David Foster Wallace
Weg von dem Gefühl, von allem bereits ziemlich weit weg zu sein (Auszug)
5. August 1993, Interstate 55, Westbound, 8 Uhr
Auf dem Großen Jahrmarkt von Illinois in Springfield ist heute Pressetag und ich muss um 9 Uhr auf dem Gelände sein, um mir meine Akkreditierung abzuholen. Ich stelle mir eine Akkreditierung als weiße Karte im Hutband eines Fedora vor. Ich habe noch nie zuvor als einer von der Presse gegolten. Mein wirkliches Interesse an der Akkreditierung besteht darin, umsonst in die Achterbahnen und Shows zu kommen. Ich komme frisch von der Ostküste, im Auftrag eines Ostküsten-Magazins. Warum die sich für den Jahrmarkt von Illinois interessieren, ist mir nicht ganz klar. Vermutlich hauen sich die Redakteure von Ostküsten-Magazinen immer mal wieder an die Stirn und ihnen wird klar, dass 90 Prozent der USA zwischen den Küsten liegen und sie denken, dass man da mal jemand hinschicken muss, der eine tropenbehelmte, anthropologische Reportage macht über etwas Ländlich-Kernländliches. Ich glaube, sie haben mich gefragt, weil ich hier aufgewachsen bin, nur ein paar Autostunden entfernt von Springfield im Süden. Ich war aber nie auf einem dieser großen, zentralen Jahrmärkte – das Level der lokalen war für mich sozusagen bereits der Gipfel. Ehrlich gesagt, war ich schon lange nicht mehr in Illinois und ich kann nicht behaupten, es vermisst zu haben.
Die Hitze kenne ich nur zu gut. Im August dauert es Stunden, bis sich der Morgennebel weggebrannt hat. Die Luft ist wie feuchte Wolle. 8 Uhr ist zu früh, um das Einschalten einer Klimaanlage zu rechtfertigen. Die Sonne ist ein Klecks an einem Himmel, der weniger bewölkt ist als opak. Die Maisfelder beginnen direkt an der Standspur und gehen durch bis zum Saum des Himmels. Im August steht der Mais in Illinois so hoch wie ein hochgewachsener Mann. Mit all den Errungenschaften der Düngung ist er heutzutage bereits am 1. Juni kniehoch. Die Heuschrecken zirpen in jedem Feld, ein blechern-elektrischer Sound, der im Innern des beschleunigenden Autos seltsam gedoppelt wird. Mais, Mais, Sojabohnen, Mais, Ausfahrt, Mais und alle paar Meilen ein Außenposten, weit draußen in unerreichbarer Ferne: ein Haus, ein Baum mit Reifenschaukel, Scheune, Satellitenschüssel. Das einzige, was die Skyline bildet, sind Getreidesilos. Nebel hängt knapp über den Feldern. Das Thermometer steht bei über 26 Grad und steigt mit der Sonne. Ab 10 Uhr wird es 32 Grad überschreiten. Diese straffende Eigenschaft der Luft, als würde sie sich selbst für eine Belagerung zusammenziehen. Die Interstate ist dumpf und fahl. Vereinzelte andere Autos sehen gespenstisch aus, die Gesichter der Fahrer überwältigt von der feuchten Luft.
9 Uhr
Bis zur Eröffnung ist es noch eine Woche hin und diese Parkanlagen – so riesig und verzweigt, dass es für sie eine eigene Karte gibt – haben etwas Surreales. DieTeile der Ausstellung, die ich sehen kann, sind halb Gebäude halb Zelt und zeigen verschiedene Stadien des Aufbaus. Das Ganze sieht aus wie jemand, der sich für ein sehr wichtiges Date nur halb angezogen hat.
