Edit ist eine Zeitschrift aus Leipzig, die dreimal im Jahr neue deutschsprachige Literatur präsentiert. Seit ihrer Gründung 1993 setzt sie sich für zeitgenössische Schreibweisen, die Vielfalt literarischer Formen und Erstübersetzungen ein. Seit 2014 erscheint bei Spector Books und mikrotext die Buchreihe VOLTE.

 

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Edit 76

Herbst 2018, 128 Seiten, €7

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Texte

  • Camilla Grudova • Wachspüppchen
  • Julia Veihelmann • Der dritte Versuch
  • Fleur Jaeggy • Ich bin der Bruder von XX
  • Charlotte Warsen • Palmen
  • Anne Carson • Kurze Reden
  • Maria Schumacher • Gedichte
  • Fiep van Bodegom & Judith Goudsmit • It is Fate, My Friend
  • Audun Mortensen • Vier Tage in Berlin
  • Cecilia Röski • Salome
  • Fiep van Bodegom • [Eine Maschine, die endlos Geschichten produziert]
  • Johannes von Dassel • Doitsugoi Fuckboy

 

Kunst

  • Justinas Vilutis • Dylan Spencer-Davidson • Flaka Haliti •
    Jana Euler • Cosima zu Knyphausen

 

Warten auf …

Wir warten ständig – auf Bus und Bahn, auf unsere Verabredung, beim Arzt. Nicht selten ergibt sich ein Gespräch mit unseren Mitwartenden, das seine ganz eigene Magie aus der zwangläufigen Pause entwickelt. Maruan Paschen hat sich deshalb mit Heinz Helle, Heike Geißler und Juan S. Guse zum Warten verabredet.

 

Die Webserie »Warten auf …« ist eine Produktion von EditLogbuch Suhrkamp und Hundertvierzehn. Das literarische Online-Magazin des S. Fischer Verlags.

 

 

Edit 53

Edit 53

66 Seiten, Herbst/Winter 2010

Editiert

Essay

Rezensionen

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Redaktion




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Dagmara Kraus

Venilia, febril

geloggt, das n-te Etmal; dein Grans abgehundet.
Meer, vorhin noch tobend, nun kahl – leegierig,
taubes Gestein hat’s den Seegang gestundet und
hyggt sich ans Kydige, glauque, ins Leere gegreint

dem Schralen facht sich ein Galst : befangen von
der Gan, der zaffrafarbenen Gan. Starres Funkeln
über dem Benthos, doloses, falschsilbrigdunkles
(Zinnwismutamalgam). Alfanzen, fährnisbetan

Wellensehnen sperren, gestaffelt und verstrebt
schnellend, den Blick aufs Glacé. Die See ist jetzt
Igel, fintenreich wieder wie die listige Tigerin, die
den Himmelsspiegel gleich einer Beute verteidigt

lahme Kage, schwimmen wir unter dem Großen
und dem Kleinen Wagen; Sterngewinde ins Blaue
getragen auch unsere Flagge, die an den güsten,
den hilblinden Tagen, ein Fetz, hantig am Mast

weint, beinahe verschwebend, wenn das Boot
sich im Wogen bewurzelt, sorgeverbrämt und
kein Segel mehr regend. Bis ein Glanzer wieder
den Topp überragt und die Segel hastig sich

fretten – zu den Sandschenkeln, gen irgend Land
-ende, Hafen. Den Bug aus der zärrenden Ödnis
zu retten. Ein Schwirrholz, in Schaumumarmung
ergriffen, schlafen, schlafen

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Johanna Maxl

Das fünfte Kind

Eines Morgens wachte meine Mutter auf und hatte ihr Kind verloren. Sie meinte, sie hätte es nicht mehr ernähren können, doch das glaubte ich nicht, auch ohne das Kind war sie noch immer dick. Ich fragte sie, ob sie sich daran erinnern könnte, wo genau sie das Kind verloren hatte, denn das war sehr wichtig. Meine Mutter überlegte. Sie war sich sicher, das Kind in der Wohnung verloren zu haben, es könnte im Badezimmer gewesen sein. Das Kind ist nicht weit gekom- men, sagte ich, es muss Spuren hinterlassen haben. Bestimmt finden wir es hier in der Wohnung.

