen in richtung anderer leute
die sich zufällig hier in der nähe befinden, jetzt.

der mobile geräusch- und bewegungsmelder springt an.
er ist recht zuverlässig.
weniger gut funktionieren bettdeckenhalter und blumentopfschutz.

kühlschrankriegel, videosperre, tischkantenschutz.
meine hände zittern.

wenn ich aufhören würde, zu rauchen
würde mich die restbevölkerung auf der strasse nicht mehr mit blicken abstrafen
wenn ich mit meinem teutonia zwillingswagen (team alu)
vom gehweg in den bus zu gelangen versuche.

in letzter sekunde werfe ich die kippe weg und packe das rentier am geweih.

ich könnte in das bonusprogramm der krankenkasse eingegliedert werden.

mit dem mofa fahre ich rund um die insel.

im falle einer atomexplosion begebe ich mich
schleunigst und unverzüglich in einen raum der mindestens
einen meter unter der erdoberfläche liegt.

sollte ich keine anderen nahrungsmittel zur verfügung haben
greife ich zu den tieren
die sich in diesem raum
der einen meter mit erdreich bedeckt ist
tummeln.

auch wenn sie verstrahlt sind.

ich häute sie alle
esse aber nicht das fleisch an knochen und gelenken.
es ist am meisten verstrahlt.

die sonnenmilch ist konservierungsmittelfrei.

steckdosensicherung teddy eins und zwei sind standardprodukte.

für den kinderwagen
inklusive dach und netzkorb
habe ich über dreihundert euro bezahlt.
das sage ich auch zu dem kind.

pass auf, dieser dein ach so praktischer kinderwagen
hat mich über 300 euro gekostet.
inklusive dach und netzkorb.

dieser wagen, aber es hört nicht.
sein gesicht ist rot angelaufen.
es befindet sich in gefahr.
so meint es zumindest selbst.

menschen, die sich in der nähe befinden
werden auf meine lage aufmerksam
ohne dass ich sie gross auf meine lage aufmerksam machen muss.
sie starren mich reflexartig an
weil ich das kind in seinem schmuck-kinderwagen einfach so verrecken lasse
ohne einzugreifen.

auch sonst greift niemand ein.
man starrt.
es handelt sich hier um eine privatsache.
wir sterben aus.

aussterben ist privatsache.

jeder ist das kind seiner eltern.



Auszug aus dem Theaterstück “Deutsches hysterisches Museum”

Felicia Zeller, geboren 1970 in Stuttgart. Theatertexte, Textetexte, Kurzfilme, Werke auf Neuen Medien, Leseperformances. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Veröffentlichungen: „Einsam lehnen am Bekannten: Kurze Prosa“ (Lilienfeld Verlag, 2008), „Bier für Frauen / Kaspar Häuser Meer / Gespräche mit Astronauten: Drei Stücke“ (ebd., 2009).

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David Foster Wallace

Weg von dem Gefühl, von allem bereits ziemlich weit weg zu sein (Auszug)


5. August 1993, Interstate 55, Westbound, 8 Uhr

Auf dem Großen Jahrmarkt von Illinois in Springfield ist heute Pressetag und ich muss um 9 Uhr auf dem Gelände sein, um mir meine Akkreditierung abzuholen. Ich stelle mir eine Akkreditierung als weiße Karte im Hutband eines Fedora vor. Ich habe noch nie zuvor als einer von der Presse gegolten. Mein wirkliches Interesse an der Akkreditierung besteht darin, umsonst in die Achterbahnen und Shows zu kommen. Ich komme frisch von der Ostküste, im Auftrag eines Ostküsten-Magazins. Warum die sich für den Jahrmarkt von Illinois interessieren, ist mir nicht ganz klar. Vermutlich hauen sich die Redakteure von Ostküsten-Magazinen immer mal wieder an die Stirn und ihnen wird klar, dass 90 Prozent der USA zwischen den Küsten liegen und sie denken, dass man da mal jemand hinschicken muss, der eine tropenbehelmte, anthropologische Reportage macht über etwas Ländlich-Kernländliches. Ich glaube, sie haben mich gefragt, weil ich hier aufgewachsen bin, nur ein paar Autostunden entfernt von Springfield im Süden. Ich war aber nie auf einem dieser großen, zentralen Jahrmärkte – das Level der lokalen war für mich sozusagen bereits der Gipfel. Ehrlich gesagt, war ich schon lange nicht mehr in Illinois und ich kann nicht behaupten, es vermisst zu haben.

