Sascha Macht
Die Begleiter (Auszug)
Vor wenigen Monaten, nämlich in der Zeit zwischen den Jahren, jene Tage, in denen die Weihnachtsfeiertage ihr Ende finden und man sich bereits auf das Silvesterfest vorbereitet (Tage, in denen die Furcht in meinem Herzen überhandnimmt), stieß ich durch Zufall auf den alten Periander, das heißt, ich betrat wie von Sinnen eine Bibliothek (obwohl ich eigentlich woandershin wollte), steuerte auf das erstbeste Bücherregal zu, das mir ins Auge fiel, zog das erstbeste Buch heraus, das mir ins Auge fiel, und in diesem Buch las ich von Periander, dem zweiten Tyrann von Korinth, der es mit dem Leichnam seiner Frau getrieben, Bordellbesitzer ins Meer geworfen und einmal, als er zur Mittagsstunde durch den Hain der Artemis schritt, fest daran geglaubt hatte, auf zahllosen Schlangen zu gehen, deren Häute gefärbt waren in allen Farben dieser Erde.
Als ich zurück auf die Straße trat, hatte der Himmel über der Stadt eine Farbe angenommen, die zu beschreiben nicht der Rede wert ist. Ich verbrachte den Neujahrswechsel wie ein Halunke, trieb mich für einige Stunden in meinem Viertel herum, drang in die leeren Wohnungen meiner wenigen Freunde ein und stahl fast ihre gesamten Lebensmittel und einige ihrer Pflegeprodukte, sprang hinter einer Litfaßsäule hervor und erschreckte eine Gruppe Kinder, träumte um dreiundzwanzig Uhr zweiundzwanzig davon, um null Uhr eins eine Frau zu küssen oder einen Mann, briet mir ein Ei auf, zerschlug mit der flachen Hand eine Fliege auf dem Fernsehbildschirm (eine zähe, furchtlose Fliege des Winters, deren Überleben bis zum Frühling gefährliche Auswirkungen auf das Leben aller Menschen dieser Stadt gehabt hätte), spuckte auf den Teppich, als das neue Jahr begann, und las in einem Buch den Namen Phalaris von Akragas, und ich las mit wachsendem Entsetzen, dass sich jener Phalaris, Tyrann auf Sizilien, von dem Künstler Perilles einen gigantischen Stier aus Bronze hatte bauen lassen, in dem der Phalaris schließlich seine Feinde zu rösten pflegte, ich las also (während sich der Blick mir trübte und in den Ecken meiner Wohnung winzige Schatten wimmelten), dass der Künstler Perilles einen Ofen gebaut hatte in Form eines Stieres, ein grausames Folterinstrument, aus dem die Schmerzensschreie der Gerösteten wie Stiergebrüll hervordrangen, ein Umstand, der dem Künstler Perilles vielleicht schon bei der Planung der Konstruktion bewusst gewesen war oder allerspätestens bewusst wurde, als Phalaris ihn als Ersten ins Innere des Stieres sperren ließ.
‚Auwei‘, dachte ich (ich hätte es auch sagen können, aber ich dachte es nur) und stellte mich auf meinen Balkon. Raketen explodierten in der Nacht, Betrunkene johlten, Flugzeuge oder Satelliten oder Sterne waren keine zu sehen, der Wind huschte über den schmutzigen Schnee wie ein flüchtendes Gespenst, und ich war der festen Ansicht, dass sich in den Wolken etwas Unheimliches zusammenbraute.
Der Januar verlief schmerzhaft, aber erträglich. Ich versuchte, meine Freunde auf ihren Handys zu erreichen, doch sie nahmen nicht ab. Vor einem Kaufhaus in der Innenstadt stürzte ein alter Mann zu Boden und starb so schnell, dass ihm niemand mehr zu Hilfe kommen konnte. Im Fernsehen diskutierte eine vierköpfige Gruppe von Leuten darüber, ob das Ende der Zeit nur Leben und Sterben des Menschen beträfe oder überhaupt alles Leben und Sterben auf der Erde, also auch das Leben und Sterben der Tiere, der Pflanzen, der Flüsse, des Windes, der Gebirge, der Bodenschätze und der Atmosphäre. Ich verstand nicht viel von dem, was sie sagten, doch als ich mich vor den Fernseher kniete, um das Gesicht jedes Gesprächsteilnehmers sehr genau zu betrachten (ein grünes Gesicht, ein graues Gesicht, ein schutzloses Gesicht und ein Gesicht mit glänzenden Wangen), da erblickte ich in den Augen der einen Furcht, in den Augen der anderen Zuversicht; eine trockene Enttäuschung breitete sich in mir aus, also schaltete ich schnell das Fernsehgerät ab und beschloss, es nicht wieder, nie wieder!, einzuschalten. Kurz darauf fesselte der ruhmreiche Numir Khan zwanzig Verräter an eine Herde verrückt gewordener Pferde und ließ sie tagelang durch sein riesiges Steppenreich galoppieren, bis niemand von ihnen mehr übrig war, weder Pferde noch Verräter. Das Geflüster in den Zwischenwänden, auf der Straße und oben im Himmel wühlte mich zunehmend auf, auch wenn ich mir nichts anmerken ließ beim Blick aus dem Fenster.
(…)
Sascha Macht, 1986 in Frankfurt (Oder) geboren, studiert seit 2007 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Mitglied des Autorenkollektivs „Vereinigung 1. Februar“. Veröffentlichungen von Prosa, Lyrik und Dramatik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften (u.a. Edit, Tippgemeinschaft und Neue Rundschau), außerdem Beiträge auf dem Blog Der untergehende Fisch. 2011 wurde er zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen und war Stipendiat des Künstlerhauses Lukas, Ahrenshoop. Er lebt in Leipzig.