(…)
9 Uhr 50
Unterwegs auf Pressetour mit 6,5 km/h, in einer Art Flachboot mit Rädern und einer seitlichen Bank, die so merkwürdig hoch ist, dass alle mit den Füßen baumeln. Auf dem Traktor, der uns zieht, steht etwas von „Ethanol“ und „Bioantrieb“. Ich bin besonders scharf drauf zu sehen, wie die Schausteller auf dem Gelände die Bahnen für das „Happy Hollow“ hochziehen, aber zuerst geht es zu den Zelten für Unternehmen und Politik. Fast jedes Zelt befindet sich noch im Aufbau. Arbeiter krabbeln über Baugerüste. Wir winken; sie winken zurück; es ist absurd: wir bewegen uns mit 6,5 km/h. Auf einem Zelt steht: „Mais: Kommt täglich mit Ihrem Leben in Berührung.“ Es gibt riesige, mannigfarbige Zelte mit freundlicher Genehmigung von McDonald’s, Miller Genuine Draft, Morton Comercial Structures Corp., die Land of Lincoln Soybean Association („Schauen Sie, was mit Sojabohnen passiert!“), Pekin Energy Group („Wir sind stolz auf unsere hochentwickelte, computergesteuerte Fertigungstechnologie“), Illinois Pork Producers, die John Birch Society. Zwei Zelte, auf denen „Republican“ und „Democrat“ steht. Weitere, kleinere Zelte für verschiedene Amtsträger aus Illinois. Es ist deutlich über 30 Grad heiß und der Himmel hat die Farbe von alten Jeans.
Wir überqueren ein kleines Hügelsystem, um zur Landwirtschaftsausstellung zu kommen: Fünf Hektar mit bösartigen, spitzzähnigen Eggen, Traktoren, Furchgeräten, Mähdreschern. Dann geht es hinter dem großen, permanenten Kunsthandwerksgebäude, dem Illinois Building Senior Center und dem Expo Center wieder zurück – aufreizend nah am Happy Hollow vorbei, wo gigantische Bögen und Säulen halb zusammengebauter Bahnen zu sehen sind und wo tätowierte Typen, oben ohne, mit schwingendem Schraubenschlüssel, Bedrohlichkeit und Allzumenschliches ausschwitzen – und weiter geht’s, kriechend über einen asphaltierten Weg, Richtung Tiergebäude. Mittlerweile hat der Großteil der Presse den Wagen verlassen und läuft zu Fuß, um dem furchtbaren, blechern tönenden Tourlautsprecher zu entgehen. Pferdekomplex. Rinderkomplex. Schweinestall. Schafstall. Geflügelhaus und Ziegenstall. Das sind sämtlich lange Steinbaracken mit an beiden Enden offenen Seiten. Manche sind in Boxen unterteilt, manche in quadratischen Flächen parzelliert mit Abgrenzungen aus Aluminium. Innen sind sie geprägt von grauem Zement, Schummrigkeit und großen, wuchtigen Ventilatoren, Arbeiter in Overalls und Gummistiefeln säubern alles mit Wasserschläuchen. Es gibt bisher keine Tiere, aber hier drinnen hängen noch die Gerüche aus dem Vorjahr: Pferde riechen scharf, Kühe reichhaltig, Schafe ölig, Schweine entsetzlich. Keine Ahnung wie es im Geflügelhaus riecht, ich habe es nicht über mich gebracht, da rein zu gehen. Seit ich als Kind einmal auf einer Landwirtschaftsausstellung mit traumatischen Folgen angegriffen wurde, habe ich in Bezug auf Geflügel ein beständig fortdauerndes Phobie-Ding.
