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Edit 54/55

Edit 54/55

Prosaheft, 156 Seiten
Frühjahr 2011


In vieler Hinsicht ist sie was Besonderes, diese Ausgabe der Edit. Sie ist umfangreicher als sonst, sonderbar unsortiert und vor allem: ein Sonderheft zur Prosa. Im Zentrum stehen acht Prosatexte, die alle auf gänzlich verschiedene Weise die Möglichkeiten der Gattung aufzeigen oder ausreizen. Diesen Texten sind acht literarische Essays zu Themen wie Waghalsigkeit, Voyeurismus, filmische Narration oder Linearität an die Seite gestellt. Dazwischen finden sich dreizehn kurze Texte, die alle auf ihre eigene Art Prosa zum Thema haben. Wie gesagt, die neue Edit ist etwas Besonderes. Und in ihrem Sonderformat übrigens auch besonders schön.


Inhalt





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Nora Bossong

Was kann Prosa heute?

I.

Die Prosa ist wortlos, solange sie nicht benutzt wird, sie wird an die Wand gedrängt, während Sofa, Couchtisch, Fernseher den Mittelpunkt des Wohnzimmers besetzt halten. Was sollen wir heute mit ihr noch anfangen? Sollten wir nicht zugeben, dass die Möglichkeit der Filmnarration und die Entwicklung der Fernsehserie der an ihre Buchstaben geklammerten Prosa mittlerweile so weit voraus sind, dass es vollkommen sinnlos ist, überhaupt noch zu schreiben ohne Hinblick auf eine Verfilmung? Allein, noch unerträglicher als Romane sind Romane, die in Hinblick auf eine Verfilmung geschrieben werden. Sind Drehbuchautoren und Regisseure somit die einzig legitimen Erben des Epikers, des Romanciers?

Ein Roman ist mehr als Narration, Handlung, Abfilmbares. Er ist Sprache und zwar in dem Sinne, dass er die Sprache einer in Schieflage geratenen, einer seit jeher in Schieflage befindlichen Welt vorführen kann, die Sprachgrotesken aufzeigen, aus denen unser Miteinander besteht. Eine Arbeit an der Sprache ist immer auch eine Arbeit am Denken. Doch nicht nur das: Es ist auch eine Arbeit am Sehen und an unserer Vorstellungsfähigkeit.

Lesen wie auch Schreiben sind genuin einsame Tätigkeiten und unterscheiden sich so von dem gängigen Verhalten in unseren (so viel sei hinzugefügt: nicht nur westlichen) Gesellschaften, sie treten diesem Gruppentrott entgegen. Doch was ist damit gewonnen? Ist nicht die gemeinsame Tätigkeit eine viel heilsamere als die solitäre, eine ständige Verschlossenheit in sich selbst dagegen lediglich etwas für Menschen, die nichts lieber als eine bipolare Störung in sich heran züchten wollen?

Die Einsamkeit, so könnte man argumentieren, ist im Lesen nur eine körperliche, keine geistige, denn mittels Sprache tritt der Autor in Kommunikation mit dem Leser, die Figuren offenbaren ihr Weltbild und ihren Zugriff auf Welt durch Handlungen, Dialoge, Gedanken, Handhabung von Sprache und lassen so den Leser wenn nicht stärker, so doch anders teilhaben, als eine Fernsehserie dies leistet. Gerade durch die Beschränkungen, durch die Lücken, die wir als Leser füllen müssen*, verwachsen wir eng mit den Figuren, mit der Landschaft, mit dem Geschehen. Gerade die Beschränkung, die Literatur mit sich bringt und die Einsamkeit, die sie von uns einfordert, ermöglicht zudem eine Konzentration, die in einer viele Sinne ansprechenden, immer schnelleren Ästhetik folgenden Film- bzw. Fernsehnarration nicht mehr gegeben ist. Eine Arbeit an der Sprache überschwemmt uns nicht wie die mediale Bilderflut, die wir nicht selbst herstellen, nicht mehr angemessen verarbeiten, nur noch wegzappen können. Die Prosa kann wenig, aber gerade darin liegt auch ihre Chance.


II.

Die Prosa und der Film – natürlich müssen wir nicht, nur weil es das eine gibt, das andere aufgeben oder ins Museum verbannen. Nur weil es das Flugzeug gibt, braucht die Bahn nicht verschrottet werden. Von Hamburg nach Peking mit dem Zug zu fahren, erscheint so wenig angemessen wie von Hamburg nach Bremen zu fliegen. Beides sind Mittel der Fortbewegung, doch sie haben ihre je eigenen Fähigkeiten und Vorzüge.