Die Hitze kenne ich nur zu gut. Im August dauert es Stunden, bis sich der Morgennebel weggebrannt hat. Die Luft ist wie feuchte Wolle. 8 Uhr ist zu früh, um das Einschalten einer Klimaanlage zu rechtfertigen. Die Sonne ist ein Klecks an einem Himmel, der weniger bewölkt ist als opak. Die Maisfelder beginnen direkt an der Standspur und gehen durch bis zum Saum des Himmels. Im August steht der Mais in Illinois so hoch wie ein hochgewachsener Mann. Mit all den Errungenschaften der Düngung ist er heutzutage bereits am 1. Juni kniehoch. Die Heuschrecken zirpen in jedem Feld, ein blechern-elektrischer Sound, der im Innern des beschleunigenden Autos seltsam gedoppelt wird. Mais, Mais, Sojabohnen, Mais, Ausfahrt, Mais und alle paar Meilen ein Außenposten, weit draußen in unerreichbarer Ferne: ein Haus, ein Baum mit Reifenschaukel, Scheune, Satellitenschüssel. Das einzige, was die Skyline bildet, sind Getreidesilos. Nebel hängt knapp über den Feldern. Das Thermometer steht bei über 26 Grad und steigt mit der Sonne. Ab 10 Uhr wird es 32 Grad überschreiten. Diese straffende Eigenschaft der Luft, als würde sie sich selbst für eine Belagerung zusammenziehen. Die Interstate ist dumpf und fahl. Vereinzelte andere Autos sehen gespenstisch aus, die Gesichter der Fahrer überwältigt von der feuchten Luft.

9 Uhr

Bis zur Eröffnung ist es noch eine Woche hin und diese Parkanlagen – so riesig und verzweigt, dass es für sie eine eigene Karte gibt – haben etwas Surreales. DieTeile der Ausstellung, die ich sehen kann, sind halb Gebäude halb Zelt und zeigen verschiedene Stadien des Aufbaus. Das Ganze sieht aus wie jemand, der sich für ein sehr wichtiges Date nur halb angezogen hat.

(…)

9 Uhr 50

Unterwegs auf Pressetour mit 6,5 km/h, in einer Art Flachboot mit Rädern und einer seitlichen Bank, die so merkwürdig hoch ist, dass alle mit den Füßen baumeln. Auf dem Traktor, der uns zieht, steht etwas von „Ethanol“ und „Bioantrieb“. Ich bin besonders scharf drauf zu sehen, wie die Schausteller auf dem Gelände die Bahnen für das „Happy Hollow“ hochziehen, aber zuerst geht es zu den Zelten für Unternehmen und Politik. Fast jedes Zelt befindet sich noch im Aufbau. Arbeiter krabbeln über Baugerüste. Wir winken; sie winken zurück; es ist absurd: wir bewegen uns mit 6,5 km/h. Auf einem Zelt steht: „Mais: Kommt täglich mit Ihrem Leben in Berührung.“ Es gibt riesige, mannigfarbige Zelte mit freundlicher Genehmigung von McDonald’s, Miller Genuine Draft, Morton Comercial Structures Corp., die Land of Lincoln Soybean Association („Schauen Sie, was mit Sojabohnen passiert!“), Pekin Energy Group („Wir sind stolz auf unsere hochentwickelte, computergesteuerte Fertigungstechnologie“), Illinois Pork Producers, die John Birch Society. Zwei Zelte, auf denen „Republican“ und „Democrat“ steht. Weitere, kleinere Zelte für verschiedene Amtsträger aus Illinois. Es ist deutlich über 30 Grad heiß und der Himmel hat die Farbe von alten Jeans.