Ich weckte meine drei Schwestern, um ein Suchkommando zu formieren, und in unseren Schlafanzügen durchkämmten wir alle Räume. Ich öffnete die Badezimmertür, da saß der Mann meiner Mutter auf der Toilette und rauchte und starrte mich aus seinen roten Augen an. Hastig sah ich in alle Schränke.

Die Schwester mit der Katzenhaarallergie fand verdächtige Blutspritzer an der Schlafzimmerwand, aber ich wusste, dass sie nur von Maja stammten. Maja war eine verrückte Katze gewesen, die sich einmal im Sprung die Pulsader an der Kante des Toilettentischs aufgerissen hatte und nach der Geburt dieser Schwester ins Tierheim gekommen war.

Außerdem fanden wir den alten Kunstlederkoffer des Vaters, mit dem er zu seinen Lebzeiten als Vertreter unterwegs gewesen war. Der Koffer enthielt alle möglichen Kosmetika, in schwarzen Kunststoffverpackungen mit einer goldenen Rose. Ich fand eine getönte Tagescreme, mit der wir uns alle die Gesichter eincremten. Das Kind fanden wir nicht.

Meine Mutter stand am geöffneten Kühlschrank und aß Nougatschokolade, ein milder Schein fiel aus dem Kühlschrank auf ihr Gesicht. Spöttisch fragte sie, ob wir das Kind schon gefunden hätten. Ich meinte, wir sollten die Suche auf das ganze Haus ausweiten, möglicherweise war das Kind doch aus der Wohnung gelangt, vielleicht hatte es jemand im Hausflur oder im Aufzug gesehen. Ich merkte, sie war ohne Hoffnung. Ich erinnerte die Mutter an unsere Katze, die einmal unter der Motorhaube eines Autos gesteckt hatte und nur befreit worden war, weil ich im Vorbeigehen ihr Miauen gehört hatte. Meine Mutter schüttelte nur kauend ihren Kopf und wollte mir plötzlich erzählen, Gott hätte das Kind zu sich genommen. Ich begriff schon, worauf sie hinauswollte. Aber das war zu einfach. Es gab ja keine Beerdigung und gar nichts, also klar, das Kind war am Leben, und meine Mutter wusste das auch. Sie war einfach nur zu schwach, um es zuzugeben. Sie stand vor mir und war klein und dick und gar nicht richtig lebensfähig. Immer schneller rieselte das Leben aus ihr heraus, ihre Schönheit, ihr nutzloser Stolz, richtungslose Liebe. Ich jedenfalls zog mir meine Micky- Maus-Jacke an und stürmte nach draußen.

Im Aufzug traf ich den Exhibitionisten. Ich fragte ihn, ob er gesehen hätte, wie ein winziges Kind das Haus verließ; aber der Exhibitionist zuckte nur mit seinen Schultern und war ungewöhnlich schüchtern.

Hey, fragte ich den Exhibitionisten, warum bist du heute so komisch drauf? Ich höre Schreie aus den Blumen, sagte der Exhibitionist. Die Blumen im Blumenkasten vor unserem Haus, Stiefmütterchen und so. Sie schreien die ganze Nacht. Wie kleine Säuglinge oder Kätzchen.

Du spinnst doch, sagte ich. Perverser Spinner. Der Aufzug hielt im Erdgeschoss und ich stieß die Tür auf und machte, dass ich wegkam. Moment, rief der Exhibitionist, er rannte mir nach und ergriff meinen Arm, Moment, sie schreien, ich schwörs dir, sie schreien, jede Nacht, ich zeigs dir! Der Exhibitionist ließ nicht locker, er lief die ganze Zeit hinter mir her und behauptete, dass ich mich heute Nacht mit ihm treffen müsste, und wollte mir unbedingt seine schreienden Blumen zeigen. Er fragte den Säufer, der auf der Treppe vor dem Hochhaus saß, ob er nicht auch in der Nacht diese Schreie aus dem Blumenkasten gehört hätte. Der Säufer trug seine Jeansklamotten, die immer um seinen Körper schlotterten, weil er so mager war. Er hatte graue Locken. Kann sein, sagte der Säufer, ja, ich glaube, ich höre auch diese Schreie, ich bin ziemlich sensibel. Aber man hört sie nur nachts, sagte der Exhibitionist. Nein, flüsterte der Säufer, nein, ich höre sie auch jetzt. Es ist, wie du sagst, die Blumen haben letzte Nacht geschrien, aber jetzt schreien sie wieder. Hört genau hin! Der Exhibitionist und ich lauschten. Es waren keine Schreie eigentlich, es war mehr ein Wimmern. Wir traten an den Blumenkasten, der so groß war, dass ich mich gut hätte hineinlegen können. Ich lauschte am Kopf eines Stiefmütterchens, dann an der Blumenerde, aber das Wimmern klang noch immer entfernt. Es kommt aus der Erde, erklärte ich dem Exhibitionisten. Der Exhibitionist rief dem Säufer zu: Es kommt aus der Erde! Der Säufer schrie: Wartet, ich hab eine Spitzhacke!