Wo aber steht das Buch und weshalb hat sich das Einflussgebiet der filmischen Narration so inflationär ausgedehnt? Das Buch war, so könnte man überlegen, fast immer elitär, verändert hat sich nur, dass heute das Elitäre nicht mehr gefragt ist, sondern das Massentaugliche. Während es früher als zeichenhaftes Requisit auf den Porträts einflussreicher Menschen auftauchte und noch unsere Großeltern im Fotostudio anno 1930 vor der Kamera darin blätterten, ist es mittlerweile als Bildgegenstand ins Abseits geraten – verdrängt von kosmopolitischen Statussymbolen, dem Eifelturm, der Golden Gate Bridge, der chinesischen Mauer, all diese Zeichen, die unmittelbar verständlich sind, die für die Orte bürgen, an denen wir waren. Der derzeit beliebteste Status scheint nicht etwa Macht und schon gar nicht Wissen, sondern Omnipräsenz zu sein.

Die Preisschere zwischen Reisen und Lesen klappt zunehmend zusammen, einen Flug von Easyjet gibt es für 19 Euro, ein gebundenes Buch von Insel für 24 Euro. Ist man früher gerade mithilfe von Büchern gereist, d.h. durch Imagination fremden Orten näher gekommen, so fahren wir heute lieber selbst. Selber zu reisen geht zudem schneller. In zwei Stunden sind wir in Instanbul, Oslo oder Sevilla, während man mit Don Quixote gerade bei der ersten Taverne angekommen ist. Dass wir bei den spontan gebuchten Wochenendtrips über einen Postkartenblick nicht hinauskommen, stört kaum, Hauptsache, der visuelle Eindruck wird besessen.

Wollen wir einmal doch nicht weg vom Sofa, schalten wir den Fernseher ein, dort scheint alles echter, wahrer, natürlicher als das, was wir uns aufgrund der Sätze eines Buchs von der Fremde vorstellen. Dies meinen wir nicht nur, weil wir Echtheit in der kosmetisch inszenierten Oberfläche der Dinge suchen, sondern auch, weil wir überhaupt nach Echtheit fragen, als könnten wir der Welt ein Zertifikat anhängen wie einer Sammlerpuppe, als könnten wir unsere Wahrnehmung und Vorstellung beglaubigen lassen wie eine Zeugniskopie. Weshalb zieht uns das visuelle Medium so in seinen Bann, weshalb vertrauen wir ihm so sehr? Liegt es nur daran, dass es zugänglicher ist, von uns weniger Ergänzungsarbeit abverlangt? Es scheint auch um eine Vergleichbarkeit von Bildern zu gehen, als besäßen wir sie nur, wenn unsere Bilder mit denen der anderen identisch sind, wenn wir unseren Zugriff auf sie beweisen können. Welche Farbe hat der Eifelturm? Ich glaube, bronzefarben. Nein, leichter Grünspan. Unsinn, metallisch grau. Können wir den Beweis nicht erbringen, wird uns das Bild aberkannt. Bilder aber, die wir selbst erschaffen, lassen sich nicht beweisen.


III.

In der Tat, die Prosa ist so gesehen kein günstiges Medium mehr. Wir können ihren Besitz nicht absichern. Wir werden durch sie nicht in Szene gesetzt. Sie ist weder eine sonderlich preiswerte noch eine bequeme Art zu reisen und sie bietet uns keine fertigen, keine ausgefüllten Eindrücke. Die Bilder, aus denen der atmosphärische Kern einer Geschichte, eines Romans besteht, müssen von uns erschaffen und aus der Sprache in eine visuelle Vorstellung übersetzt werden. Hierüber wird es unser eigenes Bild. Der Tisch, den wir in der Fernsehsendung sehen, wurde von der Requisite ausgewählt, den Tresen, an dem Leopold Bloom sein Bier trinkt, wählen wir selber aus. Indem die Prosa uns in vielen Punkten die Entscheidung überlässt, indem sie uns nicht nur dazu bringt, den Plot durch Textanalyse aufzudröseln, sondern auch dazu zwingt, das Gesicht der Geschichte mitzugestalten, bewahrt sie uns zum einen jenen Teil des Denkens, der in einem durchtakteten Alltag andernfalls zu verkümmern droht, jenen Teil der fantasievollen Vorstellung, die den Blick auf die reinen Zweckzusammenhänge übersteigt, zum anderen und damit verbunden, macht sie uns zum Mit-Souverän unseres Denkens, unserer Gestaltung von Welt.