Wir überqueren ein kleines Hügelsystem, um zur Landwirtschaftsausstellung zu kommen: Fünf Hektar mit bösartigen, spitzzähnigen Eggen, Traktoren, Furchgeräten, Mähdreschern. Dann geht es hinter dem großen, permanenten Kunsthandwerksgebäude, dem Illinois Building Senior Center und dem Expo Center wieder zurück – aufreizend nah am Happy Hollow vorbei, wo gigantische Bögen und Säulen halb zusammengebauter Bahnen zu sehen sind und wo tätowierte Typen, oben ohne, mit schwingendem Schraubenschlüssel, Bedrohlichkeit und Allzumenschliches ausschwitzen – und weiter geht’s, kriechend über einen asphaltierten Weg, Richtung Tiergebäude. Mittlerweile hat der Großteil der Presse den Wagen verlassen und läuft zu Fuß, um dem furchtbaren, blechern tönenden Tourlautsprecher zu entgehen. Pferdekomplex. Rinderkomplex. Schweinestall. Schafstall. Geflügelhaus und Ziegenstall. Das sind sämtlich lange Steinbaracken mit an beiden Enden offenen Seiten. Manche sind in Boxen unterteilt, manche in quadratischen Flächen parzelliert mit Abgrenzungen aus Aluminium. Innen sind sie geprägt von grauem Zement, Schummrigkeit und großen, wuchtigen Ventilatoren, Arbeiter in Overalls und Gummistiefeln säubern alles mit Wasserschläuchen. Es gibt bisher keine Tiere, aber hier drinnen hängen noch die Gerüche aus dem Vorjahr: Pferde riechen scharf, Kühe reichhaltig, Schafe ölig, Schweine entsetzlich. Keine Ahnung wie es im Geflügelhaus riecht, ich habe es nicht über mich gebracht, da rein zu gehen. Seit ich als Kind einmal auf einer Landwirtschaftsausstellung mit traumatischen Folgen angegriffen wurde, habe ich in Bezug auf Geflügel ein beständig fortdauerndes Phobie-Ding.