Die Abgase des Ethanol-Traktors riechen buchstäblich nach Blähungen, als wir an der Haupttribüne vorbei kriechen, wo später abendliche Konzerte, Tiershows und Autorennen stattfinden – „Der schnellste One-Mile Dirt Track der Welt“ – und weiter fahren, in Richtung des sogenannten „Hilf mir zu wachsen“-Zelts, um uns mit der First Lady des Staates, Brenda Edgar, kurzzuschließen. Das erste Anzeichen für den „Hilf mir zu wachsen“-Bereich ist das widerlich leuchtende Rot von Ronald McDonalds Haaren. Er hüpft um einen kleinen Plastikspielplatz herum, der sich unter einem bonbonfarben gestreiften Zeltdach befindet. Obwohl der Jahrmarkt angeblich geschlossen ist, tauchen auf rätselhafte Weise Horden von Kindern auf, die, während wir näher kommen, zu spielen anfangen, als wäre es eine Theaterprobe. Zwei der Kinder sind schwarz, die ersten Schwarzen, die ich auf dem ganzen Gelände gesehen habe. Keine Eltern in Sicht. Die Frau des Gouverneurs steht inmitten hartherzig dreinblickender Berater. Ronald gibt vor hinzufallen. Die Presse bildet einen Kreis. Mehrere State-Trooper in Khaki und Sonnenbräune schwitzen Bäche unter ihren Nelson Eddy-Hüten. Mrs. Edgar ist cool und gepflegt und auf eine gelackte Art hübsch. Sie befindet sich in einem Alter, das bei Frauen eher umschrieben wird. Ihr größtes Manko ist die Stimme, die sich fast anhört, als hätte sie Helium inhaliert. Das „Hilf mir zu wachsen“-Programm ist im Prinzip, wenn man die Rhetorik runterkocht, eine landesweite Notfallnummer, bei der durchgeknallte Eltern anrufen und sich davon überzeugen lassen können, mit dem Schlagen ihrer Kinder aufzuhören. Die Anzahl der Anrufer, die, laut Mrs. Edgar, allein in diesem Jahr die Nummer gewählt haben, ist so beeindruckend wie deprimierend. Glänzende Broschüren werden verteilt. Ronald McDonald fordert die Kinder, mit einer breiigen Stimme und einem durch die Hitze hüttenkäseartig gewordenen Make-up, dazu auf, zu ihm rüber zu kommen, um sich ein paar billige Kunststückchen und sokratisches Geplänkel abzuholen. Aus Mangel an journalistischem Killerinstinkt wurde ich ganz nach hinten gedrängt, wo mir die turmhohe Frisur von Miss Illinois Country Fairs, deren Funktion hier undurchsichtig bleibt, den Blick verstellt. Ich will ja nichts sagen, aber die Stimme von Ronald McDonald hört sich an, als hätte sie nicht nur unter der Einwirkung von frischer Landluft gestanden. Meine Gedanken verlieren sich unter dem Zelt. Auf allen Spielsachen und Gegenständen dieses Plastikspielplatzes steht „Mit freundlicher Unterstützung von“ und dann ein Firmenname.Viele Fotografen innerhalb des Kreises tragen grüne Safari-Westen und machen im Schneidersitz Aufnahmen von Mrs. Edgar aus der Froschperspektive. Von den Medien gibt es keine kritischen Fragen. Der Traktorwagen stößt eine beständige, tennissockenförmige, blaugrüne Abgaswolke aus. Mir fällt auf, dass das Gras unter dem „Hilf mir zu wachsen“-Zelt anders ist: kieferngrün und stachelartig. Solider, vornübergebeugter, investigativer Journalismus ergibt, dass es künstlich ist. Eine riesige Matte von künstlichem Plastikgras wurde über die echten Grasbüschel unter dem Zelt gerollt. Zum ersten Mal erlebe ich einen Moment voller Ostküsten-Zynismus: Ein kurzer Blick unter die Matte mit dem falschem Rasen offenbart das echte, sich darunter befindliche Gras; es ist plattgedrückt und bereits vergilbt.
(…)
David Foster Wallace, 1962 in Itahaca, New York geboren, zählte zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren seiner Generation. Er hat Literatur und Philosophie studiert, war Tennisprofi und unterrichtete zuletzt Creative Writing am Pomona College in Claremont, Kalifornien. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ (mare, 2011) und „Unendlicher Spaß“ (Kiepenheuer & Witsch, 2009). 2011 erschien sein unvollendeter Roman „The Pale King“ im Original, eine Übersetzung ist in Vorbereitung. David Foster Wallace starb am 12. September 2008.
© David Foster Wallace, mit freundlicher Genehmigung des David Foster Wallace Trust. Der Text ist 1994 unter dem Originaltitel “Ticket to the fair” im Harper’s Magazine erschienen. Jörn Dege hat ihn für Edit 57 ins Deutsche übersetzt.