Die Dominanz des Visuellen, des medial veränderten und medial Verwalteten, erleben wir überall. Wir werden aufgenommen, wir werden wiedergegeben und das, was wir sehen, ist zu einem hohen Prozentsatz bereits durch ein technisches Medium verändert. Dem Fernsehbild, je einfacher es ist, glauben wir vieles, der Prosa wenig. Und das, obwohl die Prosa realer ist, denn wir können ihre Lücken nur mit dem ausfüllen, was unsere Erfahrung und unsere Fantasie, nicht jedoch die Fantasie von Programmen ermöglicht. Sie lässt keine Passivität zu. Sie lässt nicht zu, dass wir uns die Produktionsmittel des Sehens so einfach und ganz und gar abnehmen lassen. Wir können die Welt zwar nicht verstehen, aber wir können sie uns anschauen. Das ist viel, das ist eine gleichermaßen gewaltige wie zerbrechliche Gabe. Die Prosa erweitert und schärft unseren Blick, unsere Seh- und Vorstellungsgewohnheiten und sie tut dies nicht, indem sie uns auf die Plätze des Zuschauers verbannt. Wir werden nicht gesehen, wenn wir lesen – wir sehen selbst.


* Z.B. haben wir kein Bild von einer Figur, sondern nur Eckpunkte, lückenhafte Beschreibungen, die wir selbst zu einem Ganzen ausfabulieren, dem wir Farbe geben müssen. Der Film hat alle Farben bis zur letzten Ecke des Bildes schon ausgefüllt.

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Sebastian Polmans

Miniaturen

An alle


Ja, die Zeiten in der Büchse sind schwieriger geworden. Kurz nach meiner Ausbildung habe ich mich in ihr bescheiden eingerichtet: dieses und jenes Buch, ein Sessel, ein Akkordeon, das ich auch als kleinen Tisch nutze, Bierdeckel, verschiedene Stifte und ein guter Perserteppich. Manchmal bekomme ich von meinen Freunden Geschenke: Muscheln, Wassergläser, Hüte oder Steine. Die wertvollsten Sachen davon sammele ich an einem Ort in meiner Büchse, den ich nicht verraten möchte. Als Fenster habe ich nur die Öffnung nach oben zum Himmel raus. Nichts versperrt mir die Sicht. Die Wände sind noch dicht. Ich habe alles überprüft. Bevor in der Nacht die Steine in meine Büchse flogen, klopfte es gestern Nachmittag von außen gegen das Wellblech. Ein freier Reporter sei er, komme aus der gleichen Gegend wie ich und wolle mir einige Fragen stellen. Ich warf ihm ein Wasserglas nach draußen und eine Flasche Wein. Er sprach mit verzerrter Stimme, wahrscheinlich durch ein Megaphon, sodass es für mich nicht leicht war, seine Worte zu verstehen. Seine erste Frage zielte darauf ab, ob ich Netz hätte. Ich verneinte. Dann wollte er wissen, ob ich mir wenigstens vorstellen könnte, Netz zu haben. Nein, sagte ich. Er entschuldigte sich für einen Moment, bot mir dann einen Computer an, umsonst würde mir die Redaktion einer Zeitung das Gerät zur Verfügung stellen, den Netzanschluss gebe es kostenlos dazu. Bloß drei, vier Sätze, die müsse ich liefern, sagte er, jeden Tag, bis 18 Uhr. Ich saß gegen die Büchsenwand gelehnt und schwieg mich aus, bis der Reporter verschwand.

Er wusste nicht, dass mich, seit ich in der Büchse lebe, ein dünner Wollfaden mit meinen Freunden auf den übrigen Kontinenten verbindet. Bei Bedarf ziehe ich an dem Faden und warte, bis sich einer meldet, dann spreche ich, oder ich spüre an meinem Zeh, wie jemand am Faden zurrt, und höre gespannt zu.


Landstraße


Mit dem Bus fahren wir frühmorgens los, täglich, auch am Wochenende. Erst holen wir die Brüder am Kirchturm ab, sie riechen nach nassem Mehl, beide, der große und der kleine, der mittlere nach frischer Milch, und ich merke, ich werde gefahren und schlafe aber noch. An meinem ersten Schultag sehe ich durch die Windschutzscheibe hinter einem Kilometer freier Felder Streichhölzer, dicht nebeneinander, es müssten sechs sein. Wie Kerzen ragen sie in den Himmel, und je näher wir kommen, desto höher züngelt ihre Flamme, ohne zu erlöschen.

Jahre später, am gleichen Tag meiner Abschlussprüfung, sehe ich zu Hause mit einem Blick in den Spiegel auf meinem rechten Schulterblatt eine Brandwunde – kaum spürbar, aber groß wie ein Pfannkuchen. Sie muss sich dort schon seit Jahren befinden, schießt es mir durch den Kopf, als ich die Schüssel mit dampfendem Popcorn aus der Mikrowelle nehme.