Die Abgase des Ethanol-Traktors riechen buchstäblich nach Blähungen, als wir an der Haupttribüne vorbei kriechen, wo später abendliche Konzerte, Tiershows und Autorennen stattfinden – „Der schnellste One-Mile Dirt Track der Welt“ – und weiter fahren, in Richtung des sogenannten „Hilf mir zu wachsen“-Zelts, um uns mit der First Lady des Staates, Brenda Edgar, kurzzuschließen. Das erste Anzeichen für den „Hilf mir zu wachsen“-Bereich ist das widerlich leuchtende Rot von Ronald McDonalds Haaren. Er hüpft um einen kleinen Plastikspielplatz herum, der sich unter einem bonbonfarben gestreiften Zeltdach befindet. Obwohl der Jahrmarkt angeblich geschlossen ist, tauchen auf rätselhafte Weise Horden von Kindern auf, die, während wir näher kommen, zu spielen anfangen, als wäre es eine Theaterprobe. Zwei der Kinder sind schwarz, die ersten Schwarzen, die ich auf dem ganzen Gelände gesehen habe. Keine Eltern in Sicht. Die Frau des Gouverneurs steht inmitten hartherzig dreinblickender Berater. Ronald gibt vor hinzufallen. Die Presse bildet einen Kreis. Mehrere State-Trooper in Khaki und Sonnenbräune schwitzen Bäche unter ihren Nelson Eddy-Hüten. Mrs. Edgar ist cool und gepflegt und auf eine gelackte Art hübsch. Sie befindet sich in einem Alter, das bei Frauen eher umschrieben wird. Ihr größtes Manko ist die Stimme, die sich fast anhört, als hätte sie Helium inhaliert. Das „Hilf mir zu wachsen“-Programm ist im Prinzip, wenn man die Rhetorik runterkocht, eine landesweite Notfallnummer, bei der durchgeknallte Eltern anrufen und sich davon überzeugen lassen können, mit dem Schlagen ihrer Kinder aufzuhören. Die Anzahl der Anrufer, die, laut Mrs. Edgar, allein in diesem Jahr die Nummer gewählt haben, ist so beeindruckend wie deprimierend. Glänzende Broschüren werden verteilt. Ronald McDonald fordert die Kinder, mit einer breiigen Stimme und einem durch die Hitze hüttenkäseartig gewordenen Make-up, dazu auf, zu ihm rüber zu kommen, um sich ein paar billige Kunststückchen und sokratisches Geplänkel abzuholen. Aus Mangel an journalistischem Killerinstinkt wurde ich ganz nach hinten gedrängt, wo mir die turmhohe Frisur von Miss Illinois Country Fairs, deren Funktion hier undurchsichtig bleibt, den Blick verstellt. Ich will ja nichts sagen, aber die Stimme von Ronald McDonald hört sich an, als hätte sie nicht nur unter der Einwirkung von frischer Landluft gestanden. Meine Gedanken verlieren sich unter dem Zelt. Auf allen Spielsachen und Gegenständen dieses Plastikspielplatzes steht „Mit freundlicher Unterstützung von“ und dann ein Firmenname.Viele Fotografen innerhalb des Kreises tragen grüne Safari-Westen und machen im Schneidersitz Aufnahmen von Mrs. Edgar aus der Froschperspektive. Von den Medien gibt es keine kritischen Fragen. Der Traktorwagen stößt eine beständige, tennissockenförmige, blaugrüne Abgaswolke aus. Mir fällt auf, dass das Gras unter dem „Hilf mir zu wachsen“-Zelt anders ist: kieferngrün und stachelartig. Solider, vornübergebeugter, investigativer Journalismus ergibt, dass es künstlich ist. Eine riesige Matte von künstlichem Plastikgras wurde über die echten Grasbüschel unter dem Zelt gerollt. Zum ersten Mal erlebe ich einen Moment voller Ostküsten-Zynismus: Ein kurzer Blick unter die Matte mit dem falschem Rasen offenbart das echte, sich darunter befindliche Gras; es ist plattgedrückt und bereits vergilbt.

(…)


David Foster Wallace, 1962 in Itahaca, New York geboren, zählte zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren seiner Generation. Er hat Literatur und Philosophie studiert, war Tennisprofi und unterrichtete zuletzt Creative Writing am Pomona College in Claremont, Kalifornien. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ (mare, 2011) und „Unendlicher Spaß“ (Kiepenheuer & Witsch, 2009). 2011 erschien sein unvollendeter Roman „The Pale King“ im Original, eine Übersetzung ist in Vorbereitung. David Foster Wallace starb am 12. September 2008.

© David Foster Wallace, mit freundlicher Genehmigung des David Foster Wallace Trust. Der Text ist 1994 unter dem Originaltitel “Ticket to the fair” im Harper’s Magazine erschienen. Jörn Dege hat ihn für Edit 57 ins Deutsche übersetzt.

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Nikil Saval

Wall of Sound (Auszug)

Vor zweieinhalb Jahren, am Tiefpunkt der Finanzkrise 2009, wunderte sich der Stadtsoziologe Sudhir Venkatesh in der New York Times darüber, dass der offensichtlich kriminelle Coup der Banken bis dato keinerlei Massenproteste heraufbeschworen hatte. Wo blieben die Mistgabeln, die Teerkessel, die Federn? Wichtiger noch, wo waren die Menschen, die sich zum Protest hätten formieren können? Venkatesh gab kurzerhand dem iPod die Schuld: „Im öffentlichen Raum braucht es spontane Interaktion, um die ‘Mob-Mentalität’ entstehen zu lassen. iPod-ähnliche Geräte vereinzeln die Menschen. Man kann sich schließlich keiner Bewegung anschließen, wenn man seine potentiellen Mitstreiter nicht hören kann. Gratulation zum bevorstehenden sozialen Wandel, Mr. Jobs.“ Venkateshs Vorschlag war zwar oberflächlich und leicht dahingesagt – als seltener Hinweis darauf, wie tiefgreifend das städtische Leben von der Musiktechnologie verändert wurde, war er jedoch bemerkenswert.