Als der Säufer uns die Spitzhacke brachte, war der Exhibitionist ziemlich scharf darauf, zu graben, aber ich legte meine Hand auf seinen Arm und sagte: Nein, ich werde es tun. Ich hob die Spitzhacke hoch über meine Schulter und hieb sie mit aller Kraft in die Erde.

Die Schreie verstummten, aber wir gruben weiter, ich mit der Spitzhacke, der Exhibitionist mit den Händen. Wir förderten alles mögliche Zeug zutage, eine volle Zigarettenschachtel in einer Socke, von der ich wusste, dass die jugoslawischen Flüchtlingskinder sie hier deponiert hatten, und immer mehr Tierchen, Würmer, Käfer und schließlich weiße Maden, die an der Spitzhacke kleben blieben. Der Säufer stand zufrieden daneben, sah uns zu und steckte sich eine der Zigaretten an.

Ganz unten, auf dem Grund des Blumenkastens fanden wir das Kind. Es war ein Neugeborenes. Es war voller Erdkrümel und anderer Dinge, die wir zuerst gar nicht verstanden, als wir sie sahen. Halme und Blüten waren es, sie verteilten sich auf dem Körper des Kindes und wuchsen auf seinem winzigen, weichen Kopf.

Hallo, sagte ich. Hab keine Angst, sagte der Exhibitionist. Das Kind war ganz still. Es sah uns nur an aus seinen Augen, in denen irgendetwas tanzte, und reckte uns seine Ärmchen entgegen. Ich lächelte und versuchte, das Kind hochzuheben, da schlangen sich Brennnesseln um meine Arme und ich ließ es wieder los. Das Kind öffnete seinen Mund und Blumen schossen daraus hervor.

Es ist ein Wunder! Wir müssen es ins Krankenhaus bringen! sagte der Exhibitionist. Nein, sagte der Säufer und trat seine Zigarette aus, wir müs- sen es beschützen.

Der Säufer schulterte seine Spitzhacke, ging ins Haus, und als er zurückkam, trug er Teerhandschuhe und hatte einen blauen Plastiksack dabei. Ich habe eine Hütte im Wald, erklärte er, während er das Kind vorsichtig einpackte und die Tulpen und Brombeerranken zurückdrängte, die aus dem Plastiksack wucherten, dort ist es sicher. Ja, sagte ich, ich bin froh.

Der Säufer wickelte den Plastiksack in seine Jeansjacke, nahm das Bündel in die Arme und verschwand damit.

Der Exhibitionist sammelte ein paar übrige Blumen vom Boden auf und stopfte sie sich in die Taschen. Komm, sagte er zu mir. Im Aufzug holte er sein Ding raus und begann daran herumzudrücken. Er fragte mich auch, ob ich mal anfassen wolle. Im siebten Stock drückte ich die Tür auf und rannte, das Lachen des Exhibitionisten im Rücken. Alles war wie immer. Meine Mutter lag in der Badewanne und aß Nougatschokolade. Sie sagte: Ich habe mich jetzt sterilisieren lassen, und zeigte mir ihren geklammerten Bauch. Ich setzte mich auf den Hocker neben der Badewanne und baumelte mit den Beinen.

Bald packte sie alle ihre Kinder zusammen und verschwand; und ihr Mann, der seine Familie verloren hatte, legte sich hin und starb. Die Mutter bekam die Brille des Toten, unbrauchbar, winzige Reste von Erbrochenem trüben die Gläser. Trotzdem setzt sie die Brille manchmal auf, wer weiß, was sie alles damit sehen kann. Der Exhibitionist sitzt jetzt jedenfalls im Gefängnis. Der Säufer handelt mit Blumen. Das fünfte Kind ist noch immer in seinem Haus im Wald.

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Ivonne Dippmann


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