Die Flut


Jeden Abend beobachte ich von meinem Hochsitz aus die Lichter. Auch wenn ich meinen Kollegen nichts davon erzählen darf, weil auf der letzten Jahreshauptversammlung beschlossen wurde, uns jegliche Ausblicke Richtung Meer zu verbieten. Vor kurzem haben sie sogar Sichtschutzdämme und Fallen am Waldrand postiert. Unter keinen Umständen soll jemand von uns auf die Dünen steigen, außer zur Jagdzeit. Mein Einspruch am Ende der Sitzung wurde abgewiesen. Trotzdem beharre ich darauf, dass es Amsterdam und Antwerpen nur deshalb gibt, weil man die Stämme unseres Waldes vor langer Zeit ins Meer stak. Die alten Jäger waren damals zwar nur für die Fällung und das Aufasten zuständig. Aber von der Absicht, damit Städte zu bauen, hat niemand erfahren, nur wir, die Nachkommen, Jahrhunderte später, die Namen der beiden Städte. Wir sind nicht nur verantwortlich für unseren Wald, sagte ich, sondern auch für die Städte. Man riet mir aufzupassen, was ich sage.

Wenn ich aus dem Haus gehe, habe ich neuerdings kein Gewehr mehr bei mir, nur versteckt unter meinem Parka die Angel und die Taschenlampe. Niemand steht auf meiner Seite. Das ist gut, so komme ich dazu, viel über das Meer und die Sümpfe zu lesen. Wenn es um die Gezeiten der vergangenen Jahre geht, übertrage ich die Daten in meine Kladde. Mir fehlen nur noch ein paar entscheidende Jahre aus dem Mittelalter. Morgen Nacht werde ich ins Forsthaus einbrechen, um die Geweihe zu stehlen und auf den Lichtungen auszulegen. Die Tiere des Waldes, die noch nicht am Strand sind, sollen wissen, dass es den anderen gut geht. Ich habe mir vorgenommen, bis Ende des Jahres allen den Weg in die beiden Städte zu ermöglichen. Es wird nicht ungefährlich, aber ich bin sicher, dass es klappt.

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Editorial

Edit 54/55

Verehrte Leserinnen und Leser,

ein Sonderheft zur Prosa, was soll das? Oder anders: was soll das sein? Wird Prosa nicht ohnehin schon in Unmengen geschrieben, beworben, besprochen und gekauft? Zweifellos, Prosa ist überall. Keine Bühne ohne Romanadaption, keine Straßenbahn ohne Whodunit. Über alles breitet sich die Prosa aus, nur eines scheint ihr als Gegenstand nicht relevant genug: die Prosa selbst.

Wie kommt das? Warum wird über Prosa als Gattung geschwiegen? Warum scheint es hier – anders als in der Lyrik – keinen Bedarf zur Selbstreflexion zu geben? Woher die Scheu, sich mit den eigenen Möglichkeiten auseinander zu setzen? Oder gibt es vielleicht gar keine offenen Fragen mehr? Das haben wir uns gefragt. Und andere. Die Reaktionen waren unterschiedlich: Manche hatten wegen Romanarbeiten keine Zeit sich mit Prosa auseinanderzusetzen oder erklärten sich schlicht für nicht ernsthaft genug. Einige aber schickten uns einen kleinen Text; das Ergebnis sind dreizehn gänzlich verschiedene Arten, Prosa zum Thema zu machen: So erzählt Martin Lechner die Geschichte einer Geschichte nach Feierabend, Ferdinand Schmatz verdichtet poetologische Skizzen zu einem „Prosakatalog“, Marlene Streeruwitz führt mit sich selbst ein Interview und Ulrike Draesner lässt einen Satz syntaktisch permutieren.

Wem das zu wenig ist, der findet in diesem Heft acht Essays, die sich der Waghalsigkeit in der Prosa, dem Rauschen als Poetik, dem Unterschied zu filmischer Narration und dem Zusammenhang zwischen Voyeurismus und Marktwirtschaft verschreiben. Bei all dem Reden über Prosa darf am Ende natürlich eines nicht zu kurz kommen: eben Prosa. Auch in diesem Sonderheft soll neue Literatur im Zentrum stehen, und zwar in Gestalt von acht Texten, die alle auf gänzlich verschiedene Weise die Möglichkeiten der Gattung aufzeigen oder ausreizen.

Achtmal Prosa, achtmal Essay, dreizehnmal Prosa über Prosa und eine Sammelrezension über Prosawerke auf Abwegen – ganz schön viel Papier für eine Edit. Zumal in dem ungewohnt prosaischen Format, das wir uns für diese Ausgabe herausgenommen haben, auf dass sie gut in der Hand liege.

Bleibt uns nur noch, eine beglückende Lektüre zu wünschen.

Ihre Edit-Redaktion

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