Die Bedenken, dass auf Tonträgern konservierte Musik Solipsismus und Isolation befördere, sind nichts Neues. Vor der Erfindung der Schallplatte und des Grammophons (1887) war Musikhören unweigerlich ein sozialer Akt. Ein wirklich privates Musikerlebnis ließ sich nur dadurch herbeiführen, dass man das Instrument selbst spielte oder in äußerer Stille eine Partitur durchging. Verfügte man über die entsprechenden Mittel, begab man sich aber wohl eher in das Panoptikum eines Konzertsaals und setzte sich in Begleitung von Verdi dem Sehen und Gesehenwerden aus – eine Erfahrung, die Edith Wharton in der Eröffnungszene ihres Romans „Zeit der Unschuld“ (1920) erschöpfend beschrieben hat, zu einem Zeitpunkt als dies alles schon außer Mode kam. Mit der technischen Reproduzierbarkeit entstand nun das bis dahin unvorstellbare Phänomen, multiinstrumentale Musik für sich allein hören zu können. Wie würden Sie reagieren, fragte ein Autor 1923 im Grammophone Magazine, stießen Sie auf jemanden, der diesem privaten Vergnügen frönt? Es wäre „als würden Sie einen Freund beim Kokainschnupfen erwischen, beim Leeren einer Flasche Whisky oder während er sich Strohhalme ins Haar flechtet. Unserer Ansicht nach sollten Menschen derlei Dinge nicht alleine tun, so erfreulich sie in Gesellschaft auch sein mögen.“

Während solitäres Musikhören manche dazu veranlasste, anrüchige Analogien zu anderen Formen der Selbstvergnügung zu ziehen, sahen andere darin die Emanzipation der Musik von den Tücken und visuellen Ablenkungen einer wirklichen Aufführung. Selbst der schwer verdauliche Adorno pries die Befreiung durch das Vinyl: „Ledig des faulen Zaubers, befreit sie [die LP, Anm. d. Übers.] sich zugleich von den Zufällen falscher Opernfeste.“ Während er sich einen Joint anzündet, entdeckt der Erzähler aus Ralph Ellisons Roman „Der unsichtbare Mann“ (1952) „einen neuen analytischen Ansatz Musik zu hören“, der ihm beim Verfolgen der melodischen Flüge von Louie Armstrongs Kornett neue Bedeutungsebenen offenbart. (Jazz, zwar prinzipiell eine Kunst der Live-Improvisation, profitierte enorm von seinen Aufnahmen, die sämtliche Nuancen im Rhythmus und im Timbre, in der Stimmung und Dynamik einfangen, und zwar besser als eine Notation es je könnte. Eine Tatsache, die Max Roach später sagen ließ, Schallplatten seien die eigentlichen „Lehrbücher“ des Jazz.)

Musikaufnahmen ermöglichten aber nicht nur solitäres ‘Hyper-Listening’. In den 1960er-Jahren begann Popmusik auf mysteriöse Weise neuartige soziale Bewegungen voranzutreiben. In seinen Memoiren berichtet der frühe Black Panther-Aktivist Bobby Seale, wie sein Mitstreiter Huey Newton eine ausgefeilte Deutung des Dylan-Songs „Ballad of a Thin Man“ als Gleichnis auf die Rassenprobleme entwickelte. „Der Song von Dylan wurde ein wichtiger Bestandteil der ganzen Veröffentlichungsaktion der Black-Panther-Zeitung. Während wir die Zeitung herausbrachten, lief diese Platte viele Male im Hintergrund, einige Ausgaben lang.“ Dabei war der Song nicht einmal offenkundig politisch, aber die erhabene Bedrohlichkeit, die er ausstrahlte, scheint sich in der Politik der Panther niedergeschlagen zu haben.

Die Sechziger waren die Dekade der Massenproteste und der Massenkonzerte zugleich, und dies sicher nicht durch Zufall. Barbara Ehrenreich schlug vor, dass die Wurzeln der zweiten Feminismus-Welle bei den kreischenden Mädchen zu suchen seien, die zu Zehntausenden die Stadien füllten, als die Beatles Mitte der sechziger Jahre durch die USA tourten, vom Shea Stadium in Queens zum Hollywood Bowl in Los Angeles. Diese Mädchen verhielten sich alles andere als damenhaft und forderten lautstark und beharrlich das ein, was sie wollten. Soziale Veränderungen beförderten musikalische Experimente, und dies galt bemerkenswerterweise auch umgekehrt. Die Musik dieser Ära war – hier lohnt die Wiederholung – eine Triebfeder des sozialen Wandels. Sie lieferte den Sound zur Verweigerung, reflexartig in den Krieg zu ziehen, den Sound zur Überschreitung sozialer und rassischer Grenzlinien; passend zur Haltung, dass es schon in Ordnung geht, sich ein bisschen durch die Betten zu schlafen, ebenso wie zum Anspruch einen Job zu ergattern, der nicht beschissen ist. Als vor kurzem sämtliche Alben der Beatles im iTunes Store verfügbar wurden, schoss allerdings nicht der Song „A Day in the Life“ an die Spitze der Top Chart, sondern „Twist and Shout“, ein triviales aber überaus ansteckendes Lied, das nicht einmal von Lennon und McCartney selbst stammt. Die fantastische Energie dieses Stücks ist tieferer Natur als seine I-IV-V-Akkordfolge, tiefer noch als John Lennons drängendes Timbre – offenkundig in der unheimlichen und bis heute mysteriösen Kraft, ein Stadion voll junger Leute in kollektive Ekstase und Besinnungslosigkeit versetzen zu können; die selben Leute, die später den Vietnamkrieg beenden sollten.

Die radikalen Hoffnungen der Sechziger zerfielen schließlich. Der beliebteste YouTube-Kommentar zu Joan Baez’ Version von „We Shall Overcome“ zeugt zugleich von Selbstzufriedenheit und Niedergeschlagenheit: „Obwohl wir offensichtlich gescheitert sind, bin ich froh, einer Generation anzugehören, die noch daran glaubte, Dinge verändern zu können“. Bereits in den frühen siebziger Jahren hatte die Popmusik ihre Kraft als Motor emanzipatorischer Bewegungen mehr oder weniger eingebüßt. Ihre Spielarten werden seitdem vor allem mit Lifestyle-Nischen, Konsumgewohnheiten und der Zugehörigkeit zu gewissen Subkulturen assoziiert. Der modernistische Imperativ „Mach alles neu!“, der die Popmusik ohnehin um Jahrzehnte verzögert erfasste, ist seither schwer vom Programm der Werbagenturen zu unterscheiden, das allein darauf abzielt, frische Produkte zu lancieren. Ermattung überkam die Popmusik-Enthusiasten, die mit gebrochenem Herzen auf die kurze Phase der kollektiven Verheißung zurückschauten, um sie daraufhin als listige Vorbereitung auf den Abstieg in ein Zeitalter höllischen Konsums zu verwerfen. Willkommen in Dystopia, ein ins Gegenteil gekipptes Himmelreich, wo die Musik niemals aufhört.

(…)

Nikil Saval ist Autor und redaktioneller Mitarbeiter
der Zeitschrift n+1.

“Wall of Sound” erschien zunächst in n+1, Ausgabe 11, und
wurde von Mathias Zeiske für Edit 57 ins Deutsche übersetzt.

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